Gottesdienst zu Himmelfahrt (21. Mai 2009)

 

Liebe Gemeinde!

Feste sind Bojen im unendlichen Meer der Zeit. Das hat ein kluger Mensch gesagt.
Für Weihnachten, vielleicht auch für Ostern mag dies gelten. Diese Feste markieren den Jahreslauf und bestimmen das öffentliche und das private Leben. Für das Fest mit dem Namen „Himmelfahrt“ gilt das nicht. Ich kenne keinen Feiertag, der einen derart großen Bedeutungsverlust erfahren hat - vom Buß- und Bettag einmal abgesehen, aber den gibt‘s ja auch nicht mehr. Vor einigen Jahren hätte ich noch sagen können, dieses Fest sei zum Vatertag verkommen. Wenn ich das richtig sehe, hat es nicht einmal mehr diese Bedeutung. Himmelfahrt ist weit und breit nichts anderes als ein freier Tag in einer angenehmen Jahreszeit.
Ich will darüber nicht klagen. Das ist nicht meine Art.
Ich will auch nicht so tun, als könne ich mit dieser Predigt auch nur ein kleines bisschen an dem Bedeutungsverlust von Christi Himmelfahrt rückgängig machen.
Meine Predigt hätte ihr Ziel erreicht, wenn uns die Augen für den besonderen Wert dieses Festes ein wenig mehr geöffnet würden; wenn uns diese Boje helfen würde, unseren Kurs auf dem Meer der Zeit zu steuern.
All dies zusammen wäre eine Veranschaulichung dessen, was bei mir seit einiger Zeit als Thema obenauf liegt und was ich „Christlichen Realismus“ nenne.

Der Reihe nach:
Es muss am Fest von Christi Himmelfahrt vor etwa 10 Jahren gewesen sein, dass mir ein Mann beim Hinausgehen sagte: „Das finde ich aber schade, dass Sie uns heute das Osterlicht ausgelöscht haben.“ In dem sich anschließenden kurzen Gespräch meinte er, Jesus sei doch immer bei uns, und darum müsse die Osterkerze auch jeden Sonntag brennen.

An der Tatsache, dass wir auch heute die Flamme dieser Kerze gelöscht haben, können Sie ablesen, dass mich dieses Argument nicht überzeugt hat. Selbstverständlich gilt die christliche Grundüberzeugung: Jesus ist bei uns alle Tage. Dies sagen wir bei jeder Taufe, wenn wir den Taufbefehl Jesu zitieren. Darum brennt die Kerze auch wieder bei jeder Tauffeier.
Aber zum Realismus gehört es auch, einzugestehen,
dass es Wegstrecken gibt, auf denen wir von dieser Gegenwart nicht das geringste spüren, dass jeder von uns Gebiete auf der Erde kennt (zumindest von ihnen gehört hat), in denen offensichtlich nicht Jesus Christus anwesend ist, sondern nur Grauen und Entsetzen.
 

Wir leben – wie Paulus es formuliert – im Glauben, nicht im Schauen. Wir sehen nicht immer ein Licht vor unseren Augen. Es geht uns oft genug wie den Jüngern während der Wartezeit zwischen Himmelfahrt und Pfingsten: Der, an den sie glaubten, war verschwunden, und sie hatten keine Ahnung, ob und wann jemals wieder etwas von ihm sehen würden. Und wenn wir uns in der Welt umschauen, dann wissen wir: Andere Menschen haben noch viel mehr Grund als wir, über Dunkelheit und Aussichtslosigkeit zu klagen. Ihnen und uns zum Zeichen löschen wir die Osterkerze in dem Augenblick, da in der Schriftlesung vom Entschwinden des Auferstandenen erzählt wird.
Dieser Realität gegenüber steht der Tag der Himmelfahrt Christi. Dieser weithin unverstandene Tag. So fremdartig wie kein anderes kirchliches Fest. Und wenn ich jetzt den Predigttext vorlese, dann wird das alles noch ein wenig fremder werden:
Text: Offenbarung 1, 4 – 8
Dieser Text spiegelt das endzeitliche Denken jener Zeit. Die sieben Geister, der Thron Gottes, der mit den Wolken Kommende, das Alpha und das Omega – dies alles sind Zitate aus endzeitlichen Schriften, die damals in religiösen Kreisen so bekannt waren wie heutzutage Sprüche aus der Werbung.
 

