Liebe Gemeinde,

in den Seligpreisungen, die der Evangelist Lukas aufgeschrieben hat, heißt es u.a.: Selig seid ihr, die ihr jetzt weint, denn ihr werdet lachen. (Lk 6,21)
Und im 126. Psalm lesen wir: Wenn der Herr die Gefangenen Zions erlösen wird, wird unser Mund voll Lachens sein und unsere Zunge voll Rühmens sein.
Die mit Tränen säen, werden mit Freuden ernten.

„Halleluja“ – wir haben es ja gerade gesungen, dieses lautmalerische fremde und vertraute „Halleluja“. Da bricht die Freude ja förmlich aus uns heraus.
Übrigens hatte ich mal eine Konfirmandin. Der hatte ich damals versprochen, meine Osterpredigt nicht mit dem Gruß „hallo, Julia“ zu beginnen. Inzwischen
ist sie konfirmiert, ich fühle mich an mein Versprechen nicht mehr gebunden. Ich habe sie heute morgen schon gesehen: „Hallo, Julia.“

Zu Ostern soll uns das Lachen von allem Lebensernst und allen Sorgen befreien. Wie in dem berühmten Märchen von des Kaisers neuen Kleidern.
Ein Kind entlarvt den Betrug, als es den unbekleideten Herrscher sieht. Spontan platzt es aus ihm heraus: „Der hat ja gar nichts an.“ Und der Bann
ist gebrochen.

Der Tod hat ja gar keine Macht. – Nicht immer sind wir uns da so sicher. Der Zweifel, der in uns nagt, verdunkelt das Leben. Ostern ist es genau umgekehrt.
Die Hoffnung soll unser Leben weit und hell machen.

Natürlich gibt es heute viele, die nicht mehr an die Osterbotschaft glauben. Sagt der Philosoph zum Pastor: „Ich bin – Gott sei Dank – Atheist, Herr Pfarrer.
Denn ob es das ewige Leben wirklich gibt, können wir gar nicht wissen. Also sterben wir erst einmal. Und dann reden wir weiter.“

Liebe Gemeinde,

der Tod hat ja gar keine Macht. Das ist die Botschaft des heutigen Tages, obwohl so viel gegen diese Behauptung spricht. Da brauchen wir gar nicht erst in
die Zeitungen zu gucken oder Nachrichten anzuschauen.

Wir brauchen nur auf uns selbst zu sehen. Natürlich gibt es kostbare Momente des Glücks, in denen uns alles zu gelingen scheint. In denen das Leben leicht
ist wie ein Lachen. Aber irgendwann wachen wir auf, und die anderen scheinen uns traurig zuzunicken: Willkommen in der Realität. Der Tod hat Macht, und
zwar lange bevor es ans Sterben geht. Da gibt es die Sorge, zu kurz zu kommen. Da ist die Angst, irgendetwas zu verpassen. Der Neid auf die, die es
scheinbar besser haben. Und der Versuch, alles unter seine Kontrolle zu bringen, bevor andere über uns herrschen.

Der Teufel (ein alter Name für die lebensfeindlichen Mächte) hat viele Gesichter. Es ist kein Zufall, dass Adam und Eva zu Symbolfiguren menschlicher Tragik
geworden sind. Die Bibel erzählt, wie und warum sie das Paradies verloren haben. Die heile Welt, die für sie unerreichbar geworden ist.

Aber der Tod hat ja gar keine Macht. Vielleicht hat es sich noch nicht überall herumgesprochen. – Die österliche Botschaft ist, dass der Tod nur die Macht hat,
die wir ihm geben. Das klingt so einfach, beinahe trivial. Manchmal denken wir: Im wirklichen Leben spüren wir so wenig davon. Wir können uns eben nicht an
den eigenen Haaren aus dem Sumpf ziehen – was immer es sein mag, was Macht über uns hat und uns gefangen hält.

Wir können es nicht, – uns an den eigenen Haaren aus dem Sumpf der Verzweiflung ziehen – aber wir brauchen es auch gar nicht! Wir feiern Ostern, weil Gott
es längst getan hat. ER hat dem Tod die Macht genommen hat und uns zum Leben befreit.

„Hoffen wir allein in diesem Leben auf Christus, so sind wir die elendsten unter allen Menschen,“ schreibt Paulus im Korintherbrief, „nun aber ist Christus
auferstanden von den Toten …“ (1. Kor 15, 19.20)

Seine Worte haben beschwörenden Charakter. Aber ehrlich gesagt: Erzwingen kann auch der Apostel nichts. So wie es dem Traurigen wenig hilft, wenn man
ihm freundlich auf die Schulter klopft: „Nun lach doch mal.“ Man muss ihn zum Lachen bringen, locken, einen Witz erzählen.

„Nun glaubt mal schön.“ – Nein, liebe Gemeinde, so funktioniert es nicht.

