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Gottesdienst zum 1. Advent 2008
Liebe Gemeinde! Auf die Frage: Was kommt auf uns zu? gibt es zur Zeit nur pessimistische Antworten. Wenn schon Kanzlerin Merkel sagt, dass sie für das kommende Jahr im wesentlichen schlechte Nachrichten erwartet, dann wird es wahrscheinlich ernst. Ich denke: Wir werden ihr nicht widersprechen. Die Warnung der Kanzlerin bezog sich zwar ausschließlich auf die Rezession der Wirtschaft und die Folgen für den Arbeitsmarkt. Aber es gibt ja noch mehr zu bedenken und zu befürchten. Wie unser gesamtes Finanzsystem auf Pump gelebt hat und darum eingebrochen ist, so leben wir auch in Hinblick auf die Ressourcen der Erde auf Pump. Und damit ist es wie mit jedem Kredit: Irgendwann wird er fällig, und wir werden zahlen müssen. Was kommt auf uns zu - im öffentlichen wie im privaten Leben? Weil wir die Zukunft nicht kennen, können wir zwar vieles erwarten, müssen aber auch alles befürchten. Die Frage im Advent lautet aber nicht: Was kommt auf uns zu? Sondern wer kommt auf uns zu? Ganz eindeutig, liebe Gemeinde: Wir erwarten nicht das Kommende, sondern den Kommenden. Was das bedeutet, möchte ich mit
Hilfe des Psalmwortes darstellen, das ich eben vor dem Halleluja gesprochen
habe: "Aus Zion bricht an der schöne Glanz Gottes; unser Gott kommt und
schweiget nicht." Diese beiden Verse aus dem 50. Psalm können als Überschrift über der gesamten Adventszeit stehen. Denn sie machen drei Aussagen, die diese Zeit kennzeichnen: Gott schweigt nicht; er hat uns etwas zu sagen. Gott kommt, und sein Kommen lässt unsere Verhältnisse erglänzen. Sein Glanz macht es nicht nur hell, sondern zugleich schön.
Was "schön" ist, lässt sich nicht für jeden Menschen in gleicher Weise feststellen. Aber für den größeren Teil unserer Bevölkerung gilt: Die meisten geben sich zumindest Mühe, es in diesen Wochen ein wenig schöner zu machen als sonst. Vom Tannengesteck im Wohnzimmer bis zu festlichen Konzerten in unseren Kirchen, von den illuminierten Vorgärten über den Plätzchenduft in der Küche bis zum Geruch des Glühweins auf den Weihnachtsmärkten - viele adventliche Bräuche tragen ihren Teil dazu bei, dass wir finden: Jetzt ist es besonders festlich bei uns. Besonders gemütlich. Besonders schön. Es gibt eine christliche Mäkelhaltung, die sagt: Das alles lenkt nur vom Eigentlichen ab. Das hat mit Gott und Jesus überhaupt nichts zu tun. Das ist alles reine Geschäftemacherei. Stimmt wahrscheinlich. Ich teile diese Haltung trotzdem nicht. Ich möchte dies durchaus positiv sehen und positiv deuten: Einem Menschen, der es sich im Advent besonders schön macht, so wie er "schön" versteht - sei es durch illuminierte Regenrinnen oder ein Knusperhaus - möchte ich sagen: Vielleicht denkst du gar nicht daran. Aber weißt du eigentlich, dass das, was du tust, etwas von dem schönen Glanz Gottes widerspiegelt? Gott ist nämlich nicht im Kuddelmuddel zu finden, sondern in der Schönheit und der Harmonie. Darum wurden im Mittelalter die Kirchen so gebaut wie unser Dom: So harmonisch in seinen Maßen, so abgestimmt im Einfall des Lichtes - so schön. Auch wenn andere Menschen diesen Gedanken überhaupt nicht kennen - ich finde es wunderbar, dass sie dafür Zeichen setzen.
