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Gottesdienst am 29. Juni 2008 im Dom zu Ratzeburg – Tag der Apostel Petrus und Paulus – – Matthäus 16, 13-19 –
Liebe Gemeinde! „Jesus kam in die Gegend von Cäsarea Philippi.“ Das Gebiet, hoch im Norden Palästinas gelegen, ist religiös hoch aufgeladen. Früh gab es dort ein Baalsheiligtum, das heißt: Ein kanaanäischer Fruchtbarkeitsgott – oder eher eine Göttin mit dieser Zuschreibung? – wurde in der Nähe eines Flusses verehrt. Der Name dieses Flusses – Banyas oder Paneas – deutet schon auf einen anderen Gott: Pan. Was einmal Ort des Baal war, wurde vielleicht im 4. vorchristlichen Jahrhundert eine Stätte des griechischen Gottes Pan, auch er ein Spender von Fruchtbarkeit, aber daneben von verspielt-musikantischem Wesen (Pan ist der Erfinder der Panflöte) und, nicht zu vergessen, mit einer dämonischen Seite versehen: Der panische Schrecken geht auf ihn zurück. Aber er wird nicht der Letzte sein, der unweit der Quelle des Banyas (und damit eines Jordan-Zuflusses) als Gott verehrt wird. Als der römische Kaiser Augustus dem jüdischen Herrscher Herodes die Gegend schenkt, baut er, der der Große genannt wird, dort einen Tempel für Augustus und die Göttin Roma. Von allem gibt es Spuren bis heute. I. Dort also trägt sich die Szene zu, die wir gehört haben. Es ist kein leerer Raum, in dem Jesus (so stelle ich es mir vor) plötzlich stehen bleibt, sich zu denen umdreht, die mit ihm wandern, und sie fragt: Was sagen die Leute über mich? Die Antworten, die sie ihm geben, lassen erkennen, dass Jesus, wo er erscheint, in vorgegebene Bilder eintritt, dass seine Gestalt übergeht in die von anderen, die vor ihm waren. So wird er als ein zweiter Elia, ein Jeremia in anderer Gestalt gesehen oder als ein Wiedergänger der Propheten, die es außer ihm gab. Und für einige ist Jesus zum Verwechseln ähnlich dem, der ihm vorausging: Johannes der Täufer. – Er hört sie an und sagt: Und ihr? Wer bin ich denn für euch? Während sie noch überlegen, springt Petrus aus der Gruppe hervor, steht vor Jesus und sagt begeistert: Du bist Christus, der Sohn des lebendigen Gottes. Von diesem Augenblick an spielt sich das Entscheidende zwischen diesen beiden Männern ab: Jesus und Petrus. Die anderen treten in den Hintergrund, kommen nur noch unscharf ins Bild, während die Kamera auf den Jünger und seinen Meister gerichtet ist, der in ihm den Sohn des lebendigen Gottes erkannt hat. Vielleicht spiegelt die dramatische Szene etwas von einem Prozess in Jesus selbst. Mit aller Vorsicht kann man annehmen, dass er eine Zeitlang unsicher darüber gewesen sein könnte, was und wer er war. „Die Evangelien lassen diese Zeit hindurchschimmern, in der er in seinem eigenen Bewusstsein nichts war als ein Prophet“ (Oswald Spengler): ein zweiter Elia oder Jeremia eben. Und dann könnte es einen Augenblick gegeben haben, in dem die Gewissheit über ihn kam: Du bist es selbst! – nämlich der Beauftragte Gottes, von dem jetzt alles abhängt, das Sein Gottes in der Welt, ja das Sein oder Nichtsein der Welt. II. Der Karlsruher Philosoph Peter Sloterdijk hat die Szene in ein besonderes Licht getaucht. Er schreibt: „Von einem Wink des Meisters aufgeweckt, spielt Petrus, der bezauberte Zauberer, den Schicksalspartner im Spiel der Messiaswerdung; er hält den brennenden Reifen in die Höhe – ‚du bist der Beauftragte Gottes‘ –, und Jesus springt auf der Suche nach seinem Schicksal hindurch, indem er die Identifizierung annimmt und Ich sagt.“[1] Petrus hätte also Jesus geholfen, der zu werden, als der er gemeint war. In dem Augenblick, da Petrus dies sagte: „Du bist Christus, der Sohn des lebendigen Gottes!“, wäre Jesus eins geworden mit seiner Bestimmung. – Sloterdijk fasst die Bedeutung dieses Augenblicks mit dem Satz zusammen: „Der Mensch muss dem Menschen versprochen werden, bevor er an sich selbst erprobt, was er werden kann.