Liebe Gemeinde,

ein Kind wird geboren. Das ganze Leben liegt vor ihm, unberührt, voller Möglichkeiten. Am Anfang – so scheint es uns – stehen ihm alle Wege offen. Wie wird es werden? Wie wird er sich entscheiden?

Natürlich fragen wir uns auch, als Eltern (aber ja auch als Begleiter in der Nähe und in der Ferne): Welche Wege werden wir ihm weisen? Wo werden wir ihn laufen lassen? Wo werden Verbotsschilder aufstellen? Vielleicht sogar uns ganz bewusst in den Weg stellen: Bis hierher und nicht weiter!?

Das ganze Leben liegt vor uns! Vielleicht träumen Sie auch manchmal davon? Noch einmal von vorne anfangen können. An der einen oder anderen Weggabel eine andere Richtung einschlagen. Oder würden Sie alles genauso wieder machen in dem Gefühl: Es war schon richtig so, wie es war. Und es geht ja weiter, es geht gut für mich weiter!

Das Leben liegt vor uns! Wie kurz oder lang es auch noch sein mag. Wer weiß es genau? Aber eins ist gewiss: Leben liegt vor uns! Leben, das gelebt, das gestaltet werden will. Ein Leben voller Möglichkeiten – wir müssen sie nur entdecken, ergreifen, leben!

Genau daran erinnert uns die Schöpfungsgeschichte! Sie will ja nicht nur erklären, wie alles so geworden ist, wie es ist. Das will sie natürlich auch. Denn wir leben ja nicht beziehungslos, nicht ohne Vergangenheit, nicht ohne die, die vor uns gewesen sind. Sie will uns einen Weg nach vorn weisen. Uns öffnen – nicht nur für die Schönheit der Natur. Das auch! Nicht zufällig endet jeder Schöpfungstag mit der Zusammenfassung: „Und siehe, es war sehr gut!“

Ja, wir leben in einer schönen Natur – gerade wir hier am und um den Ratzeburger See,
so dass es uns leicht fällt, Gott als den Schöpfer dieser herrlichen Natur zu preisen und uns des Lebens zu freuen.

Aber die Schöpfungsgeschichte will nicht bloß einer gefühligen Naturromantik Vorschub leisten, die sich in den unwirtlicheren Gegenden dieser Welt erst gar nicht einstellen will, sondern dieser Satz: „Und siehe, es war sehr gut!“ ist ja viel umfassender gemeint und bezieht sich ja nicht nur auf die Welt um uns herum, sondern ja genauso auf die Welt in uns selbst.

Nun wissen wir alle sehr genau, dass die Welt in uns selbst – genauso wie die Natur übrigens – nicht nur „gut“ ist. Es gibt Gegenden, in denen menschliches Leben entbehrungsreich ist und sogar heute noch immer wieder Menschen verhungern. Von Naturkatastrophen gar nicht zu reden.

Auch in uns selbst tobt der Kampf zwischen gut und böse, wechseln Gefühle der Liebe mit Neid und Hass. Da gibt es nicht nur Schwingungen der Zuneigung und Sympathie, die Hinwendung zum Nächsten, der unsere Hilfe braucht, sondern doch auch die Empfindung, zu kurz gekommen zu sein, für sich selbst sorgen zu müssen (weil andere es nicht für uns sorgen). Wir Menschen sind nicht „nur“ gut.

Nicht umsonst reden wir manchmal davon, dass wir aus den Fehlern der Vergangenheit lernen müssen. Gerade heute ist ein Tag, der uns die Bedeutung der Rückschau in Erinnerung bringt/ruft. Der 31. August 1939 soll ein unbeschwerter, sonniger Sommertag gewesen sein wie heute. Für die meisten Menschen in unserem Land. Für die wenigstens, die nicht in die Bereitstellungsräume einrücken mussten in Erwartung eines Militärschlages, der sich zum größten Krieg aller Zeiten auswachsen sollte. Am frühen Morgen des 1. September 1939 begann mit dem Angriff auf Polen der Zweite Weltkrieg.

Es wäre ein Irrtum zu meinen, das alles habe mit uns nichts zu tun – auch wenn die Ereignisse beinahe ein ganzes Menschenleben zurückliegen. Wie sind wir geworden, wer wir sind?

Der Zweite Weltkrieg und die Ereignisse, die ihm vorausgingen, und die, die folgten, haben uns geprägt. Sie haben uns das „Nie wieder“ tief in die Seele eingeschrieben. „Nie wieder Krieg!“ „Nie wieder Ausgrenzung Andersdenkender!“ „Nie wieder Verfolgung und Ermordung von Menschen, die uns anders erscheinen!“

So und ähnlich lauten die Verbotsschilder, die uns bewahren sollen, vom Weg des Menschlichen abzukommen (und in der Barbarei zu versinken).

Wer das Theaterstück „Hexenjagd“ von Arthur Miller gesehen hat, das in den vergangenen zwei Wochen im Klosterinnenhof aufgeführt worden ist, der weiß, dass es mit dem Blick in die Vergangenheit nie nur um das Verstehen historischer Prozesse geht, sondern dass das, was uns grausam und unbarmherzig erscheint, im Kleinen beginnt und die Möglichkeit dazu immer in uns keimt.

Wir Menschen sind nicht „nur“ gut!

Vielleicht denken Sie nun, das klinge (zur Taufe eines kleinen Kindes) doch etwas düster. „Der Predigttext sei ja schließlich nicht die Geschichte vom Sündenfall, sondern die Schöpfungsgeschichte! Wir sollten den Blick nach vorne richten und nicht zurück.“

Wenn wir die Schöpfungsgeschichte heute lesen, dann ist das tatsächlich so etwas wie eine zweite Chance. Wir wissen, wie es enden könnte … Aber wir gehen sozusagen noch einmal an den Start zurück. Und es ist vielleicht sogar ganz gut, dass wir diesen Text nicht völlig unbeschwert und naiv zur Kenntnis nehmen, sondern ihn im Wissen um unsere Vergangenheit hören. Aber als Ermutigung! Als neu geschenkte Möglichkeit, es besser zu machen.