Ich habe gesagt: Die Frage der Adventszeit lautet nicht: Was kommt auf uns zu? Sondern: Wer kommt? Das ist keine pastorale Spitzfindigkeit. Die Frage nach dem "Was" löst Befürchtungen aus. Die Frage nach dem "Wer" setzt Hoffnung frei. Denn dem Kommen Gottes kann ich nur mit größter Erwartung entgegensehen. Wenn ich ihm denn entgegensehe. Ich will diese Einschränkung erklären: Ich habe ich x-mal gepredigt: Gott kommt. Sie haben x-mal gehört: Gott kommt. Wir sind daran gewöhnt. Wir sind darüber abgestumpft. Aber bitte, liebe Gemeinde, stellen Sie sich nur mal für einen Augenblick vor, wir hörten das jetzt zum ersten Mal: Gott kommt! Das bedeutet: Die Macht, über die hinaus Größeres nicht gedacht werden kann, die Macht, die mit keinem Wort, keinem Vergleich, keinem Dogma beschrieben werden kann, diese Macht kommt auf uns zu! Wie kann das sein? Wie soll das gehen? Die Antwort hören wir zu Weihnachten: Der unanschauliche Gott wird ein anschaulicher Mensch. Er wird Mensch in der kleinstmöglichen Gestalt eines neugeborenen Kindes. Jeder kennt Gemälde von der Geburt Jesu. Gleichgültig, ob aus gotischen, barocken oder ganz modernen Zeiten: Sie alle bilden einen armen und kalten Hintergrund ab, vor dem ein Licht leuchtet, das von dem Kinde ausgeht. Und dieses Licht macht die unfreundlichen Verhältnisse erträglich. Die Maler wollten nicht nur zeigen: So war das. Sondern sie wollen vor allen Dingen dem Betrachter sagen: So ist das. Der Stall ist eine Ruine, das Dach ist kaputt. Die Hirten tragen abgerissene Kleidung. Die Könige dagegen treten auf mit Gold und Geschmeide und allem Prunk. So ist das. Das Kind - nackt auf dem Boden oder frierend im Futtertrog - verändert diese schlimmen und unwirtlichen und ungerechten Verhältnisse nicht. Es lässt sie aber in einem
anderen, in einem wärmeren Licht erscheinen. Das ist der Grund, warum ich über die flimmernden, blinkenden, Energie verschwendenden Illuminationen dieser Zeit nicht spotte. Selbst der kitschigste Lichterschmuck erinnert daran: Christen sind Menschen, die einem Stern folgen. Wir leben nicht ins Blaue hinein, und wir leben nicht ins Graue hinein. Wie die drei Weisen auf dem Morgenland, die vier Wochen vor Weihnachten sicher schon auf dem Weg waren, ihrem Stern hinterher, so haben auch wir einen Stern vor Augen: Dieser Stern ist die Hoffnung auf Gottes Kommen. Dieser Stern ist die Hoffnung auf die Vollendung all dessen, was uns jetzt unvollendet, unvollkommen, unbarmherzig, ungerecht begegnet - und was es sonst noch an Un-Worten gibt. Dieser Stern verheißt uns, dass der Grauschleier, der über so vielem liegt, eines Tages weggezogen sein wird und wir endlich das klare, warme Licht Gottes schauen werden. Hin zu diesem Licht sind wir unterwegs. Und auf unserem Wege, dem Stern folgend, treffen wir auf viele Menschen, die in dieser Adventszeit ihrer Sehnsucht Raum geben: Der Sehnsucht nach Geborgenheit, der Sehnsucht nach Harmonie, nach Schönheit, nach Frieden - auf den Punkt gebracht: Der Sehnsucht nach Gott. Diese Sehnsucht tragen wahrscheinlich alle Menschen in sich. Wir haben anderen dies eine voraus: Wir sehnen uns nicht nur. Wir glauben, die Stelle zu kennen, an der diese Sehnsucht gestillt wird. Wir glauben, ein kleines Stück von der Größe erkannt zu haben, auf die unsere Sehnsucht uns hinführen will. Und wenn eine große Sehnsucht zusammentrifft mit der festen Hoffnung auf Erfüllung, dann passiert etwas. Dann ändert sich etwas. Dann wird etwas neu. Dann fängt es an zu glänzen. Ich weiß nicht, ob wir die unwirtlichen Verhältnisse, von denen ich eben sprach, bewusster und deutlicher wahrnehmen als andere. Ich will uns nicht sensibler machen als wir sind. Wichtig ist: Wir lassen uns nicht
