Liebe Gemeinde,

- Reiner Kunze, Ostern -

Die glocken läuteten,
als überschlügen sie sich vor freude
über das leere grab

So beginnt ein kleines Gedicht (klein nur dem Umfang nach) von Reiner Kunze. 1984, als es entstanden ist, lebte Kunze schon sieben Jahre lang in Obernzell bei Passau, nah der Donau und der deutsch-österreichischen Grenze. Die Glocken, deren starken Klang er schildert, werden wohl katholische Glocken sein. Aber das macht keinen Unterschied: Die Glocken einer katholischen Kirche klingen in der Osternacht nicht anders als die einer evangelischen. Und so geht das ganze Gedicht, elf Zeilen lang (Reiner Kunze: in: Gedichte, Frankfurt am Main, 2001, S. 218.)

Die glocken läuteten,
als überschlügen sie sich vor freude
über das leere grab

Darüber, dass einmal
etwas so tröstliches gelang,

und dass das staunen währt
seit zweitausend jahren

Doch obwohl die glocken
so heftig gegen die mitternacht hämmerten -
nichts an finsternis sprang ab



Es ist der Augenblick nach dem Ende des Karsamstag. Eben hat die Kirchturmuhr zwölf geschlagen, und nach einer kleinen Pause hat sich das Läutewerk der drei oder vier Glocken in Bewegung gesetzt. Der Dichter kann die Glocken in ihrer Bewegung nicht sehen, aber es ist beinahe, als hörte er sie nicht nur, sondern würde ihren Klang auch "schauen": als überschlügen sie sich vor freude, so kommt es ihm vor. Wie große Kinder, die Rad schlagen, einen Überschlag nach dem andern machen oder einen Abhang hinunterpurzeln. Kullerfässle machen, so nennt man das in Bayern. So etwas macht man, wenn man in sehr ausgelassener Stimmung ist oder sich in solche Stimmung bringen will, am liebsten mit anderen zusammen. Wer selbst einen Salto springen oder ein Rad schlagen kann, lässt sich gern anstecken. - Die Glocken schwingen weit ausholend hin und her, das geht nicht synchron, sondern durcheinander, und es tönt so gewaltig, dass man meint, das Gebälk der Glockenstube ächzen und knarren zu hören und den ganzen Turm schwanken zu sehen.
Feierlich mutet der Klang der Glocken an; das ist wohl, was mehr oder weniger alle empfinden, die dem Glockenläuten überhaupt zugetan sind und es nicht nur als eine lästige Störung empfinden. Aber dem Dichter ist noch anders als feierlich zumute. Er meint zu hören, dass die Glocken sich vor Freude überschlagen. Er teilt nicht mit, ob er diese Freude teilt oder vielleicht nur den Wunsch hat, sie möge von den sich überschlagenden Glocken auf ihn übergreifen. Wenn es Freude ist, die sie in so ausgelassene Bewegung versetzt: Worüber freuen sie sich? Oder, genauer, denn Glocken können ja nichts empfinden: Was ist es, das die Glocken so antreibt, als überschlügen sie sich vor freude? Es ist, sagt er, die Freude über das leere grab. Und dass einmal etwas so tröstliches gelang. Und dass das staunen währt seit zweitausend jahren.
Alles hängt hier, glaube ich, an dem Wort einmal. Dieses eine Mal ist es passiert, dass ein Grab, in dem ein Toter lag, leer gefunden wurde. Und es ist kein Zweifel: Das Grab war nicht leer, weil man den Toten fortgeschafft, den Leichnam geraubt hätte. An dieser Variante arbeiten sich die österlichen Geschichten selbst ja ab und schließen sie aus. Die eine teilt mit, das Grab sei bewacht worden, die andere erzählt, Maria von Magdala habe einen Mann außerhalb des Grabes gefragt, ob er den Toten weggetragen habe, und dann erst entdeckt, dass es sich bei diesem Mann um den Gesuchten selbst handelte. Nicht infolge eines Leichenraubs also war das Grab leer, sondern weil der Tote, der darin lag, auf die eigenen Füße gekommen und aus dem Dunkel des Todes ins Licht des Lebens geschritten ist. Das war einmal, kann man sagen, aber man kann auch anders betonen: Das war einmal, ein Mal ist es passiert! Einmal gelang etwas so Tröstliches. Noch ist kein anderer je wieder so wie dieser Tote aus seinem Grab hervorgegangen, noch gibt es nur dieses eine Mal. Aber es begründet die Möglichkeit, dass nun - und darum - auch andere Tote das Leben zurückbekommen. Dass die Toten auferstehen werden, weil Christus auferstanden ist. Dass etwas so tröstliches gelang, ist Grund genug, dass das staunen währt seit zweitausend jahren. Denn etwas Erstaunlicheres ließe sich nicht denken.

