Liebe Gemeinde,

wer heute das Heiligen-Geist-Hospital in Lübeck betritt, ist mit großer Wahrscheinlichkeit ganz weihnachtlich gestimmt. Das berühmte mittelalterliche Gebäude mit den minarettartigen Türmchen beherbergt in jedem Advent zahlreiche Kunsthandwerkerinnen und Kunsthandwerker, die ihre Waren anbieten.

Nur wenigen ist klar, dass sie sich in einem der ältesten Altersheime der Bundesrepublik befinden, und dass die durch Bretterwände abgeteilten Buden, in denen wir jetzt Goldschmiedearbeiten und Töpferwaren bewundern, lange Zeit die Zimmer der Bewohnerinnen und Bewohner waren.

Das bunte, lebendige Treiben nimmt unsere Aufmerksamkeit so sehr in Anspruch, dass nur den wenigsten auffallen wird, dass sie sich in einem geistlichen Raum befinden. Der Vorraum wird – wenn er denn frei geräumt ist – ganz und gar von einer Empore beherrscht, auf deren Balustrade das Leben der Heiligen Elisabeth von Thüringen bildlich dargestellt ist. Jener Fürstentochter, die ihr Leben ganz den Kranken und Armen widmete und diese ohne jegliche Berührungsängste pflegte.

An der Stirnseite der anschließenden großen Halle aber ist auch im Advent ein großes Fresko zu erkennen. Wer seine Augen von den schönen Seidentüchern und Postkarten abwendet, um einmal den ganzen Raum auf sich wirken zu lassen, dessen Blick wird auf ein Kruzifix fallen, das in seinen Abmessungen einmal den riesigen Saal beherrscht hat.

Wenn wir uns jetzt noch vorstellen, dass Einzelzimmer erst eine Errungenschaft der modernen Pflegeheime und Krankenhäuser sind und auch die wie Puppenhäuschen wirkenden Buden vielleicht gerade einmal 100 Jahre den Raum unterteilen, dann wird klar: Allen, die in diesem Hospital zum Heiligen Geist gepflegt wurden, stand das Bild des Gekreuzigten vor Augen, wann immer sie es sehen wollten. Ein Trostbild für die, die leiden müssen. Seien es nun Krankheit und Schmerzen, sei es nur Alter und Schwäche.

Die Botschaft, die dieses Bild bereithält, ist ganz klar: Du bist im Leiden nicht allein. Gott hat dich nicht verlassen. Jesus von Nazareth ist diesen Weg vor dir gegangen. Vertraue ihm, dann wirst du diesen Weg auch gehen können.

Ein Weg, der ja nicht nur ein Martyrium ist, sondern der zugleich ein Ziel hat. Denn hatte nicht Jesus zu einem, der mit ihm gekreuzigt wurde, gesagt: „Wahrlich, ich sage dir: Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein.“

 Liebe Gemeinde, den meisten von uns sind diese Zusammenhänge verloren gegangen. Das Leiden ist weitgehend aus unserem öffentlichen Bewusstsein verschwunden und zu einem Einzelschicksal geworden. Natürlich sind alle, die selbst auf Hilfe angewiesen sind oder einen nahen Angehörigen begleiten, dankbar für die Fortschritte und die Hilfen der modernen Pflege und Medizin. Wir stehen dem Leiden nicht mehr ganz so hilflos gegenüber wie in früheren Zeiten, sondern können etwas tun: Viele schwere Krankheiten sind heute heilbar, Schmerzen können effektiv gelindert werden. Aber im tiefsten Inneren wissen wir, dass wir genauso wie in früheren Zeiten angewiesen sind auf Bilder der Hoffnung und des Trostes.

Deshalb möchte ich sie heute Morgen bitten, einmal ganz bewusst auf unser großes Triumphkreuz zu schauen und dieses Bild in sich aufzunehmen. Ihren Gedanken nachzugeben und sich ihnen einfach zu überlassen.

Vielleicht ist genau dies schon die ganze Predigt für Sie, und sie brauchen gar keine anderen Worte als diese: Lasst uns aufsehen zu Jesus, dem Begründer und Vollender unseres Glaubens.

Vielleicht konzentrieren Sie Ihren Blick auf das Antlitz des Gekreuzigten, dessen Haupt sich uns zuneigt. Vielleicht ist es eine der beiden Figuren unter dem Kreuz, der sie nachdenken mögen.

Möglicherweise gehen ihre Gedanken auch zu dem Bildhauer, der die Kreuzesbalken mit Blättern versehen hat als ein Symbol, dass auch totes Holz zu neuem Leben erweckt werden kann. Andere konzentrieren ihre Gedanken ganz bewusst bei einem anderen Bild Jesu, das man gar nicht in unserer Kirche sehen kann. Einem Bild, das sie kennen, weil sie es an einem anderen Ort gesehen haben. Oder einem Bild, das in Ihnen entsteht, wenn sie diesen Satz hören: Lasst uns aufsehen zu Jesus, dem Begründer und Vollender unseres Glaubens.

Ich hoffe, Sie nehmen sich die Freiheit zu Ihren eigenen Gedanken, wenn Christian Skobowsky nun ein Stück von Olivier Messiaen spielen wird. Es trägt die Überschrift: Jesus accepte la souffrance – Jesus bejaht den Weg in diese Welt, er ist dem Leiden nicht ausgewichen, sondern er teilt unser Schicksal.

