Gottesdienst am 2. Sonntag nach dem Christfest

am 04.01.2009 im Dom zu Ratzeburg

– Lukas 2, 41-52 –

 

Liebe Gemeinde!

Unter den vier Evangelisten ist es vor allem Lukas, der die Bewegung liebt. Engel verlassen die himmlische Sphäre, um den Menschen Nachrichten und Hinweise zu bringen. Maria, als sie weiß, dass sie schwanger ist und einen Sohn gebären wird, macht sich auf den Weg zu ihrer Verwandten Elisabeth. Der Kaiser Augustus veranlasst alle, die in der Provinz Syrien leben, in die Stadt ihrer Herkunft zu wandern. So kommen Maria und Josef nach Bethlehem. Als das Kind geboren ist, besuchen wiederum Engel die Hirten auf dem Feld, die sich auf den Weg nach Bethlehem machen. So geht es weiter. Das in einem kleinen Ort in Judäa zur Welt kommende Kind löst schon vor seiner Geburt umfassende Wanderungsbewegungen aus, die sich fortsetzen, als es geboren ist. Und als das Kind ein Mann geworden ist, zieht er selbst umher, lässt sich nirgends lange nieder, sagt von sich, dass zwar die Füchse Gruben und die Vögel Nester hätten, er selbst aber nichts, wo er sein Haupt hinlege. – Lukas erzählt die einzige Geschichte aus der Kindheit Jesu, die in den Evangelien vorkommt. Wir haben sie in diesem Gottesdienst gehört. Auch sie ist von unruhiger Bewegung bestimmt. Die Eltern Jesu gehen mit dem zwölfjährigen Jungen nach Jerusalem, um das Passafest mitzufeiern. Nach dem Fest wandern sie zurück nach Nazareth; dabei kommt ihnen der Sohn irgendwie abhanden. Da sie ihn nach einer Tagesreise nicht unter den Verwandten und Bekannten finden, kehren sie um und suchen ihn in Jerusalem. Als er endlich gefunden ist, wandert er mit Maria und Josef zusammen zurück nach Hause. „Er ging mit ihnen hinab und kam nach Nazareth und war ihnen untertan.“ Wir ahnen, dass dies nur ein Zwischenbescheid ist. Das Kind, das schon so viel in Bewegung gesetzt hat, wird nicht im Haus seiner Eltern, nicht ortsansässig bleiben. Noch entschiedener als andere Heranwachsende wird dieser sich von seinem Elternhaus absetzen, und wenn man ihn fragt, wer denn sein Vater sei, wird man immer mit zwei Antworten rechnen müssen: Mein Vater ist der Zimmermann Josef, und: Mein Vater ist Gott.


I.

Etwa dreihundert Jahre, nachdem Lukas sein Evangelium geschrieben hat, streitet man sich in der Kirche heftig und erbittert um die Frage, was Jesus seiner Natur nach war: ein wirklicher Mensch, den Gott um seiner Besonderheit willen als seinen Sohn adoptierte? Ein wahrer Gott wie der Vater, nur nach außen als ein Mensch erscheinend? Wahrer Mensch und wahrer Gott in einem? (So heißt es ja in dem alten Weihnachtslied Es ist ein Ros entsprungen: „Wahr’ Mensch und wahrer Gott, hilft uns aus allem Leide, rettet von Sünd und Tod.“) In den vielen Spielarten dieses Streits werden wir uns hier nicht verlieren. Nachvollziehbar ist der Grund der Auseinandersetzungen, die zeitweise so lebhaft waren, dass sie auch unter den Menschen auf der Straße, zwischen Sklaven und Marktfrauen ausgetragen wurden. Man musste verstehen, wie und warum Christus die Fähigkeit hatte, die Menschen zu erlösen. War er nur Mensch, so kannte er zwar die menschliche Natur aus eigener Anschauung, aber woher hätte er erlösende Kraft haben sollen? War er nur Gott, hätte aber nicht die menschliche Natur angenommen, wäre sie ihm also fremd geblieben, welchen Grund hätte er haben können, sich der dem Tod verfallenen Menschen anzunehmen? Wen also hat Maria geboren: einen Menschen oder einen Gottessohn? Das Konzil in Ephesos 431 legte fest, Maria sei als theotokos, als Gottesgebärerin, zu verehren. Was hätte die Mutter Jesu dazu gesagt?


II.

Maria ist die Mutter eines Kindes, wie irgendeine andere Mutter das ist. Sie hat eine Schwangerschaft erlebt und einen Sohn zur Welt gebracht, sie hat Angst um das kleine Kind gehabt und sich gefreut an ihm, die Entwicklung des Sohnes in jedem einzelnen Schritt liebevoll, entzückt und besorgt begleitet. Dann ist ein Tag gekommen, an dem Maria gemerkt hat, dass das Kind kein Kind mehr ist. Es ist nicht mehr bei ihr, sie muss nicht einfach nur rufen, damit es zu ihr gelaufen kommt. Der Zwölfjährige ist verschwunden und bleibt verschwunden, so sehr sie auch nach ihm Ausschau hält. Das Weitere steht in unserer Geschichte.

