Bin
ich doch gleich von dir gewichen, stell ich mich doch wieder ein.
Der
berühmte Choral aus Johann Sebastian Bachs Matthäuspassion.
Wir habe die
Liedstrophe gerade in dem Abendlied von Johann Rist gesungen. Geschrieben
wurde dieses Lied für den Moment, an dem ich auf den Lauf meines Tages zurückblicke Darauf, was ich getan und
gelassen haben. Auch wenn
mir im Reden und Handeln Gott gelegentlich aus dem Sinn gegangen ist, stell ich mich
doch wieder ein, stelle ich mein Leben unter Gott, der meine Gedanken versteht.
In Manchem habe ich vielleicht
sehr selbstbezogen agiert. Mitunter ohne großes Nachdenken. Am Ende des Tages schaue ich darauf, leugne es nicht. Sondern ich
besinne mich, dass Gottes Gnade und Huld viel größer ist als alles, was mich bewegt und
bedrückt.
Jetzt, am
Abend, sollen alle Sorgen ruhen. Jetzt soll aller Streit ein Ende haben, wie sich meine
Mutter es immer gewünscht hat. Jetzt können wir in Gott Ruhe und Geborgenheit finden,
wenn wir bildlich gesprochen in seinen Schoß zurückkehren. Dieses
Vertrauen findet sich in vielen Abendliedern. Mit meinem
Gott geh ich zur Ruh. Abend ward,
bald kommt die Nacht
und dann weiter: Gott hält über uns die Wach, wir können
getrost schlafen Bei ihm haben wir ein
unverlierbares Zuhause.
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(Ich bitte Sie,
sich diese Gedanken aufzubewahren, wenn ich mich nun der Matthäuspassion zuwende. Ich
denke dabei natürlich nicht nur an die Musik, sondern vor allem auch an den Text, der
dieser Musik zugrunde liegt.)
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Und so will ich heute Abend über die Jünger
sprechen und über ihre Rolle in der Passionsgeschichte. Jesus hatte sie mit sich, mit ihm
zu wachen, zu beten. Aber seine Jünger, ie glänzen ja vor allem
durch Abwesenheit. Sie bleiben Jesus auf seinem schwersten Gang fern, mit Ausnahme
vielleicht des Lieblingsjüngers, von dem wir aber auch nicht viel mehr wissen außer dem
Hinweis, dass es ihn gegeben habe. Ja, sie distanzieren sich sogar.
Ehe der
Hahn dreimal kräht, wirst Du mich dreimal verleugnet haben. sagt Jesus zu Simon
Petrus.
Mich hat dieser
Satz schon als Kind stark beschäftigt. Seinen besten Freund lässt man nicht im Stich.
Ich konnte mir
gar nicht vorstellen, dass so etwas geschieht. Und noch viel weniger konnte ich mir
vorstellen, dass Jesus von dem Verrat seiner Freunde weiß, ihnen solches
Verhalten nicht nur zutraut, sondern es als gegeben hinnimmt. Und trotzdem mit ihnen
befreundet bleiben mag.
Lieben und
Verzeihen müssen wir lernen, indem wir es selbst erfahren. Indem wir an unsere Grenzen
kommen, Fehler machen, Freundschaften aufs Spiel setzen. Und immer wieder Menschen
begegnen, die uns einen Ausweg weisen. Uns trotz unserer Versäumnisse, trotz unseres
Versagens in die Arme schließen, und alles gut werden lassen.
Lieben und
Verzeihen lernen wir zuerst von unsern Eltern. Weil ihre Liebe, weil ihr Vertrauen in uns
so groß ist, dass wir es fast durch nichts aufs Spiel setzen können.
Unsere Eltern sind es, die uns Lieben und Verzeihen lehren, indem sie es uns erfahren
lassen.
Und
möglicherweise können wir es sogar nur lernen, indem wir es erfahren. Müssen wir also
an unsere Grenzen kommen, müssen wir Fehler machen, müssen wir die Liebe anderer zu uns
aufs Spiel setzen, um Vergebung zu erfahren und vergeben zu lernen?
Ehe der
Hahn dreimal kräht, wirst Du mich dreimal verleugnet haben. (sagt Jesus zu Simon
Petrus.)
Zugleich
spüre, dass in diesem Satz kein Vorwurf mitschwingt, sondern Trauer. Es ist das Wissen um
einen Menschen, den man in seinen Begrenzungen nicht ändern kann. Begrenzungen zu
akzeptieren fällt nicht leicht, auch bei sich selbst. Sich der eigenen Begrenzung bewusst
zu werden, die Begrenzung anderer zu erkennen, macht traurig.
Aber Jesus
hält an seiner Liebe zu Simon Petrus fest, obwohl er dessen Grenzen kennt, sein
Unvermögen sieht, sein Fehlen vorwegnimmt. Jesu Liebe, seinem Zutrauen zu Simon Petrus
tut das keinen Abbruch. Du bist der Fels, auf den ich meine Kirche baue.
Petrus.
Der Name ist
Programm. Bedeutet so viel wie Stein, Fels. Fels in der Brandung. Fester Boden unter den
Füßen. Halt. Sicherheit.