Ich versuche, mit wenigen Strichen das damalige Umfeld zu zeichnen.
Die Christen, an die sich der Seher der Offenbarung wendet, standen in einer der schlimmsten Verfolgung, die es in römischer Zeit jemals gab: Kaiser Domitian hatte sich zum Ziel gesetzt, die Verehrung des römischen Kaisers als Gott endgültig zu erzwingen, und zur Erreichung dieses Zieles ging er vor mit einer bis dahin unbekannten Brutalität. Die Verfolgung traf vor allen die Bewohner der Stadt Rom selbst und der Provinz Asien - das Gebiet also, an die sich das Sendschreiben der Offenbarung richtete. Wer in diesen Gebieten den Kaiser nicht als Gott verehren wollte, war ein toter Mensch. Christen weigerten sich bekanntlich, den Kaiser als Gott anzuerkennen.
Dass sie sich in der Verfolgungszeit sagten: So kann es gar nicht weitergehen, nun ist das Ende der Welt gekommen, das kann man verstehen.
 

Es ging weiter – allerdings ganz anders, als sie es denken und erwarten konnten.
Doch in dieser Zeit der Bedrohung hat sie über Wasser gehalten ihr Vertrauen auf den Christus, der schon bald so wiederkommen würde, wie er von dieser Erde geschieden war.
In der Zeit dieser Bedrohung hat sie über Wasser gehalten ein Lebensgefühl, das nachgerade anmaßend erscheinen will: „Christus hat uns zu Königen und Priestern gemacht.“ Das schreibt der Seher an die sieben Gemeinden der Provinz Asien – das ist im damaligen Sprachgebrauch die heutige West-Türkei. Ganze sieben Gemeinden gab es da, in Ephesus, Smyrna, Pergamon, Thyatira, Sardes, Philadelphia und Laodizea. Großstädte in jener Zeit, vor deren Ruinen wir heute staunend stehen, und in diesen großen Städten jeweils ein paar hundert Christen. Aber die fühlen sich wie Könige und Priester.
Der Kaiser konnte sie ihres Besitzes berauben. Er konnte ihnen das Leben nehmen. Aber ein König und Priester lässt sich nicht klein kriegen. Was richtet kaiserliche Macht aus gegen himmlischen Adel? Wer in diesem Bewusstsein lebt, weiß, dass er eine unantastbare Würde besitzt.
 

Das heute geläufige Wort „Menschenwürde“ gab es in der antiken Welt nicht. Doch ein jeder Christ lebte in der antiken Welt mit diesem Bewusstsein. In dem Bewusstsein, eine Würde zu haben, die ihm unzerstörbar von Gott selbst verliehen worden war. Denn der einzelne Christ hat Teil an der Herrlichkeit und der Königsherrschaft Christi.
Das, liebe Gemeinde, ist der Kern des Himmelfahrtfestes. Wir feiern keine Raketenfahrt ins Weltall. Wir glauben nicht an ein göttliches Wesen, das sich eine Wolke sattelt, um von dannen zu entschwinden.
Wir feiern das Fest der Freude darüber, dass es über den vielen Herren dieser Welt einen gibt, den wir allein als Herrn anerkennen.
Wir feiern das Fest der Freude darüber, dass alle Herren gehen, während unser Herr kommt.
Wir feiern das Fest der Freude darüber, dass wir uns frei machen können von den vielen Ansprüchen, die diese anderen Herren an uns stellen.
Mit einem Satz: Wir feiern heute das Fest der Würde eines Christenmenschen, und von hier aus ist es nur ein kleiner Schritt zum Fest der Würde eines jeden Menschen.
Welch eine Ausstrahlung geht aus von Menschen, die dies nicht nur hören, sondern leben!
Welch eine Kraft wird freigesetzt in einem Menschen, der diese königliche und priesterliche Würde in sich spürt!
Welch ein Bewusstsein von Freiheit ist lebendig in einem Menschen, der sich von diesem Herrn gehalten und getragen weiß!
Ist es eigentlich wirklich so schwierig, diese großartigen Glaubenssätze zu trennen von der für unser heutiges Können und Wissen unangemessenen Vorstellung eines Entschwebens nach oben? Können wir die damaligen Vorstellungen nicht in heutige Bilder und Begriffe übertragen? In Bilder von Freiheit und Würde und Kraft?