Aber ist es nicht erstaunlich, was die Frauen am Ostermorgen erzählen?

Nein. Ich meine nicht die Geschichte vom leeren Grab. Dass es dafür auch andere, natürliche Erklärungen geben könnte – z. B. den Raub des Leichnams
durch die Jünger – wird in den Evangelien ja nicht verschwiegen. Das eigentliche Wunder ist die Hoffnung, die plötzlich in den Herzen und Köpfen der Frauen keimt.

Was hat ihre Trauer verwandelt? Wir spüren noch heute ihre Verunsicherung: Furcht und Freude liegen so nah beieinander. Die Frauen wissen selbst nicht,
ob sie ihrem Fühlen trauen können. Aber dann haben sie es den Jüngern doch erzählt: „Der Herr ist auferstanden. Er lebt.“

Sie haben dem Tod keine letzte Macht über ihr Leben gegeben, sondern ihr Vertrauen auf Gott gesetzt. Sie sagen: Gott hat uns die Augen geöffnet.
Durch sie will Gott auch uns die Augen öffnen.

Ich denke an die Jünger auf dem Weg nach Emmaus. Ihr Traum von einer besseren Welt ist mit dem Tod Jesu am Kreuz unerreichbar geworden, ausgeträumt.
Und so haben sie alle Hoffnungen fahren lassen. Nichts mehr davon gespürt. Sind sie nach Hause gegangen, zurück in ihr altes Leben. Lukas hat diesen Weg
sehr einfühlsam und sehr eindrücklich beschrieben.

Aber irgendetwas hat sie umkehren lassen, hat sie neue Hoffnung schöpfen lassen. Sie sagen: Gott hat uns die Augen geöffnet. Das Reich Gottes ist nicht
nur da, als Jesus davon geredet hat. Gottes neue Welt ist in uns lebendig.
Sie sagen sogar: „Jesus ist bei uns, lebendig. Er ist auferstanden.“

Durch diese Zeuginnen und Zeugen gewinnen wir einen ganz anderen Blick auf das Leben Jesu, auf sein Reden und Tun. Durch sie verliert der Tod an
Schrecken, seine Macht beginnt zu bröckeln. Der Zweifel ist nicht mehr der Freund des Teufels, sondern sein Feind.

Wo sich der Zweifel am Zweifel in Hoffnung verwandelt, fragen wir: Wenn diese Frauen und Männer ihr Leben an Jesus von Nazareth ausrichten, können
wir es dann nicht auch? Was hindert uns daran, es wenigstens einmal zu versuchen?

Denn das gibt es immer wieder. Dass Menschen aufwachen aus falschen Lebensträumen. Dass sie aufwachen aus einem ganz realen Leben, weil es
vorne und hinten nicht mehr stimmt. Wir können es auch. Uns neu orientieren. Einen anderen Weg einschlagen.

Vielleicht nicht aus uns selbst heraus, sondern wie ein Geschenk. Durch Gespräche. Durch Menschen, die uns nahe kommen. Manchmal sind es gerade
die Krisen, die den Boden bereiten, dass neue Einsichten in uns wachsen. Eine Krankheit. Vielleicht sogar ein Schicksalsschlag.

So wie der Kreuzestod Jesu für seine Jüngerinnen und Jünger das Ende gewesen sein muss. Aber er war es nicht. – Wir sehen und hören es mit Staunen.
Und es kommt vor, dass wir uns anstecken lassen von ihrer Hoffnung. Es kommt vor, dass Menschen, unheilbar erkrankt und dem Tode nahe, die Kraft
haben, andere, die Lebenden, zu trösten und dem Leben zurückzugeben.

Es kommt vor, dass Menschen, die vieles verloren haben, ihre wirtschaftliche Existenz, ihr Vermögen, vielleicht auch Ansehen und Anerkennung,
anderen ein Beispiel geben, dass das Leben trotzdem lebenswert ist, weil Liebe und Freundschaft so viel mehr wert sind als Macht und Geld. Es kommt
vor, dass Menschen, tief verletzt sind, die Kraft zu einem neuen Leben finden und sogar zu verzeihen.

Wir tun es. Glauben. Hoffen. Nicht aus eigener Kraft, sondern weil er da ist, der uns einen Weg gebahnt hat. Der uns nicht kapitulieren lassen will,
der uns nicht dem letzten Feind (1 Kor 15, 25) ausliefern will, der uns in der Hoffnung halten will: Gott wird alles in allem sein (1 Kor 15, 28). Wir
tun es all dem, was uns zum Schweigen bringen will, zum Trotz.

Hoffentlich sagen sie jetzt nicht: „Das war ja keine richtige Predigt. Ich habe ja alles verstanden.“

So lasst uns festhalten an der Hoffnung, getrost und fröhlich.

Amen.


Gert-Axel Reuß
Predigt, Ostern 2008.