Die Geschichte
des ersten Jüngers ist untrennbar mit dieser Namensgebung verbunden. Ich höre und denke
auch aus dem Blickwinkel Jesu: Meine Stütze,
meine rechte Hand. Der, auf den ich mich verlasse. Der, der zu mir steht.
Genau das
spiegeln die biblischen Geschichten. Simon Petrus ist der Jünger, der Jesus am nächsten
steht. Zusammen mit Jakobus und Johannes bittet er Petrus, ihm in der Nacht vor seinem Tod
im Garten Gethsemane beizustehen und mit ihm zu beten.
Zugleich
zeichnet die Bibel in Petrus das Bild von einem Menschen, der sich selbst überschätzt.
Der nicht einhalten kann, was er verspricht. Der nicht nur in der Geschichte von der
Sturmstillung wankelmütig erscheint. Dort droht er im Wasser zu versinken, bis Jesus ihn
aus den Fluten zieht. Im Garten Gethsemane schläft er ein und lässt Jesus allein in
seiner inneren Not.
Und genau diesem Petrus, dem ängstlichen Jünger, der auch noch lügt und
länger braucht (der Hahn kräht dreimal), bis er seine Angst und Untreue eingestehen
kann, diesem Menschen sagt Jesus: Du bist der Fels, auf den ich meine Kirche
baue.
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Manchmal sagen
wir von Jesus: Er ist der Mensch, wie Gott ihn gemeint hat. Er ist das wahre Ebenbild
Gottes. An ihm erkennen wir unsere Möglichkeiten. Unser Sollen. Im Johannesevangelium
wird dieser Gedanke auf die Formel gebracht: Jesus
Christus spricht: ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben.
Daneben leuchtet unser Unvermögen. Unser
selbstbezogenes Wollen in ganz andere Richtungen. Unser Scheitern, das nicht nur andere
verletzt, sondern ja auch uns selbst immer wieder in Sackgassen führt, aus denen wir
nicht immer von allein wieder herausfinden.
Deshalb sehe
ich mich an der Seite von Petrus. Er ist der Mensch, der auch ich bin. In ihm erkenne ich
mich selbst. Mit meinem Wollen und mit meinem Versagen. Mit den Versprechungen, die ich
mache, und die ich nicht einhalten kann. Viel stärker als Jesus sind es die Jünger, ist
Petrus eine Identifikationsfigur für mich. Er steht für das wirkliche Leben in dieser
Welt. Er steht für mein Leben.
Du bist
der Fels, auf den ich meine Kirche baue.
Ich verstehe
diesen Zuspruch Jesu, diesen Vertrauensvorschuss und diese Beauftragung nicht exklusiv wie
die römisch-katholische Kirche uns gelegentlich glauben machen will. Im Gegenteil. Dieses
Wort ist universal gemeint, so wie in der Geschichte vom Rangstreit der Jünger.
In dieser
Geschichte werden die anderen beiden wichtigen Jünger genannt, zusammen mit Petrus
sind es diese drei Jünger, mit denen Jesus im Garten Gethsemane betet. Und am Ende der
Geschichte wird uns dieses mit auf den Weg gegeben: Wer
unter euch groß sein will, der sei euer Diener.
Wir sind es, mit denen Jesus seine Kirche
baut. Jede, jeder von uns. Und wir brauchen uns unserer Schwäche, unserer Fehler nicht zu
schämen, wenn wir sie auch überwinden sollen. Und wollen. Gottes Gnade und Huld ist groß, größer ...
Bin
ich doch gleich von dir gewichen,
stell ich mich doch wieder ein
hat uns doch dein Sohn verglichen
durch seine Angst und Todespein.
Ich
verleugne nicht die Schuld.
Aber deine Gnad und Huld
ist viel größer als die Sünde,
die ich stets in mir befinde.
In der Matthäuspassion steht diese
Choralstrophe genau an der Stelle, an der Petrus mit großem Entsetzen sein Versagen
sieht. In der Frühe des Karfreitags hört er den Hahn krähen und weint
bitterlich. Da gibt es nichts zu beschönigen, da ist nichts wieder gut zu machen.
Christian
Friedrich Henrici, genannt Picander, der für Bach den Text des großen Oratoriums
verfasst hat, hat zwischen den Evangeliumstext und den Choral noch die Bitte gesetzt.
Mein Gott, erbarme dich. (Altarie)
Hier wird
musikalisch deutlich: Es geht nicht nur um Petrus. Eine Frau bittet Gott um Erbarmen. Ein
Chor bezichtigt sich selbst: Bin ich doch gleich von
dir gewichen
Und dann steht
da dieser kleine Satz:
stell ich mich doch
wieder ein
Genau das tut Petrus. Und erfährt zu Ostern
Trost und neue Beauftragung. Du bist der Fels, auf den ich meine Kirche baue.
Genau das ist der Weg, der auch uns offen
steht. Immer wieder. Auch an diesem Abend.
Bin ich
doch gleich von dir gewichen, stell ich mich doch wieder ein
Amen. |