“[2] Das gilt nun gewiss nicht nur für Jesus, den Christus, es gilt für die Menschen insgesamt, für jeden von ihnen. Wenn mir niemand sagt, was er, was sie in mir sieht, kann ich nur werden, was ich schon über mich weiß, und das ist wenig oder nichts. Wer mir aber ein Versprechen gibt über das, was ich sein kann, weil ich so gemeint bin, öffnet mir den Weg, in eine Gestalt einzutreten, in der ich zu mir selbst finde. Noch einmal, ein letztes Mal, Sloterdijk mit einer seiner bildkräftigen Formulierungen: „Das Ich kann nur durchleuchtet leuchten kraft eines durch es hindurchscheinenden älteren, tieferen, produktiveren Lichts; ein wohlgeratenes Ich ist im Grunde nichts anderes als ein Glitzern im Auge Gottes.“[3] Das Auge Gottes scheint in diesen höchst bedeutungsvollen Zusammenhängen nicht entbehrlich zu sein; es muss gedacht, ja „gesehen“ werden auch von solchen, die mit Gott sonst nicht wie mit einem Freunde sprechen. Das Du, „an dem“ das Ich entsteht, ist das der Menschen, denen ich begegne – und darin und im Grunde ist es das Du Gottes. III. Jesus und Petrus also. Beide sprechen sich gegenseitig einen Satz zu, der mit „Du bist“ beginnt. „Du bist Petrus!“, sagt Jesus, und es klingt vergleichbar begeistert wie vorher bei Petrus. Man könnte sagen, dass sie beide einander den brennenden Reifen hinhalten, und jeweils springt der andere hindurch, um zu werden, der er ist. Pétra: der Stein, der Fels. „Du bist Petrus, und auf diesen Felsen will ich meine Gemeinde bauen.“ Das klingt sehr gewiss: so, als könne der Gemeinde von nun an nichts geschehen, selbst dann nicht, wenn Jesus nicht mehr da ist. „Die Pforten der Hölle werden sie nicht überwältigen.“ Die Türen zur Unterwelt werden sich nicht hinter der Gemeinde Jesu Christi schließen, sie wird nicht zum Teufel gehen. Petrus wird zum Exponenten der Jesusbewegung erklärt, nicht zum Stellvertreter (oder Nachfolger) Christi auf Erden übrigens[4], sondern zu dem, an dem man immer wieder lernen soll, dass die Kirche an Jesus gebunden bleibt und ohne diese Bindung – nichts ist. Ist das nun wirklich eine beruhigende Auskunft, dass die Gemeinde auf Petrus, den Felsen, gebaut sein und darum Bestand haben wird? Petrus, der unterginge wie ein Stein im aufgewühlten Wasser des Sees, wenn Jesus ihm nicht zu Hilfe käme? Der schwören wird, nicht Ärgernis zu nehmen an Jesus, und wenig später leugnet, ihn zu kennen? Wir brauchen gar nicht zu Geschichten wie diesen weiterzublättern, es genügt, an der Stelle zu bleiben, wo wir gerade sind. Zunächst sagt Jesus – noch immer im Schwung der Begeisterung – zu Petrus: „Selig bist du, Simon; denn Fleisch und Blut haben dir das nicht offenbart, sondern mein Vater im Himmel.“ Aus dir selbst hast du das nicht. Was du gesagt hast: Du bist Christus, des lebendigen Gottes Sohn!, das ist als Erkenntnis von höherem Ort dir zugeflogen und in dir aufgeblitzt. Aber du, gerade du, bist das Medium dieser Erkenntnis. Es geht weiter. Kaum ist der von solcher Begeisterung beflügelte Dialog zwischen Jesus und Petrus vorüber, folgt der erste von insgesamt drei Hinweisen Jesu an seine Jünger. So muss es sein: Ich werde mit euch nach Jerusalem müssen, dort werde ich viel zu leiden haben und getötet werden, und am dritten Tag werde ich auferstehen. Wieder tritt Petrus aus der Gruppe der anderen hervor. Der gerade zum Exponenten der Jesusbewegung Erklärte exponiert sich und fährt Jesus an und sagt: „Gott bewahre dich, Herr! Das widerfahre dir nur ja nicht!