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Gottesdienst am 24. Mai 2009 im Dom zu Ratzeburg – Genesis 3, 1-24 –
Hinter uns: die Cherubim mit dem flammenden, blitzenden Schwert, zu bewachen den Weg zu dem Baum des Lebens. Vor uns: Dornen und Disteln, Schmerzen, Arbeit lebenslang, am Ende der Tod. So beschreibt es eine der ersten Geschichten der Bibel. Aber wie sie es tut: wie leicht, spielerisch, auch zum Lachen komisch! Wem mag das gelungen sein, einen verwickelten, ja tragischen Sachverhalt mit solcher Eleganz zu schildern? Es muss jemand mit viel Lebenserfahrung gewesen sein, ein Mensch, dem man nichts mehr vormachen konnte, für Illusionen nicht empfänglich, aber gelassen, nicht resigniert, nicht untröstlich. Lebensmutig. Die Erzählung beschreibt, was der Fall ist. Sie schildert keine besonders schreckliche Welt, aber die Welt mit dem, was an ihr und in ihr erschreckend ist. Die Welt, in der man auf der Hut sein muss vor Gefahren wie dem Biss einer Schlange. In der die Arbeit nie an ein Ziel kommt und ans Ende nur, wenn und indem die Menschen den Tod finden. Wo alles, was sättigt und nährt, was schmackhaft und köstlich ist, der Erde gegen ihren Widerstand abgetrotzt werden muss. Wo das Korn reift, wachsen auch Dornen und Disteln, und die Weinstöcke stehen zwischen Steinen. Wo auch das Schönste – das Einbringen der Ernte, die Geburt von Kindern – von der Mühe nicht zu trennen ist, die es begleitet. Es ist die Welt, in der das Verlangen nacheinander von Über- und Unterordnung bestimmt, auch die Liebe Herrschaftsverhältnissen unterworfen ist. Ja, es gibt das Aufatmen am Ende eines langen Arbeitstages, aber der nächste bringt zurück, was diesen bestimmt hat: den Schweiß des Angesichts. Neues Leben entsteht, aber während die einen in das Dasein hineinwachsen, gehen die anderen langsam aus der Welt hinaus. Sterblichkeit ist die Bedingung des Lebens, Liebe und Tod sind nicht voneinander zu trennen. Die biblische Erzählung sagt es weniger melancholisch, härter, auch einfacher. Sie lässt keinen Zweifel daran, dass es anders als so nicht sein kann und nicht sein wird, dass alle Menschen jenseits von Eden leben. Geschichten sind oft Antworten auf Fragen, und wenn man die Frage ermitteln kann, versteht man die Geschichte. Diese fragt, wie und warum es so gekommen ist. Könnte das Leben nicht einfach und leicht sein, angenehm und wohlversorgt? War es etwa einmal so, in unvordenklicher Zeit? Die Erzählung spielt das Spiel mit, das solche Fragen auslösen. Sie ist selbst ein Spiel. Sie konstruiert eine Welt, die wie ein Garten ist, in der es Wasser in Fülle gibt, wo die Menschen nur die Hand auszustrecken brauchen, um sich zu sättigen an den Früchten, die an den Bäumen wachsen. Sie denkt sich eine Schöpfung, in der der Mensch friedlich und unbedroht mit den Tieren zusammenlebt. Das Beste wohl: dass der Mensch nicht mit sich allein ist, sondern zusammen mit einem anderen Menschen, der ist wie er und doch deutlich anders, ihm gleich und doch von ihm unterschieden. Es gibt den Menschen als Mann und Frau, besser: als Frau und Mann; denn erst, als aus dem einen aus Erde Gemachten, dem adám, ein anderes Wesen entstanden ist, ist der Mann geworden, vor ihm aber die Frau, Eva oder Chawwa, die Mutter aller, die leben, die andere Seite des adám. Die beiden schämen sich ihrer Nacktheit nicht, weil sie einen anderen Zustand nicht kennen. Sie wissen auch nicht, dass ihr sexuelles Spiel miteinander Folgen hat, oder: dass sie selbst dafür sorgen, dass Kinder entstehen. Auch die Anwesenheit Gottes in diesem Garten hat nichts Unangenehmes oder Bedrohliches, weil Gott und die Geschöpfe einander nicht argwöhnisch gegenüberstehen, sondern in beglückender Symbiose aufeinander bezogen sind. Gott ist