Gottesdienst am 4. Sonntag im Advent, dem 21.12.2008 im Dom zu Ratzeburg
– zu Bachs Kantate „Schwingt freudig euch empor“ BWV 36 –

Liebe Gemeinde!

Die Kantate, die wir gehört haben, existiert in insgesamt sechs Versionen. Die Einzelheiten zäh­le ich hier nicht auf. Aber ich erwähne, dass Bach das Stück zwischen 1725 und 1735 fünf Mal umgearbeitet hat: Die ursprünglich weltliche Kantate – komponiert für einen akademischen Lehrer – wurde im zweiten Durchgang eine Huldigungsmusik für die zweite Ehefrau des Köthener Fürsten Leopold, dann aber, vor 1730, eine Adventskantate. Kurze Zeit später hat Bach sie zurückverwandelt in eine weltliche Kantate: Diesmal wurde sie ein Geburtstagsständchen für Bachs Vorgesetzten an der Leipziger Thomasschule. Diese Metamorphosen des Stückes – und eine weitere – kamen so zustande, dass Bach den Text umarbeiten ließ, und zwar meist nur oberflächlich. Augenscheinlich kam es ihm diesbezüglich nicht auf Perfektion an; er nahm, was er bekam, und machte eine bemerkenswerte Musik dazu. Muss man enttäuscht sein, dass der große Johann Sebastian Bach so lässig über die Grenze zwischen geistlicher und weltlicher Musik wechselte, und zwar in beide Richtungen? Lange Zeit galt es als ausgemacht, dass Bach zwar weltliche in geistliche Kompositionen verwandelt hat, nicht aber umge­kehrt vorgegangen ist. Unsere Kantate Schwingt freudig euch empor beweist das Gegenteil. Bach hatte mehrere Gründe, in dieser Hinsicht nicht zimperlich zu sein. Zum einen stand er oft unter einem Produktionsdruck, der erstaunlich und beängstigend wirkt wenigstens auf uns (aber ich nehme an, auch auf ihn). Der andere Grund ist aber wichtiger: Die Unterscheidung zwischen weltlicher und geistlicher Musik war nicht Bachs Thema. Sie wurde es erst in späterer Zeit. Er selbst war sich sicher, dass „alle Musik zur Ehre Gottes“ gemacht war. Ich glaube, einige Komponisten der Moderne – Olivier Messiaen, Arvo Pärt – sehen es ähnlich.


Lassen Sie uns auf einige Besonderheiten der Partitur in Text und Musik schauen. Sie ist heute unser Predigttext.

I.

Die vier Zeilen des Eingangschores sind bestimmt keine große Dichtung, aber sie enthalten, genau gehört, doch einige Besonderheiten. Am Anfang heißt es: „Schwingt freudig euch empor zu den erhabnen Sternen.“ Das passt in gehobene vorweihnachtliche Stimmung. Ja, wir wollen uns erheben oder emporschwingen. Aber der Schwung wird gebremst, kaum dass es damit angefangen hat. „Haltet ein!“ Wir werden zurückgeholt, die Schaukel, auf der wir ge­rade Schwung nehmen wollten, um uns zu den erhabnen Sternen emporzuschwingen, wird angehalten. Eine mahnende Stimme ist zu hören (wie früher, wenn die Mutter sagte: Geht nicht mehr zu weit weg, gleich wird gegessen): „Der Schall darf sich nicht weit entfernen.“ Welcher Schall? Der, den die fröhlichen Zungen hervorbringen. Also: Schwingt euch empor mit Jauchzen und Juchzen, aber entfernt euch nicht zu weit von der Erde. Denn dort – nicht im Himmel, sondern auf der Erde! – „naht sich selbst zu euch der Herr der Herrlichkeit.“ Es entsteht eine reizvolle, aber auch riskante Gegenbewegung. Wenn er käme und euch hier nicht anträfe, weil ihr euch gerade in luftige Höhen erhoben hättet, würdet ihr euch verfehlen. Ihr: die an die Erde Gebundenen – und er, der den Himmel verlässt, um bei euch zu sein.


„Er kommt, er kommt mit Willen,
ist voller Lieb und Lust,
all Angst und Not zu stillen,
die ihm an euch bewusst.“   (Paul Gerhardt, EG 11,7)


Geht nicht zu weit, könnte man zusammenfassen; denn er kommt ja zu euch. Ihr müsst euch nicht zum Himmel emporschwingen; denn er hat den Himmel schon verlassen, ist Mensch geworden, um zu sein wie ihr. „Alles dieses, was wir tun und erleiden, geboren werden, keinen Platz haben, leiden und sterben, bekommt in der Geschichte von Weihnachten eine Würde und  einen Rang, von dem Menschen außerhalb der Erfahrung Christi nur zu träumen wagen, eben den höchsten“, hat Dorothee Sölle geschrieben. (Quelle: Dorothee Sölle, Macht von unten, in: Das Recht, ein anderer zu werden, Neuwied/Berlin (Luchterhand) 1971, 7-15, hier: 12).

Es klingt wie eine Fortschreibung des barocken Textes in einer allerdings weniger ausgeschmückten Sprache.


II.

„Ihr Zungen, die ihr itzt (= jetzt) in Zion fröhlich seid.“ Der Zionsberg steht für Jerusalem, und da die Kantate für den 1. Adventssonntag bestimmt ist, bezieht sich diese Zeile vermut­lich auf das Evangelium vom Einzug Jesu in Jerusalem. Verfehlt ihn nicht, während er gerade kommt! Ruft nicht zu laut Hosianna, sonst hört ihr die schnellen sanften Tritte der Eselin nicht, auf der der Herr der Herrlichkeit … sich naht! Auch eine andere Beziehung ist denk­bar. Die Lesung aus der Hebräischen Bibel, die wir gehört haben, enthält den Hinweis, dass „der Herr nach Zion zurückkehrt“. Wir sind in einer ganz anderen Zeit, das babylonische Exil Israels geht zuende, und mit den aus der Gefangenschaft Entlassenen kehrt auch Adonaj, der Gott Israels, zurück nach Jerusalem, zieht wieder in den Tempel und die Stadt ein. So ist die Vorstellung. Auch dazu passt die Aufforderung: „Seid fröhlich und rühmt miteinander!“ – eine Variante zu „Schwingt freudig euch empor!“ An wen richtet sich der Aufruf im Jesaja­buch? An die Trümmer Jerusalems. „Seid fröhlich und rühmt miteinander, ihr Trümmer Je­rusalems.“ Was kaputt ist, soll sich freuen; Jesaja sieht die Trümmer sich schon wieder zu­sam­menfügen, wie die Bruchsteine der zerstörten und eingestürzten Frauenkirche in Dresden identifiziert und dem neu entstehenden Bau wieder eingefügt wurden. Kann man sich vorstellen, dass ein beherzter Prophet sich Anfang der 90er Jahre vor den Steinhaufen am Neumarkt gestellt und mit lauter Stimme gerufen hätte: „Seid fröhlich und rühmt miteinander, ihr Trüm­mersteine; ihr sollt getröstet und von neuem zusammengefügt werden!“? Er hätte recht ge­habt, weil er schon sah, was noch nicht sichtbar war. Man kann das Kaputte, man kann die Kaputten aufrufen, fröhlich zu sein – wenn man guten Grund hat dafür. Dem wieder hergestellten Ganzen aber sieht man an, dass es mitgenommen ist; die Spuren der Zerstörung sind unübersehbar.


III.

„Auch mit gedämpften, schwachen Stimmen / wird Gottes Majestät verehrt.“ Der Solosopran, der das singt, wird von einer Violine con sordino begleitet, mit Dämpfer also, im Klang deut­lich zurückgenommen. Auch wer nicht mit Instrumenten musiziert, darf sich das gesagt sein lassen: „Auch mit gedämpften, schwachen Stimmen wird Gottes Majestät verehrt.“ Das gilt wenigstens, wenn der Geist dabei ist. „Denn schallet nur der Geist darbei, / so ist ihm (Gott) solches ein Geschrei, / das er im Himmel selber hört.“ Das Wort Geschrei klingt in diesem Zu­sammenhang befremdlich. Zu Martin Luthers Zeiten und danach hatte es einen anderen Klang als für uns. Das Wort euangelion übersetzt Luther einmal so: Es heist auff deutsch gute botschafft, gute meher, gute new zeitung, gut geschrei. Also ist geschrei wohl: eine nachdrücklich vorgebrachte Mitteilung, ein Ruf, der nicht überhört werden soll. Hier denken wir es uns als Antwort auf die gute meher (= mär), dass der Herr der Herrlichkeit den Himmel verlassen hat, um bei den Menschen zu sein. Das Wort Geschrei aber, wie wir es hören – ein Ausdruck von Not, Bedrängnis, Angst –, gibt nun noch einen eigenen Sinn dazu. „Entscheidend ist nicht die Lautstärke, die ist eher verräterisch, weil sie in uns vielleicht andere, kritische Stimmen übertönen soll, sondern ob der Geist, der Sinn, das Herz dabei sind. Dann werden auch die gedämpften, schwachen Stimmen im Himmel wie ein Geschrei gehört; dann sind sie nämlich echt und lassen zugleich etwas erkennen von der Gebrochenheit und von den Dissonanzen des wirklichen Lebens.“ Nun sind wir nah bei den Trümmern, die in Jerusalem oder an anderen Orten liegen und zu denen jemand sagt: „Seid fröhlich und rühmt miteinander.“


IV.

Die ganze Kantate „Schwingt freudig euch empor“ ist Liebesmusik. Braut und Bräutigam kommen vor, der werte Schatz, das Treugeliebte, das Entzücken am Anblick des, der anderen. Die leichte, tänzerische, strahlende Musik passt dazu, und die beiden Oboe d’amore tun das Ihre hinzu. Möge in diesen kommenden Tagen die Gottesliebe neu in uns einziehen: die Liebe zu Gott und das Bewusstsein, von Gott geliebt zu sein. Gebe Gott, dass wir ihm mit reinem Herzen zugetan sind, wenn wir die begeisterte, unglaublich vielgestaltige Musik hören, die es ohne sein Kommen auf die Erde nicht gäbe. Wir aber werden uns aus dem Dunkel empor­schwin­gen, wenn wir Gott singen in den Weihnachtsliedern, die ja auch Lobes- und Lie­bes­lieder sind für ihn.

Amen.

 

 


 

Pastor Klaus Eulenberger
Predigt im Gottesdienst am 4. Advent 2008 im Dom zu Ratzeburg