Predigt zum Sonntag
Reminiscere
(8) Durch den Glauben wurde Abraham
gehorsam, als er berufen wurde, in ein Land zu ziehen, das er erben sollte; und er zog aus
und wusste nicht, wo er hinkäme.
(9) Durch den Glauben ist er
ein Fremdling gewesen in dem verheißenen Lande wie in einem fremden und wohnte in Zelten
mit Isaak und Jakob, den Miterben derselben Verheißung. (10)Denn er wartete auf die
Stadt, die einen festen Grund hat, deren Baumeister und Schöpfer Gott ist.
Hebr 11:8-10
Liebe
Gemeinde!
Es ist gut, sich zu erinnern. Wie bin ich zu dem geworden, der ich heute bin? // Wie
bin ich zu der geworden, die ich heute bin? Wie heiße ich? Warum heiße ich so? Wo stamme
ich her? Wo bin ich zu Hause?
Ohne
meine Erinnerungen wäre ich nicht derselbe.
Ich
denke zurück an die Menschen, die mir wichtig sind und waren. An meine Eltern, die mich
großgezogen haben. An Großeltern und Geschwister, an Tanten und Onkel. Menschen, die
mich lange Jahre begleitet haben und es noch tun. Meine Sandkastenfreundin,
Schulkameraden, Studienfreunde, die Kollegin in der ersten Gemeinde.
Manchmal
träume ich von den Häusern meiner Kindheit. Von dem Kastanienbaum vor dem Pastorat in Süderhastedt. Auf dem Kiesweg, der
diesen Baum umgibt, habe ich das Fahrradfahren gelernt. In dem riesigen Garten hinter dem
Haus haben wir Verstecken gespielt und sind in die Bäume geklettert. Ich schmecke die
Mirabellen aus dem Obstgarten und die Rhabarberstangen aus dem Gemüsebeet. Natürlich in
Zucker gestippt.
Meine
Großeltern wohnten in Altona. Manchmal roch es unangenehm von der Holstenbrauerei her,
ganz in der Nähe. Aber ich rieche auch das Wasser und den Hafen. Sehe mich auf dem
Dampfer von den Landungsbrücken nach Teufelsbrück fahren. Ich erinnere mich an meinen
Lebensweg. An meine eigene Geschichte. Sie hat mich zu dem gemacht, der ich heute bin.
Immer wieder kehre ich in Gedanken an meine Wurzeln zurück.
Es tut
gut, sich zu erinnern. Eine solche Rückbesinnung löst vertraute Gefühle aus. Vermittelt
Geborgenheit. Das Gefühl von Heimat, zu Hause sein. Erinnerungen an die eigene, ganz
persönliche Lebensgeschichte kann uns bereichern und stärken.
Manchmal
aber tun Erinnerungen weh. Denn mit unserer Geschichte schleppen wir auch Verletzungen und
Wunden mit uns herum. Gefühle von Verlassenheit und Kränkung. Misserfolge und
Schicksalsschläge. Manches ist lange vernarbt und schmerzt nur noch, wenn das Wetter
umschlägt. An anderen Stellen ist die Haut noch dünn. Vielleicht ist eine Wunde nie ganz
geheilt.
Ich
denke an Lebensgeschichten, die ältere Menschen mir erzählen. Geschichten vom Krieg und
von der Vertreibung. Geschichten, für die sie lange keine Worte gefunden haben. Manchmal
tauchen schmerzliche Erinnerungen erst im Alter wieder auf. Fragen, auf die sie ein Leben
lang keine Antwort gefunden haben. Plötzlich ist da oft unausgesprochen die
Frage: Wie konnte Gott das zulassen?
Ich
höre zu und kann auch keine Antwort geben. Kann nur die Frage mit aushalten.
Wie
kannst Du, Gott, das zulassen?
Eine
Frage, die nicht nur aus der Vergangenheit zu uns kommt. Eine Frage, die uns alle mal
mehr, mal weniger bedrängt.
Aber
nicht alle Menschen zerbrechen an dieser Frage. Ich staune über die Freundlichkeit von
Menschen, denen das Schicksal übel mitgespielt hat. Ich lasse mich anstecken von der
Lebensfreude derer, die Schweres durchgemacht haben. Und manchmal noch nicht hindurch sind
und trotzdem trösten können.
Reminiscere.
So ist der Name des heutigen Sonntags.
Reminiscere. Erinnere dich. Gedenke.
Täglich
erinnern, ringen, suchen, beten. Gottes Barmherzigkeit und seiner Güte gedenken, die von
Ewigkeit her gewesen sind. Gott daran erinnern und um seine Gerechtigkeit bitten, damit
alle Kinder behütet aufwachsen können. Damit keiner // keine hungern und dürsten muss,
sondern alle satt werden.
Natürlich.