                                               O R G E L

Der Text für die Predigt am heutigen Sonntag steht im 12. Kapitel des Hebräerbriefes:

1 Deshalb gilt auch für uns: Weil wir von Menschen umgeben sind, die Zeugnis ablegen, wollen wir alles ablegen, was uns beschwert,  und die Fesseln der Sünde abwerfen. Lasst uns standhaft sein und laufen in dem Wettkampf, der uns bestimmt ist, 2  und dabei aufsehen zu Jesus, dem Begründer und Vollender unseres Glaubens. Er hat um der vor ihm liegenden Freude willen das Kreuz erduldet, ohne auf die damit verbundene Schande zu achten, und sich schließlich zur Rechten des Thrones Gottes gesetzt. 3  Denkt an ihn, der von Sündern so viel Widerspruch gegen sich erduldet hat, damit ihr nicht müde werdet und nicht den Mut verliert.                                                                                                (nach BigS)

 Liebe Gemeinde,

Lasst uns aufsehen zu Jesus, dem Begründer und Vollender unsers Glaubens.

Ich sehe verschiedene Bilder vor mir. Bilder, die mir vertraut sind aus den Geschichten, die ich im Kindergottesdienst von Jesus gehört habe. Bilder, die berühmt geworden sind als Meisterwerke der Kunst. Bilder, die sich in unserem Dom befinden. Das Triumphkreuz, aber auch den Altar. Den Schmerzensmann, auch die moderne Skulptur hier vorne neben unserem Lesepult.

Bilder, die für uns zu Bildern der Hoffnung und des Trostes werden können.

Lasst uns aufsehen zu Jesus, dem Begründer und Vollender unsers Glaubens.

Das Entscheidende sind ja nicht die Bilder an sich. Auch nicht die Texte und Geschichten für sich allein. Das Entscheidende ist, dass durch sie etwas mit uns geschieht. Die Bilder und Geschichten der Bibel sind ja nichts anderes als Fenster zum Himmel. Sie wollen nicht nur unseren Horizont weiten, sie schenken uns einen anderen Blick auf die Dinge, auf diese Welt und auch auf uns selbst.

Lasst uns aufsehen zu Jesus, dem Begründer und Vollender unsers Glaubens.

Ja. Sogar das Kreuz wird zum Bild der Hoffnung, wenn wir sozusagen durch es hindurch sehen auf die Wirklichkeit, die hinter ihm liegt. Wenn es für uns zum Symbol der Nähe Gottes wird, der uns auch im Leiden nicht im Stich lässt. Auch wenn es uns oft so erscheinen will in unserem Elend. Auch wenn wir fragen: Warum gerade ich? Und: Wo bist Du, Gott?

Unser Fragen verstummt ja nicht einfach so. Es gibt keine Antworten im vornherein, die alles erklären. Von keiner Kanzel. Von niemandem.

Aber es gibt einen, der diesen Weg vor uns gegangen ist. Der die Täler menschlicher Existenz durchlitten und durchschritten hat. Jesus, Begründer und Vollender unseres Glaubens.

Das Kreuz ist das Symbol, dass Gott uns nicht unserem Schicksal überlässt. Dass Gott uns nicht allein lässt in der Einsamkeit unserer Fragen und Zweifel. Seine Treue und Liebe ist größer als die Macht des Todes. Daran wollen wir uns halten, darauf wollen wir sehen, darauf wollen wir fest vertrauen.

Der große Theologe Dietrich Bonhoeffer ist selbst diesen Weg des Leidens gegangen. Über ihn wird gesagt, dass er trotz aller Zweifel und Fragen nicht in diesem Schicksal zugrunde gegangen ist. Für viele ist er zum Vorbild geworden, zum Glaubenszeugen gerade deshalb, weil er sich sein Gottvertrauen bewahren konnte.

Sein Buch Nachfolge ist schon in der Zeit des Nationalsozialismus entstanden. Aber er selbst war noch nicht in Lebensgefahr. Sein Weg ins Martyrium noch nicht sichtbar. Hellsichtig schreibt er: „Das Bild Jesu Christi, das der Nachfolgende immer vor Augen hat ... dringt in ihn ein, erfüllt ihn, gestaltet ihn um, dass der Jünger dem Meister ähnlich, ja gleich wird.“

Ob diese Verwandlung auch an uns geschehen kann? Heute. In einer ganz anderen Welt. In einer ganz anderen Zeit?

Ich will das Kreuz als ein Symbol der Hoffnung verstehen, weil es uns nicht nur ein Fenster zum Himmel öffnet. Es erinnert uns zugleich daran, dass sich diese Welt und die Menschen auf ihr nach Erlösung sehnen. Unser Blick richtet sich nicht nur auf uns selbst, geht nicht nur nach innen.

Wenn wir zu Jesus aufsehen, dem Begründer und Vollender unsers Glaubens, dann öffnet Gott uns die Augen für die, die neben uns sind. Dann wird das Kreuz zum Ansporn, einander beizustehen und zu trösten. Es ist zugleich die Aufforderung, menschengemachtem Leiden zu widerstehen und für eine Welt zu kämpfen, in der die Hoffnung wachsen kann.

Das fällt uns nicht immer leicht. Oft müssen wir selbst verwandelt werden, um menschlich sein zu können. Aber genau das geschieht, wenn wir zu Jesus aufsehen, dem Begründer und Vollender unsers Glaubens. In diesem Vertrauen wollen wir leben und Zeugen der Hoffnung werden.

Amen.


Gert-Axel Reuß, Predigt am 16. März 2008.