Aber - ja, nun kommt das Doch in Kunzes Ostergedicht. Die letzten drei Zeilen lauten so:

Doch obwohl die glocken
so heftig gegen die mitternacht hämmerten -
nichts an finsternis sprang ab

Ich bleibe zuerst bei den Sprachbildern. Die Glocken, so heißt es, hämmerten gegen die Mitternacht. Das ist nicht nur eine Zeitangabe, durch die wir über den gedehnten Augenblick dieses Glockengeläuts informiert werden: den Beginn des Ostermorgens. Die Glocken überschlagen sich nun nicht mehr, sie hämmern. Das Spielerische, das ansteckend Ausgelassene des Anfangs verwandelt sich in einen drängenden, eindringlichen, ja aggressiven Akt. Die Mitternacht, und das ist der tiefste Punkt, den die Finsternis erreicht, soll zerschlagen, zertrümmert werden! Denn die tiefste Finsternis, die es gibt, die Nacht des Todes, ist ja nun aufgehellt, weil einmal etwas so tröstliches gelang: das leere Grab. Müsste das nicht zu sehen sein? Sollten die Sterblichen sich also nun nicht vor Freude überschlagen, weil es begründete Hoffnung gibt, dass ihr Ende nicht der Tod, sondern das Leben sein wird?

Nichts an finsternis sprang ab, sagt der Dichter. Die Glocken in ihrer Glockenstube schwingen nun nicht mehr lustig hin und her, sie hämmern gegen die mitternacht, und die Mitternacht ist der Stein vor des Grabes Tür. Verzweifelt ist ihre Anstrengung zu nennen, diesen Felsen anzugreifen, zu zertrümmern, zu zer-schlagen. Aber es gelingt nicht. Nichts an finsternis sprang ab. Ohne Bild: Die Glocken überschlagen sich, die Menschen aber leben angstvoll ihrem Tod entgegen und vom Tod fasziniert. Nach wie vor regiert sie der Tod, obwohl einmal etwas so tröstliches gelang. Es reicht nicht in die Gegenwart hinein, es setzt sich nicht in sie fort. Mehr als das Staunen darüber, dass es einmal so war, kommt nicht zustande. Die Verwunderung wird nicht zum Trost.

Man kann diese Wendung verschieden deuten. Man könnte sie als Ausdruck von Häme lesen: Die Christen haben ganz am Anfang etwas so Tolles erlebt, und was ist daraus geworden? Nichts an Finsternis sprang ab. Aber das passt nicht zu Reiner Kunze, dem religiös sehr musikalischen, ja frommen Dichter. Er singt nicht mit Nietzsche das übliche traurige Lied, die Christen müssten erlöster aussehen. Er meint wohl auch nicht: Es ist ja alles gar nicht wahr, es ist nur eine schöne Geschichte, zu schön, um wahr zu sein. Ich glaube, Kunze beklagt, dass der Stein vor der Tür des Grabes so schwer, die Finsternis in der vom Tod regierten Welt so gewaltig ist. Nicht Häme, nicht Zynismus, nein: Schmerz ist es, was dieses Gedicht bestimmt. Der Schmerz darüber, dass jede Mitternacht mit der Tiefe ihrer Dunkelheit von neuem die Gewalt des Todes sichtbar macht. Wäre es doch so, dass wir sehen könnten, was wir glauben wollen: dass (wie wir gesungen haben im Evangelischen Gesangbuch Lied 101,4) ein Spott aus dem Tod ist worden, dass er erschlagen liegt wie der Riese Goliat, dass man über ihn lachen kann, weil er nichts mehr vermag. Wäre es doch so, dass es nach Ostern überhaupt keine tiefe Finsternis mehr gäbe wie in jeden kürzesten und hellsten Nächten des Jahres im Übergang vom Frühjahr zum Sommer, wo es nie wirklich dunkel wird! Kunze nimmt wahr, dass es einfach nicht die Möglichkeit gibt, über den Tod zu spotten, weil seine Gewalt so zudringlich ist; ich muss das ja hier nicht ausführen.

Aber - und dies ist ein Doch sozusagen in umgekehrte Richtung - es bleibt wahr, dass einmal etwas so tröstliches gelang. Und auch wenn es stimmt, dass die Menschen dadurch nicht immer und über alles getröstet werden können, so ist doch diese Geschichte in der Welt, und hin und wieder passiert es, dass die, die sie hören, Purzelbäume schlagen und in ihrer Freude einen Abhang hinunterrollen. "Wenn einer eine wirkliche Geschichte weiß, glauben Sie, das kann verborgen bleiben? Bewahre, das spricht sich herum, besonders unter den Kindern!", heißt es bei Rilke in seinen Geschichten vom lieben Gott (in: 'Wie der Verrat nach Rußland kam') . Dies ist eine wirkliche Geschichte, und bis heute bringt sie die Glocken dazu, dass sie läuten, als überschlügen sie sich vor freude über das leere grab. Und dass sie, diese Geschichte, eine starke Kraft hat, das merkt man, wenn man sich vorzustellen versucht, es gäbe sie nicht. Auf viele Geschichten könnten wir verzichten. Diese Geschichte von einem, der im Grab auf die eigenen Füße kam, um aus ihm hervorzugehen ins Licht, diese ist unentbehrlich.