Stichwort Kraft: Kraft brauchen wir doch mindestens so nötig wie das tägliche Brot, wenn es wieder einmal eine Wegstrecke zu überwinden gilt, die steinig ist und öde und deprimierend, eine Wegstrecke, in der man kein Licht vor sich sieht.
Stichwort Würde: Würde erfüllt uns und strahlt von uns aus, ohne dass wir darum viele Worte machen. Das Gefühl für Würde hindert uns, auf ein Niveau hinunter zu gehen, das unserer nicht würdig ist.
Stichwort Freiheit: Wenn Ansprüche gestellt werden, die uns einengen und knechten wollen, dann erweist es sich, ob wir innerlich frei sind.
 

Liebe Gemeinde: Nachdem die Weltwirtschaft in die Krise getaumelt ist, ist es deutlicher geworden als zuvor, dass unsere Gesellschaft nicht vom Dax und vom Dow Jones zusammengehalten wird, sondern von Werten, die ihren Ursprung im Christentum haben. Wenn wir allerdings aber immer noch Orientierung suchen beim Geld, beim Spaß, beim Streben nach Selbstverwirklichung, kurz: bei ungehemmter Ichsucht - dann merken wir, wohin uns das führt. Was muss bei uns eigentlich noch passieren, damit wir endlich die richtigen Schlüsse daraus ziehen?
Jedem einsichtigen Menschen ist klar: Wenn alle der Ichsucht folgen, der viel beklagten Gier, dann bricht unsere Welt auseinander. Denn Egoisten haben zwar vieles gemeinsam. Aber es gibt keine Gemeinschaft von Egoisten.
Darum ist es so wichtig, so überlebenswichtig, dass wir die Werte lebendig und anschaulich machen, die unsere Welt zusammenhalten.
Darum ist es so wichtig, so überlebenswichtig, dass der unsichtbare Christus sichtbar wird durch uns.
Darum ist es so wichtig, dass die Bojen, die er ausgelegt hat, weiterhin zu sehen sind, damit wir und andere einen klaren Kurs steuern können.
Darum ist es so wichtig, dass wir uns unseren himmlischen Adel, unseren königlichen und priesterlichen Stand nicht rauben lassen, sondern uns auf diesem Niveau gegenseitig halten und bestätigen.
Feste sind Bojen im unendlichen Meer der Zeit. Am Anfang habe ich gesagt, dass dies für das Fest der Himmelfahrt Christi nicht mehr gilt. Ich denke weiterhin, dass diese Boje für die allerallermeisten Menschen definitiv unsichtbar geworden ist.
Wir allerdings wollen nicht leben ohne ihre Signale mit den großen Namen Freiheit, Kraft und Würde. Wir wollen nicht leben ohne diese Zeichen, die hinweisen auf die Herrschaft Jesu Christi, der uns zu Königen und Priestern gemacht hat. Ihm sei Ehre und Macht von Ewigkeit zu Ewigkeit.

Amen.

 

 


Domprobst em. Jürgen Müller
Predigt zum 21. Mai 2009 im Dom zu Ratzeburg