einfach da, man kann es nicht einmal gut nennen, dass er da ist, weil es keine Erfahrung mit irgendeiner Sache oder einem Wesen gibt, die schlecht oder bedrohlich wären. Und wer es am Tag etwa zu warm finden sollte (aber das ist kaum denkbar in diesem Garten, wo ja alles so ist, wie es ist, also: gut), wird am Abend von einer Brise gekühlt. Die Erzählung geht auf das Spiel ein und sagt: Ja, so war es einmal – ganz am Anfang, oder im Anfang. Damit provoziert sie natürlich die Frage: Und warum ist es nun nicht mehr so? Die Antwort, die sie gibt, folgt derselben Logik, die auch in dem Satz steckt: Ein Kind kann kein Kind bleiben, weil es erwachsen wird. Es wäre unsinnig, von einem Kind zu verlangen, es möge doch ein Kind bleiben. Dass ein Kind aus der Kindheit herauswächst, ist nicht eine Schuld, es ist ein Schicksal. Allerdings ein Schicksal, das man beklagen kann. Ach, könnten wir doch in der Kindheit bleiben! Ließe sich doch der Zauber des Anfangs bewahren! – Die biblische Geschichte sagt: So wenig, wie die Kinder Kinder bleiben können, so wenig konnte der Mensch im Garten des Paradieses bleiben, den es – vielleicht – einmal gab. Sie erzählt also, wie es ist. Und wie es sein wird für alle Zeit, solange die Erde steht. Aber natürlich muss sie auch begründen, warum es so ist, wie es ist. Sie tut es, indem sie die Schlange ins Spiel bringt, die übrigens im Hebräischen männlichen Geschlechts ist: Dort heißt sie nachasch. (Alle Ausleger, die durch die Jahrhunderte die Schlange mit der Frau identifiziert haben, sind schon aus Gründen der Sprache im Unrecht. Das gilt natürlich auch für die Künstler, die die Schlange als Frau dargestellt haben. Und für alle, die das Weibliche als Ursprung alles Bösen in der Welt sahen oder sehen.) Der Schlangenkerl also (so möchte ich ihn nennen) bringt etwas ins Spiel, was man im Garten nicht vermuten würde: Klugheit, List, ja Raffinesse. (Wie der Schlangenkerl und mit ihm das Klug-Verschlagene in den Garten gekommen ist, darüber sagt die Geschichte nichts. Ich glaube, der Erzähler selbst weiß es auch nicht.) Es beginnt ein reizvolles, gekonnt angestoßenes, witziges Hin und Her zwischen dem Schlangenkerl und der Frau, die hier noch ischa heißt, soviel wie weiblicher Mensch (Luther hat es mit Männin versucht, aber dieser Name hat sich nie wirklich durchgesetzt), erst später wird sie dann Eva oder Chawwa genannt werden. Ich will Ihnen die Übersetzung des einleitenden Satzes durch den früheren Betheler Alttestamentler Frank Crüsemann nicht verschweigen: „Die Schlange hatte weniger an, aber mehr drauf als alle anderen Tiere des Feldes, die Adonaj, also Gott, gemacht hatte.“ Dieser Satz ist von jener Komik erfüllt, die auch den Fortgang des Dialogs bestimmt. Und er enthält den Hinweis, dass die Schlange – auch sie, auch er also! – von Gott gemacht ist. Eine Frage löst alles Weitere aus: „Hat Gott wirklich gesagt: Ihr dürft nicht von allen Bäumen des Gartens essen?!“ Diese Frage kann man so oder so betonen. Nämlich entweder: Ihr dürft nicht essen von allen Bäumen des Gartens, oder: Ihr dürft nicht von allen Bäumen des Gartens essen. (Es gibt einen Baum, dessen Früchte für euch verboten sind.) Die Frau, die ischa, gibt zu erkennen, dass sie die Anweisung Gottes durchaus richtig verstanden hat: „Von den Früchten der Bäume im Garten essen wir. Nur von den Früchten des Baumes in der Mitte des Gartens …“ Halt. Wo steht das? Als Gott dem Menschen sagte: Du darfst essen von allen Bäumen im Garten, nur von dem Baum der Erkenntnis … sollst du nicht essen (Gen 2,16f.), war nicht die Rede davon, dass dieser Baum in der Mitte des Gartens stand. Vielleicht steht er dort gar nicht. Aber klar ist, dass dieser Baum – gerade er – ins Zentrum der Aufmerksamkeit der Frau geraten ist. Für sie steht er jetzt in der Mitte des Gartens, und sie sieht nichts anderes mehr. – Noch einmal und weiter nun: „Von den Früchten der Bäume im Garten essen wir“, antwortet die Frau dem Schlangenkerl. „Nur von den Früchten des Baumes in der Mitte des Gartens hat Gott gesagt: Esst nicht von ihnen und rührt sie nicht an, damit ihr nicht sterbt!“ Wieder gibt es eine Veränderung gegenüber dem, was Gott gesagt hat. Er hat dem Menschen nicht untersagt, die Früchte dieses Baumes anzurühren, er hat nur gesagt: Du sollst nicht davon essen. Die Frau verstärkt also das Verbot, das Gott ausgesprochen hat. „Die Übertreibung zeigt die wachsende Fixierung auf das Verbotene“ (Jürgen Ebach, Dialektik der Aufklärung · 1. Mose 3 …, in: Junge Kirche extra/ 2008, 69. Jg., 4). Gleich zweifach also ist dieser Baum in das Zentrum der Aufmerksamkeit gerückt. Nun wieder der Schlangenkerl: „Ganz bestimmt werdet ihr nicht sterben. Vielmehr weiß Gott genau: An dem Tag, an dem ihr davon esst, werden eure Augen geöffnet und ihr werdet so sein wie Gott, wissend um Gut und Böse.“ Das ist nicht falsch, der Fortgang der Geschichte zeigt es. (Die Frau und der Mann sehen plötzlich, was sie zuvor nicht erkannt haben: dass sie nackt sind. Das heißt nicht, dass die Nacktheit böse und das Bekleidetsein gut wäre, sondern dass die Menschen jetzt unterscheiden können zwischen dem, was jeweils an seinem Ort angemessen ist und was nicht.) Ja, der Mensch als Frau und als Mann kann fortan unterscheiden zwischen Gut und Böse. Die Frau „sieht“ es, als sie ein Auge auf den Baum wirft: „Ja, der Baum ist gut, um von ihm zu essen, eine Lust für die Augen – begehrenswert ist der Baum, weil er klug und erfolgreich macht.“ Nun wird der Schlangenkerl nicht mehr gebraucht. Was er noch sagen könnte, ist als Stimme in den beiden selbst, eine Stimme, deren Faszination sie nicht mehr widerstehen können. Die Frau nimmt von den Früchten des Baums, sie isst, sie gibt dem Mann davon, und auch der isst. Und sie werden klug, unterscheidungsfähig, erkennend, aber Gott macht seine Drohung nicht wahr, dass sie nun sterben müssten. Nein, sie sterben nicht, aber sie werden hinausgetrieben aus dem Garten, in dem es keine Erkenntnis, aber auch keine Not gab. Sie werden aber nicht nur nicht mit dem Tod bestraft, sondern ausgestattet mit dem, was sie zum Dasein außerhalb des Gartens brauchen: Gott selbst macht ihnen Röcke von Fellen – oder: Gewänder auf die Haut – und bekleidet sie damit. Mit einer Geste fürsorglicher Zärtlichkeit entlässt Gott die Menschen in ihr hartes Leben. Ein Rausschmiss im Zorn sieht anders aus. Was an Komik noch in dieser Geschichte steckt: Sie haben es gehört. Als Gott den adám zur Rede stellt, sagt der: Von mir ist es nicht ausgegangen. Die Frau, die du (!) mir an die Seite gegeben hast, die war es. Die Frau sagt: Der Schlangenkerl hat mich reingelegt. Es ist das Spiel ertappter Kinder. Sie tun schuldbewusst, und sie fühlen sich wohl auch wirklich schuldig. Es wird eine Weile dauern, bis sie verstehen: Wir hatten keine andere Wahl. So, wie wir ausgestattet sind, können wir nicht im Zustand „träumender Unschuld“ (Kierkegaard) bleiben. Wir haben nicht etwas getan, was wir auch hätten bleiben lassen können. Dieser Baum mit seinen Früchten ist für uns gemacht. Und nun wissen wir es. – „Von Sünde und Strafe steht in 1. Mose 3 kein Wort. Es geht um Autonomie. Nicht nachdem die Menschen von jener Frucht gegessen haben, werden sie klug, sondern indem sie das Gebot übertreten und damit selbst entscheiden, erkennen sie Gut und Böse“ (Ebach, ebd., 5). Wie die Kinder keine Kinder bleiben, kann der Mensch als Mann und als Frau nicht in jenem Garten bleiben, wo alles nur ist und einfach ist, wo es aber kein Bewusstsein gibt. