Gottesdienst zum 3. Mai 2009

 

Liebe Gemeinde!

"Der Lieblingsort der Deutschen ist das Jammertal." Also sprach unser Bundesfinanzminister. Seine Sprüche gefallen uns vielleicht nicht immer, aber viele treffen dennoch den Kern der Sache.

Ob ich Leuten in der U-Bahn zuhöre oder bei einer Geburtstagsfeier, ob man sich in der Sauna trifft oder im Kino oder bei der Opernpause: Kritisieren, Stöhnen, Klagen, Jammern. Jeder kennt ein noch schlimmeres Beispiel als der andere für den Ernst der Lage, die Unfähigkeit der Politiker, die Gier der Banker und die Ungerechtigkeit der Welt.
Der Lieblingsort der Deutschen ist das Jammertal.

Der dritte Sonntag nach Ostern heißt: Jubilate! Das deutsche Wort "jubeln" ist vom lateinischen "jubilare" abgeleitet. Hatten unsere Vorfahren darum kein eigenes Wort dafür, weil sie nie gejubelt haben? Liegt es also an unseren germanischen Genen, dass wir so gern jammern? In unserer christlichen Tradition kommt jammern nicht vor. Ich lese ein paar Kernsätze aus den Texten, die dem heutigen Sonntag als Predigtexte zugeordnet sind:

"Unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat." (1.Johannesbrief)
"Darin wird mein Vater verherrlicht, dass ihr viel Frucht bringt." (Johannesevangelium, Kapitel 15)
"Eure Traurigkeit soll in Freude verwandelt werden." (Johannesevangelium Kapitel 16)
"Unsere Trübsal, die zeitlich begrenzt und leicht ist, schafft eine ewige und über alle Maßen gewichtige Herrlichkeit." (2. Korintherbrief.)
Hatten diejenigen, die so jubeln, Anlass dazu?
Kein einziger. Paulus zählt im selben 2. Korintherbrief die Zahl seiner Trübsale auf, die ihm leicht erscheinen: Auspeitschungen, Steinigungen, Schiffbrüche.

Das Evangelium des Johannes und die Johannesbriefe wurden verfasst zur Zeit der Kaiser Domitian oder Trajan. Besonders unter Domitian gab es heftige Christenverfolgungen; denn er hatte das Ziel, die Anerkennung des Kaisers als Gott endgültig zu erzwingen. Dem konnte sich kein Christ beugen, ohne seinen Glauben zu verleugnen. Wer nicht verleugnen wollte, wurde umgebracht. Unter Trajans Herrschaft gab es zwar keine flächendeckenden Verfolgungen, doch wer sich öffentlich als Christ bekannte oder als Christ denunziert wurde und nicht widerrief, war des Todes.

Christsein war zu jener Zeit lebensgefährlich.

Gewiss, auch unser Leben ist gefährdet. Und im Unterschied zu damals bezieht sich die Gefahr nicht nur auf Einzelne, sondern auf die gesamte Menschheit. Man kannte damals das Wort "Klimawandel" nicht. Man wusste nicht, was Begriffe wie "Bevölkerungsexplosion" oder "atomare Bedrohung" bedeuten und welche weltweiten Gefährdungen mit diesen Worten beschrieben werden. Aber man starb an Krankheiten, gegen die wir uns impfen lassen. Man kannte bitterste Armut. Man kannte Hungersnöte. Man kannte grausamste Strafen. Man lebte in einem Reich, das auf Sklaverei und brutalste Ausbeutung gegründet war.

Ganz sicher, liebe Gemeinde: Wenn irgendjemand aus dem Römischen Reich jener Zeit einen Blick auf unsere Art zu leben hätte werfen können - er würde meinen, das Paradies geschaut zu haben. Und wenn dieser Jemand uns beim Jammern zuhörte, er würde den Spruch des Asterix abwandeln und sagen: Die spinnen, die Deutschen.

Warum jammern wir? Oder umgekehrt: Warum jubeln Paulus und Johannes und jammern nicht, obwohl sie vielerlei Veranlassung dazu hätten?

Der Grund ist Ostern. Paulus und Johannes - und mit ihnen alle Verfasser der Schriften des Neuen Testamentes - werden getragen von der Welle der Begeisterung, die seit Ostern des Jahres 33 die Zeiten durchflutet. Diese Welle macht genau das, was alle Wellen machen: Sie hebt und trägt die Menschen, die auf ihr schwimmen.

Das erste und wesentlichste, was der Welle der österlichen Begeisterung entgegensteht, besser gesagt: Was uns am Getragenwerden hindert, ist die Angst. Unser allgemeines Jammern weist genau darauf hin: Wir jammern, weil wir Angst haben vor Verlust. Verlust des Lebensstandards. Verlust der Lebensqualität. Verlust des Wohlbefindens. Verlust der materiellen Sicherheit. Mit einem Wort: Verlust des Paradieses, in dem wir aus der Sicht des römischen Reiches leben.

Ich will mich über diese Angst nicht erheben und so tun, als kenne ich sie nicht und als sei sie belanglos. Ich sehne mich nicht nach ungeheizten Wohnungen, nach Geldmangel, nach eingeschränkter Bewegungsfreiheit. Ich genieße unsere technischen, finanziellen, medizinischen, politischen Möglichkeiten, das Leben zu gestalten. Und ich bin mir auch der Tatsache bewusst, dass ich als Pensionär ganz anders in die Zukunft blicken kann als jemand, der sich Sorgen um seinen Arbeitsplatz machen muss und gleichzeitig weiß, dass er für seine Eigentumswohnung noch erhebliche Schulden abzutragen hat.

Aber gerade die Wirtschaftskrise zeigt, wie sehr wir uns eingemauert haben in dem Streben, all unsere schönen Dinge zu erhalten, koste es, was es wolle. Es kann doch nicht wahr sein, dass wir nur unter der Bedingung ein lebenswertes Leben führen können, dass das BIP von Jahr zu Jahr um mindestens 2% wächst! Haben denn alle die einfache Wahrheit vergessen, dass es in einer begrenzten Welt nicht unbegrenzt immer weiter nach oben gehen kann und wird? Was ist das denn für eine Wirtschaft, die nur dann lebt, wenn es immer mehr und mehr und mehr wird? In der Osterausgabe der ZEIT las ich "Der Mensch ist mit seiner ängstlichen Absicherung derart beschäftigt, dass er nicht bemerkt, wie er den Mörtel rührt zur Zementierung der bestehenden Verhältnisse und der ihn umgebenden Mauer aus Ansprüchen." Ich denke, das bringt die Sache auf den Punkt.

Was bewirkt dabei die Welle der österlichen Begeisterung? Lassen Sie mich einen Vergleich bemühen, einen Hamburger Vergleich.
Viele von Ihnen werden wissen, dass die großen Containerschiffe den Hamburger Hafen nur bei auflaufendem Wasser erreichen können. Die Flut, die von der Nordsee her in die Elbe drückt, bildet eine Welle, auf der Schiffe mit großem Tiefgang über die Untiefen des Flusses hinweg getragen werden. Dies ist so seit vielen Jahren - gleichgültig, ob die Elbe weiter vertieft wird oder nicht. Der Hamburger Hafen kann von großen Schiffen nur bei Flut angelaufen werden.

Ohne diese sich zweimal am Tag wiederholende Flutwelle wäre Hamburg ein beschauliches Städtchen geblieben, vielleicht wie Lauenburg.
Übertragen: Ohne die Begeisterungswelle von Ostern wären die Christen eine jüdische Sekte geblieben, längst vergessen, interessant allenfalls für die Religionsgeschichte.

Durch diese Welle aber hat keine Gestalt aus der Antike - kein Kaiser, kein Philosoph, kein anderer Religionsstifter - bis heute so eine Wirkung gehabt wie Jesus aus Nazareth, den man am Kreuz umbrachte, und der nach seinem Tod auferstand.

Ich kann Auferstehung nicht erklären. Das können auch diejenigen nicht, die sie erlebt haben. Paulus schreibt am Ende einer Aufzählung der Ostererlebnisse nur: "Zum Schluss ist er auch von mir gesehen worden."

Wir wissen nicht, was da geschehen ist. Soviel aber kann man mit Gewissheit sagen: Es haben sich keine Gespenstergeschichten ereignet. Die Erscheinungen des Auferstandenen haben die Menschen nicht gegruselt, sondern verändert. Diese Erscheinungen haben die Menschen herausgeholt aus den Mauern, die sie um sich gebaut haben:
Die resignierten Jünger aus ihren Verstecken
Den sendungsbewussten Paulus aus seiner Verfolgung der Christen in die Mission für die Sache Jesu
Griechen und Römer, Syrer und Ägypter weg von den alten Göttern Jupiter, Artemis, Baal, Isis und Osiris hin zum Glauben an den, der von den Toten auferstanden ist.

Und wir - mit unserem Jammern, mit unserer Zementierung der bestehenden Verhältnisse, wir in den Mauern unserer Angst vor Verlust? Wir bekommen den Auferstandenen nicht zu Gesicht, wie es Paulus und den ersten Zeugen vergönnt war. Vielleicht ist es sogar angemessener zu sagen: Wie es Paulus und den ersten Zeugen zugemutet wurde. Wir bekommen den Auferstandenen nicht zu Gesicht. Aber wir können uns von der Osterwelle tragen lassen.
Wir können uns einlassen auf die Erkenntnis der Zeugen, dass Gott durch die Auferweckung sein "Ja" gesprochen hat zu dem, was Jesus zuvor gesagt, getan und erlitten hat.

Ja, es ist wahr: Gott ist nicht durch Leistung zu beeindrucken, sondern durch kindliche Zuversicht.
Ja, es ist wahr: Wir leben nicht, um verloren zu gehen und in Sinnlosigkeit zu ertrinken, sondern um Liebe zu erfahren und Liebe weiterzugeben.
Ja, es ist wahr: Wir werden schuldig, immer wieder. Aber Gott kann und will aus allem, auch aus dem Bösesten, Gutes entstehen lassen.
Ja, es ist wahr: Wir gewinnen unser Leben nicht durch Sorgen und Grämen, durch Haben und Halten, durch Wachsen und Vermehren, sondern durch Vertrauen auf Gottes Treue.
Ja, es ist wahr: Sünde und Versagen, Trübsal, Schmerz und Tod werden nicht das letzte Wort haben, sondern Gottes Herrlichkeit wird alles überstrahlen.

Und jetzt machen Sie bitte einmal einen Test mit sich selber. Berühren diese Wahrheiten etwas in Ihnen? Treffen sie Ihre eigene Sehnsucht und möchten Sie ihnen am liebsten spontan zustimmen?
 

Ja? Dann spüren Sie die Kraft, die schon die ersten Zeugen aus der Resignation, der Trauer, aus der Angst und dem Verstecken hinter Mauern herausgeholt hat.
Das ist die Flutwelle, die seit Ostern durch die Zeiten strömt und die schon über ganz andere Probleme hinweg getragen hat.
Wenn ich noch einmal das Bild des auflaufenden Wassers in der Elbe bemühen darf: Die Flutwelle beseitigt nicht die Sandbänke, Hindernisse und sonstige Untiefen im Fluss. Sie trägt aber die Schiffe darüber hinweg.
Unser Glaube beseitigt nicht die Probleme der Zeit. Kein einziges. Aber er nimmt uns die Angst. Wir knicken davor nicht ein. Im Gegenteil: Wir verstehen, wie sehr unsere Angst vor Verlust uns daran hindert, die richtigen Schritte zu tun.
 

Erinnern Sie noch die Kernsätze der Predigttexte für den Sonntag Jubilate?
"Unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat."
"Darin wird mein Vater verherrlicht, dass ihr viel Frucht bringt."
"Eure Traurigkeit soll in Freude verwandelt werden."
"Unsere Trübsal, die zeitlich begrenzt und leicht ist, schafft eine ewige und über alle Maßen gewichtige Herrlichkeit."
Das ist christlicher Jubel, ausgelöst von der Welle österlicher Freude. Diese Welle hebt aus der Erdenschwere empor, überspült die Zementierung von Ansprüchen und die Angst vor Verlust - und trägt. Trägt!
 

Kann es sein, dass die alten Germanen kein eigenes Wort für "jubeln" gebildet haben, weil Odin, Freya, Thor und Genossen ihnen keinen Grund zum Jubeln gegeben haben?

Christen kennen diesen Grund. Lassen Sie uns einstimmen in das Loblied der Erlösten!
 

Amen.

 

 


Domprobst em. Jürgen Müller
Predigt zum 3. Mai 2009 im Dom zu Ratzeburg