“ Das ist nun ziemlich verdreht. Gerade noch hat Jesus seinem ersten Jünger gesagt, er habe die Wahrheit nicht aus sich selbst, sondern sie sei ihm vom Vater im Himmel zuteil geworden; nun ruft Petrus diesen göttlichen Vater an, um Jesus vor dem harten Gang nach Jerusalem zu bewahren. Dabei hat Jesus davon gesprochen, er müsse diesen Weg gehen. Wenn Petrus seinen Herrn zurückhalten will, so entspricht das seinem eigenen Wollen – dem, was Fleisch und Blut ihm sagen – und nicht dem harten Muss, das aus dem Herzen Gottes kommt. Anders gesagt: Eben noch hat Petrus mit der Stimme Gottes gesprochen, nun widerspricht er dieser Stimme. Was steht damit auf dem Spiel? IV. Der Mensch muss dem Menschen versprochen werden, bevor er an sich selbst erprobt, was er werden kann. In dem Augenblick, wo Jesus durch den brennenden Reifen gesprungen ist, ist er willig geworden, der Christus zu sein – und damit nicht nur ein Hervorgehobener, Ausgezeichneter, sondern auch derjenige, der den harten Weg nach Jerusalem und ans Kreuz geht. Dieser Teil kann fortan nicht mehr abgetrennt werden. Der Beauftragte Gottes wird leiden, sterben – und vom Tod auferstehen. Er kann nicht um Jerusalem herum, nicht an Golgatha vorbei gehen. Wer ihn von diesem harten Weg abbringen will, wird zum Satan – und sei er auch gerade noch als der Fels bezeichnet worden, auf den Jesus seine Gemeinde bauen will. „Du meinst nicht, was göttlich, du meinst, was menschlich ist.“ Was wäre denn göttlich? Göttlich wäre die Perspektive, in der sich der Weg Jesu als der Weg darstellt, der dem Menschen von Gott bestimmt ist. Als Jesus die Jünger fragt, was die Leute über ihn sagen, formuliert er es so: „Wer sagen die Leute, dass der Menschensohn sei?“ Die Wendung deutet (unter anderem) darauf, dass Jesus der exemplarische Mensch, der Mensch schlechthin ist, dass also alles, was ihm widerfährt, auch zum Leben der anderen gehört. Die harten Wege also, das Hohe und das Tiefe, die Verklärung und die Erniedrigung, die Augenblicke des Verstehens und der Verwirrung, die Dankbarkeit und die Auflehnung, Triumph und Niederlage. Erfahrungen der Gebrochenheit und des Heilwerdens, des Auf und Ab, um nicht zu sagen: Fahrten hinab in die Welt der Toten und wieder herauf zu den Lebenden. Paulus, der zweite im Bunde dieses Tages, Antipode des Petrus, ein Exponent der Jesusbewegung aber wie dieser, wird es so formulieren: „Wir tragen allezeit das Sterben Jesu an unserem Leibe, damit auch das Leben Jesu an unserem Leibe offenbar werde“[5]. Den ersten Teil dieses Satzes würde Petrus, wie er uns in dieser Szene vorgestellt wird, gern tilgen. Und das ist es, was nicht geht – und was darüber hinaus, weil es so zutiefst irreführend ist, als eine Einflüsterung des Satans bezeichnet wird. V. Dabei könnte Petrus, der erste Jünger Jesu, es wissen: weil er es ja an sich selbst ablesen kann. Der kraftvolle, entschiedene, strahlende Petrus ist nur der halbe Petrus. Die andere Hälfte besteht aus Furcht, Vermeidung, Ignoranz, aus Scheitern, Flüchten und Abstürzen in die Scham. Gerade als dieser – nun ebenfalls exemplarische – Mensch aber wird er bestimmt, Fels der Gemeinde zu sein. Der Mensch mit seinem Widerspruch wird zum Exponenten der Jesusbewegung gemacht. Immer wieder in Versuchung, das Dunkle, Gebrochene, Schwierige in sich selbst zu übersehen und sich taub zu machen gegenüber der Stimme des lebendigen Gottes, wird der Petrus mit den vielen Namen bis auf diesen Tag genötigt, hinzusehen, standzuhalten und wahrzunehmen, was der Mensch im Angesicht Gottes ist: wenig niedriger als Gott und regiert von destruktiven Antrieben, schön und hässlich, nicht anders denn als Fragment existierend und doch der Vollendung fähig, die ihm zuteil werden kann in Gott. Darum – gerade darum – sind ihm auch die Schlüssel des Himmelreichs in die Hand gegeben. Amen [1] Peter Sloterdijk, Weltfremdheit, Frankfurt 1993 (es NF 1781), 37. [2] ebd., 29f. [3] ebd., 44. [4] Vgl. Ulrich Luz, Die Jesusgeschichte des Matthäus, Neukirchen-Vluyn 1993, 113. [5] 2. Korinther 4,10
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Pastor
Klaus Eulenberger
Predigt im Gottesdienst am 29. Juni 2008 im Dom zu
Ratzeburg