Das hat ganz viel mit uns selbst zu tun. Mit unserer Aufmerksamkeit und Liebe. Mit der
Überwindung unserer Ichbezogenheit und Selbstsucht. Aber eben nicht nur. Denn so vieles
schaffen wir nicht allein. Wir brauchen Gott, um eine Situation anzunehmen, die (uns) das
Leben schwer macht. Wir brauchen ihn, um notwendige Veränderungen in unserem Leben
anzugehen und umzusetzen. Weil wir Gott zutrauen, dass er uns auf diesem Weg nicht allein
lässt, sondern zum Ziel führt. Deshalb beten wir: Gedenke,
Gott, an deine Barmherzigkeit und an deine Güte, die von Ewigkeit her gewesen sind. (Ps 25, 6)
Glauben bedeutet: sich
erinnern (Abraham Jehoshua Heschel).
An Gott, den Allmächtigen, den Schöpfer des Himmels und
der Erde. An den heiligen Geist, die Kraft Gottes, um die ich bitten kann. An Jesus
Christus, seinen Sohn, der gekreuzigt, gestorben und begraben wurde und am dritten Tage
auferstanden und im Himmel ist, bei Gott.
Glauben bedeutet, sich
erinnern: an die Geschichte anderer Menschen, an ihre Erfahrungen. Genau das tut der
Predigttext für heute im Hebräerbrief. (Hebr. 11:8-10)
(1) Es ist aber der Glaube eine feste Zuversicht auf
das, was man hofft, und ein Nichtzweifeln an dem, was man nicht sieht. (8) Durch den Glauben wurde Abraham gehorsam, als er
berufen wurde, in ein Land zu ziehen, das er erben sollte; und er zog aus und wusste
nicht, wo er hinkäme.
(9) Durch den Glauben ist
er ein Fremdling gewesen in dem verheißenen Lande wie in einem fremden und wohnte in
Zelten mit Isaak und Jakob, den Miterben derselben Verheißung. (10) Denn er wartete auf die Stadt, die einen festen
Grund hat, deren Baumeister und Schöpfer Gott ist.
Der
Hebräerbrief sagt: Wir als Glaubende sind nicht allein. Lass dich erinnern. Wir haben
Väter und Mütter im Glauben. Der Hebräerbrief erinnert an die lange Kette der
Glaubenden, an die Wolke der Zeugen, die uns umgibt. Er erinnert uns an einen wie Abraham.
Ich will
Dich segnen, und Du sollst ein Segen sein. Ein Bibelvers, der in meiner
Familie eine große Rolle spielt. Der Trausegen meiner Eltern und Großeltern: Ich
will Dich segnen, und Du sollst ein Segen sein.
Das Versprechen
Gottes für Abraham. Verbunden mit der Landverheißung, mit vielen Nachkommen, mit einem
großen Namen. Am Ende ist es tatsächlich so gekommen. Die Eroberung Kanaans, die
Volkwerdung Israels. Und alles verbunden mit Abrahams und Saras Namen. Ob die beiden es
auch so sehen konnten?
Im
Hebräerbrief wird der entbehrungsreiche Schicksalsweg der Stammeltern Israels
nachgezeichnet. Aufbruch ins Unbekannte. Nicht wissen, wohin man kommt. Immer ein
Fremdling bleiben in der neuen Heimat. Immer wieder warten. Deshalb die Zelte. Keine
festen Häuser. Denn morgen kann es ganz woanders weitergehen. Was ist ihm im Leben schon
gelungen? Was hat er aufgebaut?
Ein Kind will
nicht geboren werden. Sara hat alle Hoffnung schon aufgegeben. Abraham auch? Dann wird
ihnen sehr spät doch noch ein Sohn geschenkt, aber sein Leben ist gefährdet. Immer.
Nichts ist sicher.
Keine
großartige Lebensbilanz. Trotzdem heißt es: Abraham und Sara starben alt und lebenssatt.
Ihr Leben hatte sich erfüllt. Sie sind Gesegnete. Wie konnten sie durchhalten? Was machte
sie hoffen?
Viel erfahren
wir nicht. Irgendwie werden sie uns fremd bleiben, die beiden Alten. Aber vielleicht ist
das auch gar nicht wichtig. Weil es in Wahrheit ja nicht um sie sondern um uns geht.
Wichtig ist
allein: sie glaubten. Sie glaubten, obwohl so vieles gegen Gott spricht. Sie glaubten,
vielleicht genau so wie wir. Suchend. Vorwärts tastend. Voller Fragen. Aber sie glaubten.
Mehr will uns der Hebräerbrief gar nicht vermitteln. Sie glaubten und konnten am Ende
Gott geschehen lassen.
Nicht mehr.
Aber auch nicht weniger.
Und so ist der
Glaube an Gott schließlich auch auf uns gekommen. Die Erinnerung an die, die vor uns
gewesen sind, die Erinnerung an die Mütter und Väter im Glauben macht uns Mut, unseren
eigenen Weg mit Gottvertrauen zu gehen. Sie haben es auch getan.
Ihre
Lebensgeschichten lehren uns beten: Gedenke,
Gott, an deine Barmherzigkeit und an deine Güte, die von Ewigkeit her gewesen sind. (Ps 25, 6) Sie können
uns Mut machen, Kraft geben, stärken, dass Gott seine Menschen nicht allein lässt. Dass
wir bei Gott Geborgenheit finden und Frieden.
Amen. |