Und manchmal sehen wir, was wir glauben. Ich habe es gesehen in den Gesichtern und an den Körpern afrikanischer Christen, die als Reinigungskräfte in Kaufhaustoiletten oder an Sortierbändern in Müllverwertungsanlagen arbeiten. Wenn sie sich in einer ehemaligen Fabrikhalle in Hamburg-Bergedorf zum Gottesdienst treffen, sind sie Begeisterte;
sie überschlagen sich vor Freude. Sie tragen eine Würde an sich, die ihnen nicht aus ihrer Arbeit und ihren Lebensumständen zuwächst, wohl aber aus dem Staunen darüber, dass einmal etwas so tröstliches gelang. - Und wenn wir hier singen, dass der Tod gebunden und von dem Leben überwunden sei, und: "Alle Welt sich des erfreuet, sich verjünget und erneuet; alles, was lebt weit und breit, leget an sein grünes Kleid. Ja, das Meer vor Freuden wallet, Berg und Tal weithin erschallet: Halleluja, Halleluja!", - dann vergessen wir nicht, dass es grün wird, weil der Winter zuende ist. Aber wir können auch so frech und fröhlich und frei sein, dass wir das Ausbrechen der Blätter und Blumen als einen starken Hinweis nehmen. Der Winter des Lebens geht zuende und es wird Frühling, weil einmal etwas so tröstliches gelang und alle Welt sich darüber freut, die Glocken und die Osterglocken, die Menschen und die Tiere. Ja, Gott selbst freut sich.
Amen.

 

Tagesgebet:
Lebendiger Gott, Grund und Ziel, haltender Raum und offene Zukunft,
in dich können wir uns fallen lassen, du fängst uns auf, hältst uns und lässt uns nicht.
Furcht, Angst, Entsetzen machen uns oft krumm und dumm,
blind und stumm, leblos und wie tot.
Du aber lässt uns erfahren,
dass Todesstarre weicht und Leben sich regt.
Du, Gott, bist haltender Raum und offene Zukunft
und gibst uns mitten im Tod das Leben durch Jesus Christus.
Amen

 

Glaubensbekenntnis (nach: Gottesdienstbuch, S. 540)
Wir glauben an Gott, den Vater.
Er hat ins Freie geführt, die unter der Knechtschaft litten.
Er gab denen, die fremd waren im Land, ein Zuhause.
Er hat zusammengebracht, die in alle Winde zerstreut waren.
Wir glauben an Jesus Christus, den Sohn Gottes,
unsern Bruder und Erlöser.
Er gab denen, die hungrig waren, zu essen.
Er brachte Gott, der das Licht ist, zu denen im Dunkel.
Er sagte den Gefangenen die Freiheit an.
Wir glauben an den Heiligen Geist.
Er gibt denen, die verzweifelt sind, neuen Mut.
Er lässt das wahre Leben aufscheinen in verkehrten Verhältnissen.
Er gibt denen, die zu Tode erschrocken sind,
Hoffnung auf Leben und Zukunft. Amen

 

Fürbitten:
Auferstandener Christus, du hast dem Tod die Macht genommen und das Leben und ein unvergängliches Wesen ans Licht gebracht (2 Tim 1,10). Dafür danken wir dir in Ewigkeit.
Noch bedrückt uns, die wir in der Zeit leben, der Tod.
Mit Furcht laufen wir auf das Ende zu,
die Vergeblichkeit schreckt uns und dass nichts bleibt von uns.
Mit Unruhe und Sorge blicken wir dorthin,
wo Konflikte sich zuspitzen und Sprache dazu gebraucht wird, Gegensätze absolut zu setzen, statt das Verschiedene miteinander in Beziehung zu bringen: in Tibet, in Palästina …
Wir bitten dich: dass etwas abspringt von der Finsternis
und wir erleben, dass der schwere Stein reißt, porös und brüchig wird, dass Licht fällt in verschlossene Grabhöhlen.
Mach es hell vor unseren Augen, dass wir uns überschlagen vor Freude über das leere Grab.
Wir legen dir alle und alles an dein Herz, auferstandener Christus:
die Nahen und die Fernen,
alle die, für die wir etwas tun können,
und die anderen, die unser Arm nicht erreicht.
Uns selbst, die Nacht des Karfreitags und das Licht des Ostermorgens,
alles, was sich in diesen Tagen zuträgt,
unsere Ohnmacht, unseren Schmerz, unsere Freuden.
Segne uns und alle, mit denen wir verbunden sind.
- Gott, Vater, Quelle des Lebens, Horizont unserer Hoffnung,
im Namen Jesu Christi, unseres Herrn und Bruders,
bitten wir dich gemeinsam:
Vater unser im Himmel …

Amen.

 


Pastor Klaus Eulenberger
Predigt im Gottesdienst am Ostermontag, 24.03.2008, im Dom zu Ratzeburg