Maria ist auch eine junge Frau, die erfahren hat, dass sie schwanger werden und einen Sohn gebären wird, dem sie den Namen Jesus geben soll. Der Engel Gabriel, der ihr das ansagt, hat hinzugefügt: Ich weiß, dass du noch mit keinem Mann zusammen warst. Der Heilige Geist wird über dich kommen, und die Kraft des Höchsten wird dich überschatten. Und darum wird das Kind, das du zur Welt bringen wirst, Gottes Sohn genannt werden. – Die junge Frau hat geantwortet: Mir geschehe, wie du gesagt hast. Sie hat ein Lied gesungen, nein: in ihrer Begeisterung hervorgestoßen, in dem sie den Umsturz aller Dinge preist: „Gott hat große Dinge an mir getan … er stößt die Gewaltigen vom Thron und erhebt die Niedrigen. Die Hungrigen füllt er mit Gütern und lässt die Reichen leer ausgehen.“ Sie hat das Kind geboren an einem dunklen Ort, sie hat erlebt, wie einfache Leute kamen, um das Kind zu sehen, weil ihnen Engel davon berichtet hatten, sie hat im Sinn behalten und im Herzen bewegt, was über ihr Kind gesagt war: Es sei der Heiland und Christus, der Herr. Maria hat gewusst, dass es nicht ihr Kind war, dass es nicht von ihr, sondern durch sie gekommen – und dass sein Vater nicht Josef, sondern – Gott ist. Noch einmal hat sie große, hohe Worte gehört über den Heiland, der ein Licht sei für alle Völker und für das Volk Israel. Welches Verhältnis hat Maria zu Jesus? Wer ist sie für ihn, und wer ist er für sie, seine Mutter?


III.

In unserer Geschichte wirkt Maria so, als habe sie das alles, woran wir uns gerade erinnert haben, vergessen. Oder es nie gehört. Da ist sie die besorgte Mutter eines Heranwachsenden, der verloren gegangen scheint. So sind wir, wenn wir plötzlich feststellen, dass ein Kind, das gerade noch neben uns herlief, verschwunden ist. Als der Junge endlich wiedergefunden ist, wird Maria sagen: „Dein Vater und ich haben dich mit Schmerzen gesucht.“ Wenn sie sagt: „dein Vater“, dann meint sie natürlich nicht Gott, sondern Josef, ihren Mann. Maria ist nicht theotokos, Gottesgebärerin, Maria ist eine Mutter in Ängsten. Sie kriegt, könnten wir sagen, das eine und das andere nicht zusammen. Sie weiß in diesem Augenblick nicht, dass vorzeiten das Magnifikat aus ihr hervorgebrochen ist. Sie weiß nichts mehr von einem Engel, der das in ihr  werdende Kind als Gottes Sohn bezeichnet hat. In die Erleichterung über die Begegnung mit dem endlich wiedergefundenen Sohn mischt sich Unverständnis und Unmut, wie sie charakteristisch sind für Mütter und Väter, deren Kinder sich ihnen zunehmend entziehen: „Mein Sohn, warum hast du uns das angetan? … und sie verstanden das Wort nicht, das er zu ihnen sagte.“ Will heißen: Sie schütteln den Kopf über den Zwölfjährigen, der seine eigenen Wege geht und so unverhältnismäßig entschieden darauf besteht, er müsse sie gehen.


IV.

Er aber, Jesus, steckt gerade in seiner zweiten, seiner göttlichen Natur. Das macht diese Szene so schwierig, so unlösbar. Wenn Maria in einer Vorahnung dessen, was die Konzilsväter in Ephesos 431 beschließen werden, sich jetzt als Gottesgebärerin verstehen könnte, so gäbe es keinen Konflikt. Sie wäre in Übereinstimmung mit ihrer Rolle, so wie ihr Sohn (der nicht ihr Sohn ist) ganz und gar identisch ist mit seiner Rolle, der Sohn Gottes zu sein. Er weist sie darauf hin, dass er ja nicht ihr Sohn und dass also Josef nicht sein Vater ist. Sehr hart fragt er den Vater und die Mutter: „Warum habt ihr mich gesucht? Wisst ihr nicht, dass ich sein muss in dem, was meines Vaters ist?“ Man kennt solche Verletzungen, die heranwachsende Kinder bei den Eltern auslösen. Aber hier ist es noch etwas anderes als das Drama der Beziehung zwischen Eltern und Kindern in der Adoleszenz. Hier sagt einer: Ich gehöre nicht zu euch. Ich bin ein anderer. Oder: Ich bin euer verlorener Sohn.