lähmen. Das Licht, das durch Jesus auf die Erde kam, hat die Verhältnisse
nicht revolutionär umgestoßen. Es lässt sie aber in einem anderen Licht
erscheinen. Und darum kann ich mir Veränderungen innerhalb meiner
Möglichkeiten zutrauen. Das dritte: Gott schweigt nicht. Er hat uns etwas zu sagen. Dies in einer Kirche zu hören, ist nun wahrlich nichts Ungewohntes. Wir behaupten unentwegt, dass Gott zu uns spricht, dass es eine Botschaft gibt für uns. Und weil wir uns daran gewöhnt haben, gilt auch hier das, was ich eben zum Kommen Gottes gesagt habe: Wir nehmen nicht mehr zur Kenntnis, dass es hier um etwas wirklich Aufregendes geht. Gott spricht. Das heißt: Der Gott, an den wir glauben, ist nicht die unpersönliche, unberührbare, schweigende Macht in den Weiten des Alls, sondern Gott hat es mit mir zu tun - und darum habe ich es mit Gott zu tun. Wenn sich aber Gott aus seiner Unberührbarkeit löst und kommt und spricht - und zwar zu mir - dann gibt es nur eins: Hinsetzen, still werden, zuhören. Mit anderen Worten: Die Tugenden pflegen, die wir uns für die Adventszeit immer wieder vornehmen, und die wir so selten in die Tat umsetzen. Was Gott spricht? Nun, es sind wesentlich zwei Worte, ein adventliches und ein weihnachtliches. In dem adventlichen geht es um das Beurteilen dessen, was wir tun und lassen. Denn das ist doch klar: Wenn Gott es mit mir zu tun hat und darum ich mit ihm, dann ist ihm mein Tun und Lassen wichtig. Er wird etwas dazu sagen, und er wird mich dazu etwas fragen. Und er wird dies nicht nur in einer fernen Zukunft tun, am Jüngsten Tage. Er spricht auch heute zu mir. Jede Regung meines Gewissens erinnert mich daran. Auf dem Hintergrund dieser Predigt könnten die Fragen wohl so lauten: Ist ja nett, dass du die Adventsbräuche positiv siehst. Aber hast du etwas getan, damit die Verhältnisse nicht nur in einem wärmeren Licht erscheinen, sondern wirklich besser werden? Du betrachtest Krippenbilder. Ist ja schön. Aber hast du Acht gegeben auf Kinder, denen es mindestens so dreckig geht wie dem Kind in der Krippe? Liebe Gemeinde, wir sind nicht aufgerufen, die Welt zu retten. Wir glauben, dass dies durch Jesus Christus geschehen ist. Aber immer noch gilt das Wort des erwachsen gewordenen Krippenkindes: Was ihr getan habt einem meiner geringsten Geschwister, das habt ihr mir getan. Und umgekehrt: Was ihr ihnen nicht getan habt, das habt ihr mir auch nicht getan. So oder ähnlich könnte das adventliche Wort Gottes lauten; das ernste Wort. Das Wort, das zur Besinnung ruft. Im weihnachtlichen Wort
geht es um Jubel und Freude, um das Freisprechen von allem, was uns
belastet. Davon weiß das Gewissen nichts. Davon weiß nur der Glaube. Ich bin
überzeugt, dass dieses zweite Wort stärker und entscheidender ist als das
erste. Denn das endgültige und letzte Wort Gottes über uns und seine Welt
wird ein Wort des Friedens und der Liebe sein. Ich wünsche, das wir alle von der
Wahrheit dieses Satzes in den nächsten Wochen genügend erfahren werden. Dann
können wir nämlich am Weihnachtsfest sagen: Es war eine gesegnete
Adventszeit. Amen
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Domprobst
em. Jürgen Müller
Predigt zum 1. Advent 2008 im Dom zu Ratzeburg