Was ist Liebe?

Ich sehe eine Frau und einen Mann. Sie halten sich an der Hand. So wie sie einander anschauen, ist es ganz klar: Sie lieben sich. – Meine Gedanken gehen zurück in die Zeit, als ich mich zum ersten Mal verliebt habe. Alte Gefühle werden in mir wach. Momente des Glücks. Das Gefühl, verstanden zu werden. Das Gefühl, geliebt zu werden. Mit Haut und Haaren, mit Herz und Verstand. Die Bereitschaft, zu geben und zu bekommen. Vorbehaltlos. Ohne Einschränkung. Ohne Angst, etwas zu verlieren.

Was ist Liebe?

Ich sehe eine Frau und einen Mann. Sie sind alt geworden. Gebrechlich. Viel haben sie sich nicht zu erzählen. Vieles ist schon gesagt. Vielleicht steht auch manches zwischen ihnen. Aber sie sind zusammengeblieben, haben es miteinander ausgehalten. In dem, was sie sagen, klingt eine lange, gemeinsame Geschichte an. Und es gibt Momente, in denen Zärtlichkeit und gegenseitiges Vertrauen spürbar werden. Gelebte Treue. Immer noch. Immer wieder neu.

Was ist Liebe?

Ich sehe ein Kind und eine junge Frau. Das Kind ist noch klein. Es schmiegt sich an seine Mutter. Vorsichtig erkundet es die neue Umgebung. Taut auf, wagt sich vor. Um ganz schnell zurückzukehren in den Schoß seiner Mutter. Das Her und Hin wiederholt sich mehrere Male. Mir scheint, dass die Frau ihr Kind loslässt und doch zugleich beschützt. Mit ihren Augen und Ohren die Situation abschätzt und handelt, wenn es notwendig wird. Ihrem Kind Freiräume eröffnet und zugleich da ist, wenn sie gebraucht wird.

Was ist Liebe?

Ich sehe auf mich selbst und auf meinen Vater. Mein Vater ist pflegebedürftig, aber er wird gut versorgt in dem Altersheim, in dem er jetzt wohnt. Plötzlich wächst mir eine neue Rolle zu. Wenn ich ihn besuche, dann reden wir nicht nur miteinander. Ich zünde ihm seine Zigarette an, weil eine Hand gelähmt ist. Ich binde ihm die Schuhe zu, weil er sich nicht mehr bücken kann. Alles geschieht mit Selbstverständlichkeit und Natürlichkeit, ohne dass wir beide viel Aufhebens davon machen. Weil ich weiß, wie schwer es ihm fällt, sich helfen zu lassen, kann ich es in großer Vertrautheit tun. Selten habe ich die Nähe zwischen uns so gespürt wie jetzt.

Was ist Liebe?

Ich möchte mich heute Abend einer weiteren Figur der Passionsgeschichte annähern. Sie kennen Sie alle. Vielen gilt sie als die Geliebte Jesu. Maria Magdalena.

Die besondere Nähe zwischen Jesus und dieser Frau, die er geheilt hat, hat die Phantasie der Menschen schon immer beschäftigt, so dass sich verschiedene Frauengeschichten in Maria Magdalena verknüpft haben. Wir wissen, dass sie nicht diejenige „Sünderin“ war, die mit ihren Tränen die Füße Jesu netzt und sie ihm mit ihren Haaren abtrocknet, aber wir bringen die Nähe, die in dieser Geschichte spürbar ist, unwillkürlich mit ihr und mit Jesus in Verbindung.

Genannt wird Maria Magdalena – mit Ausnahme einer Aufzählung, durch die wir von ihrer Heilung erfahren – im engeren Sinn nur in der Passionsgeschichte. Sie ist– im Gegensatz zu den Jüngern – eine Augenzeugin der Kreuzigung. Sie hält den Schmerz aus. Und so sieht sie auch, wohin Jesu Leichnam gebracht wird.

Zusammen mit anderen Frauen macht sie sich am übernächsten Tag auf den Weg, um Jesu Leichnam zu salben. Ein starkes Zeichen der Liebe, denn während die Jünger durch Abwesenheit auffallen – möglicherweise in berechtigter Sorge um Leib und Leben – lassen sich die Frauen vom Kreuz und vom Grab nicht fernhalten.

Nichts, was zwischen Jesus und Maria Magdalena geschieht, muss exklusiv verstanden werden. Es gibt andere Frauen, die Jesus in besonderer Weise nahe sind. Auch unter dem Kreuz, auch auf dem Weg zum Grab. Jedoch ist die Begegnung zwischen dem Auferstandenen und Maria im Johannesevangelium in einer Weise dargestellt, die starke sinnliche Momente hat.

Maria von Magdala

11 Maria aber stand draußen vor dem Grab und weinte. Als sie nun weinte, schaute sie in das Grab

12 und sieht zwei Engel in weißen Gewändern sitzen, einen zu Häupten und den andern zu den Füßen,
wo sie den Leichnam Jesu hingelegt hatten.

13 Und die sprachen zu ihr: Frau, was weinst du? Sie spricht zu ihnen: Sie haben meinen Herrn weggenommen,
und ich weiß nicht, wo sie ihn hingelegt haben.

14 Und als sie das sagte, wandte sie sich um und sieht Jesus stehen und weiß nicht, daß es Jesus ist.

15 Spricht Jesus zu ihr: Frau, was weinst du? Wen suchst du? Sie meint, es sei der Gärtner, und spricht zu ihm:
Herr, hast du ihn weggetragen, so sage mir, wo du ihn hingelegt hast; dann will ich ihn holen.

16 Spricht Jesus zu ihr: Maria! Da wandte sie sich um und spricht zu ihm auf hebräisch: Rabbuni!, das
heißt: Meister!

17 Spricht Jesus zu ihr: Rühre mich nicht an! Denn ich bin noch nicht aufgefahren zum Vater. Geh aber hin
zu meinen a Brüdern und sage ihnen: Ich fahre auf zu meinem Vater und zu eurem Vater, zu meinem Gott
und zu eurem Gott.

18 Maria von Magdala geht und verkündigt den Jüngern: Ich habe den Herrn gesehen, und das hat er
zu mir gesagt.
 

Jesus spricht Maria mit ihrem Namen an. Erst da erkennt sie, wen sie vor sich hat – wir werden an eine beinahe gleich lautende Szene aus dem Hohelied Salomos (Kap 3, 1-4) erinnert, die in einem eindeutig erotischen Kontext steht.

31 Des Nachts auf meinem Lager suchte ich, den meine Seele liebt. Ich suchte; aber ich fand ihn nicht.

2 Ich will aufstehen und in der Stadt umhergehen auf den Gassen und Straßen und suchen, den meine
Seele liebt. Ich suchte; aber ich fand ihn nicht.

3 Es fanden mich die Wächter, die in der Stadt umhergehen: »Habt ihr nicht gesehen, den meine Seele liebt?«

4 Als ich ein wenig an ihnen vorüber war, da fand ich, den meine Seele liebt. Ich hielt ihn und ließ ihn nicht
los, bis ich ihn brachte in meiner Mutter Haus, in die Kammer derer, die mich geboren hat. -

Jesus und Maria sind so miteinander vertraut, dass der Klang der Stimme das Erkennen auslöst. Zwar schafft Jesus zwischen ihnen Distanz: „Rühr mich nicht an. Denn ich bin noch nicht aufgefahren zum Vater.“ Auf den ersten Blick eine schroffe Zurückweisung.  Aber – so legt der Umkehrschluss nahe – vorher war auch die Berührung zwischen ihnen selbstverständlich.

Man muss ja nicht unbedingt so weit gehen wie einige Legenden, die in jüngerer Zeit wieder aufgegriffen wurden, und Jesus und Maria Magdalena einen unehelichen Sohn hinzudichten. Aber dass die Beziehung zwischen den beiden völlig frei von sinnlicher Liebe wäre, glaube ich nicht.

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„Ich weiß, dass mein Erlöser lebt.“ – Für mich muss es eine Frauenstimme sein, die diese großartige Partie aus Händels Messias singt, auch wenn ich als Mann selbst einstimmen möchte in dieses Bekenntnis. Aber hören möchte ich dieses Stück von einer Frau. Die großen Arien in der klassischen Kirchenmusik sind für mich gar nicht vorstellbar ohne weibliche und männliche  Ober- und Untertöne.

„Ich bete an die Macht der Liebe“ (EG-NEK  615). Andere wollen ihre Emotionen möglicherweise unter Kontrolle behalten, wenn sie Lieder wie Gerhard Tersteegens Choral singen. Oder alles, was hier beschrieben ist, einer Eltern-Kind-Beziehung zuordnen. „Ich fühls, du bists, dich muss ich haben; ich fühls, ich muss für dich nur sein …“ (Str. 3). Für mich sprechen diese Zeilen von einer Liebes-Beziehung.

Auch die großen Mystikerinnen des Mittelalters wie Hildegard von Bingen oder Mechthild von Magdeburg benutzen eine Sprache, die der Minne nahe steht. Ja, in der Bibel selbst wird das Bild von der Hochzeit ein ums andere Mal gebraucht.

Glauben ist eben doch mehr als Nächstenliebe und Pflichterfüllung. Glauben ist Hingabe. Mit allen Gefühlen, die mit der Liebe verbunden sind. Auch mit Begehren und Eifersucht, mit Bestätigung und Glück. Übrigens auch bei Gott, der im Alten Testament als ein eifernder Gott dargestellt wird. Ein eifernder Gott, den die Braut – das Volk Israel – betrügt.

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Maria Magdalena und Jesus. Ja. Es ist Liebe!

Ich bin unsicher, was ich mir zwischen Jesus und Maria genau vorstellen kann. Aber: Muss ich mir alles so genau vorstellen? Beanspruche ich nicht auch für mich selbst einen Raum des Privaten, der nicht Gegenstand öffentlicher Erörterung sein kann bzw. sollte. Ich finde es also natürlich, dass gewisse Dinge im Ungefähren bleiben, ohne sie weiter aufzuklären.

Wie auch immer Jesus und Maria Magdalena miteinander umgegangen sind. Wie immer sie ihre Liebe gelebt haben. Sie endet nicht mit Jesu Tod. Und auch nicht mit seiner Auferstehung.

Noch einmal ist Jesus Maria so nah, wie es geht. Versammeln sich im Moment der Begegnung vor dem leeren Grab alle Gefühle, die zwischen ihnen gewachsen sind, auch wenn sie nicht mehr ausgelebt werden können.

Maria bleibt zurück. Aber sie ist nicht die Zurückgewiesene, wie es zunächst den Anschein haben könnte, sondern die Getröstete. Eine, die aus dieser Begegnung Kraft für die Zukunft schöpft. Die weiß, dass ihr niemand die Nähe zu Jesus nehmen kann. Nicht einmal der Tod. Und die durch diese Verwandlung den Geist und den Mut schöpft, das Werk Jesu fortzusetzen. Maria Magdalena ist eine Botin des Glaubens und der Hoffnung.

Amen.

 


Gert-Axel Reuß
Wochenschlussandacht am 16. Februar 2008.