„Seine Eltern haben ihn verloren. Er hat sein Elternhaus verlassen. Sie suchen ihn. Er sucht seinen Vater. Seine Eltern finden ihn wieder. Er hat den Vater gefunden. Er kehrt mit den Eltern nach Hause zurück. Aber die Sehnsucht nach dem Vater bleibt. Ein Präludium. Alle Motive seiner späteren Passion sind hier in seltsam klarer Mischung vereint.“ So hat es jemand beschrieben, der sich eingehend mit unserer Geschichte befasst hat. (Quelle: Ezzelino von Wedel, Als Jesus sich Gott ausdachte. Die unerwiderte Liebe zum Vater, Stuttgart [Kreuz] 1990, 82.)

Von „Passion“ kann hier in doppeltem Sinn gesprochen werden. Zum einen: Ein Mensch, der so deutlich zwei Identitäten in sich hat – Mensch und Gott zugleich zu sein –, hat kein einfaches Leben zu erwarten; er geht auf eine Leidensgeschichte zu, die ihm ans Leben gehen wird. Zum anderen: Dies ist seine Passion, seine Leidenschaft: dass er dem Menschlichen und den Menschen ebenso verbunden ist wie dem Göttlichen und Gott. Er ist ein Wanderer zwischen den Welten, weder hier noch dort einfach zuhause. Die Bewegung, die eines der Leitmotive des Lukasevangeliums von Anfang an ist, vollzieht er am eigenen Leib nach, und sie zerreißt ihn. Aber sie zerrt schmerzhaft auch an jenen, die in dieser Geschichte einfach als seine Eltern bezeichnet werden. Es bestätigt sich schon, was der alte Simeon im Tempel zu Maria gesagt hat, als das Kind ihm gezeigt wurde: „Durch deine Seele wird ein Schwert dringen“ (Lukas 2,35).


V.

Der Jesus, der hier „seine zweite Natur“ erreicht, indem er in sie eintritt und aus ihr heraus handelt, folgt seinen Eltern, als sie ihn endlich gefunden haben, und geht mit ihnen zurück nach Nazareth. Es ist, als sei er nur eben zur Probe gewesen in dem, was seines Vaters ist. Er hat gefunden, „was ihn unbedingt angeht“ (Tillich), und ist sich dessen gewiss geworden. Das genügt. Danach und damit ist er frei, wieder das dürftige Leben bedürftiger Menschen „in den heute fast unvorstellbar engen und primitiven Verhältnissen eines orientalischen Kleinstädtchens“ zu teilen. (Quelle: E. Schweizer, Das Evangelium nach Lukas, NTD 3, 1982, 42.)

Die Bewegung führt aus der Kleinfamilie und aus dem Kreis der Verwandten und Bekannten fort – und, vorläufig, in sie zurück. Dass sie im weiteren Verlauf immer entschiedener in die Distanz zur Herkunftsfamilie führt, ist unübersehbar. Wer im Evangelium ein paar Seiten weiter blättert, findet die kleine Szene, in der Maria mit den Brüdern Jesu – das sind nun einfach die Söhne Josefs und der Maria – kommt und ihn sehen möchte, worauf er ihr den Bescheid geben lässt: „Meine Mutter und meine Brüder sind diese, die Gottes Wort hören und tun“ (Lukas 8,19-21). Nun ist er seiner Mutter nicht mehr untertan.


VI.

Etwas sagt die Geschichte vom zwölfjährigen Jesus wohl auch über jene, die seiner Bewegung folgen und mit ihm gehen, damals wie heute. Sie – ich sage nun einfach: wir – haben keine „einfache“ Identität, wir sind nicht nur Kinder unserer Eltern, Mütter und Väter unserer Kinder, eingefügt in einen mehr oder weniger großen Familienverband, bestimmten Normen und Verhaltensvorschriften verpflichtet. Ich spreche hier nicht von der Auflösung jener Konventionen, die sehr lange das persönliche wie das gesellschaftliche Leben bestimmt haben und das nun nicht mehr tun. Ich spreche von dem, „was uns unbedingt angeht“. In allen schönen und schwierigen Verwicklungen, die das Leben uns beschert, meldet sich zuweilen eine Stimme, die das Wort muss enthält: „Ich muss sein … in dem, was meines Vaters ist“, die Stimme, die Aufmerksamkeit beansprucht, etwas Unableitbares und für andere manchmal nicht Begründbares enthält. Ich will und kann das nicht ausführen. Ich habe das Bild des jungen Franz aus Assisi vor Augen, der vor aller Augen seine Kleider auszieht und sie seinem Vater vor die Füße wirft und erklärt: „Ich will nicht mehr sagen: Mein Vater Pietro Bernardone, ich will von jetzt an nur noch sagen: Unser Vater, der du bist im Himmel.“

Damit bekommt die schmerzliche Entfernung der Kinder von den Eltern, der Menschen aus ihren Herkünften etwas im höheren Sinn Unvermeidliches: Wir sind eben nicht nur die Kinder von X und Y, wir sind – Kinder Gottes. Das ist unsere große – und schwierige – Freiheit.

Amen

 


 


Klaus Eulenberger
Predigt am Zweiten Sonntag nach dem Christfest 2009.