Und so will ich Ihnen nun aus der sogenannten zweiten Schöpfungsgeschichte vorlesen:

4 Es war zu der Zeit, da Gott der HERR Erde und Himmel machte.

5 Und alle die Sträucher auf dem Felde waren noch nicht auf Erden, und all das Kraut auf dem Felde war noch nicht gewachsen; denn Gott der HERR hatte noch nicht regnen lassen auf Erden, und kein Mensch war da, der das Land bebaute;

6 aber ein Nebel stieg auf von der Erde und feuchtete alles Land.

7 Da machte Gott der HERR den Menschen aus Erde vom Acker und blies ihm den Odem des Lebens in seine Nase. Und so ward der Mensch ein lebendiges Wesen.

8 Und Gott der HERR pflanzte einen Garten in Eden gegen Osten hin und setzte den Menschen hinein, den er gemacht hatte.

9 Und Gott der HERR ließ aufwachsen aus der Erde allerlei Bäume, verlockend anzusehen und gut zu essen, und den Baum des Lebens mitten im Garten und den Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen.

15 Und Gott der HERR nahm den Menschen und setzte ihn in den Garten Eden, dass er ihn bebaute und bewahrte.

Die Schöpfungsgeschichte. Das ist Leben aus der großen Fülle der Möglichkeiten. Ganz wie am Anfang – vielleicht schauen wir deshalb so voller Sympathie auf die Kleinsten, auf die gerade Geborenen. Auch wenn sie nun schon einige Monate alt sind wie Finn Erik.

Wir träumen davon. Und wir haben – trotz mancherlei Einschränkungen – tatsächlich viele Möglichkeiten. Aber dürfen wir alles, was wir können?

Diese Frage leuchtete auf, als wir am Freitag als Männerkreis zusammenkamen zu einem Thema, das auf den ersten Blick vielleicht unbedeutend erscheinen mag. Es ging um die „grüne“ Gentechnik. Sie wissen schon: das Klonschaf Dolly, die patentierte „Krebsmaus“, die inzwischen unverzichtbar geworden ist für die Suche nach neuen Therapien gegen den Krebs. Bakterien, die menschliches Insulin produzieren, und gentechnisch verändertes Saatgut.

Unsere Bundestagsabgeordnete Frau Dr. Happach-Kasan hat sich als Biologin intensiv mit dem Thema befasst. Sie sieht vor allem in dem gentechnisch veränderten Saatgut große Chancen, den Hunger in der Welt wirksamer als bisher zu bekämpfen. Gentechnisch veränderte Pflanzen, die große Dürre aushalten können oder die mit zusätzlichen Vitaminen angereichert sind. Baumwolle, die für bestimmte Schädlinge giftig geworden ist, so dass der Anbau mit weniger Pestiziden bewerkstelligt werden kann. Natürlich geht es auch um höhere Erträge und weniger Dünger. „Grüne Gentechnik“ – weil es hier um Pflanzen geht und nicht um Tiere oder um Medikamente oder neuartige Therapien für den Menschen.

Dürfen wir alles, was wir können? – Ich kann Ihnen darauf keine abschließende Antwort geben, weil es nicht nur darum geht, ob der Mensch „Schöpfer“ spielt. Das tun Menschen, seit sie wilde Tiere zu Haustieren gemacht haben und Pflanzen durch Kreuzung veredeln. Sondern weil natürlich auch wirtschaftliche Interessen im Spiel sind. Weil bestimmte Verfahren zur Herstellung des neuen Saatguts zum Patent angemeldet werden und große Konzerne wie der Saatguthersteller Monsanto die Bauern in manchen armen Ländern völlig in ihre Abhängigkeit gebracht haben.

Wie heißt es am Ende der Schöpfungsgeschichte? Und Gott der HERR nahm den Menschen und setzte ihn in den Garten Eden, dass er ihn bebaute und bewahrte.

Mit diesem einen Satz wird ein Zweiklang beschrieben, der für ein ganzes Leben gelten kann: Bebauen und Bewahren. Oder etwas abstrakter formuliert, denn es geht ja nicht nur um Gartenbau und Landwirtschaft: Freiheit und Verantwortung.

Gott schenkt uns eine Fülle von Lebensmöglichkeiten. Es wäre fahrlässig, sie nicht zu nutzen – und sozusagen auf einer unteren Stufe des Lebens stehenzubleiben. Nein – wir können und sollen die Fähigkeiten und Chancen nutzen, die wir haben. Aber eben nicht in rücksichtslosem Eigeninteresse nach dem Motto „Nach mir die Sintflut“. Die kam dann bekanntlich ja auch. Sondern als Teil einer Gemeinschaft und in Verantwortung für diejenigen, die uns anvertraut sind.

Dazu gehören auch die fernen Nächsten, die Hunger leiden auf dieser Welt. Dazu gehören auch unsere Kinder und Enkel. Sie leben in der Welt, die wir ihnen hinterlassen. Sie sind darauf angewiesen, dass wir ihnen Wege ebnen und andere Wege nicht verbauen.

So wollen wir dazu beitragen, dass Finn Erik, seine Geschwister und alle Kinder im Vertrauen auf Gottes Güte fröhlich heranwachsen. Und wir wollen selbst jeden Tag unseres Lebens dankbar aus Gottes Hand nehmen und gestalten.

Amen.

 


Gert-Axel Reuß, Predigt am 31. August2008.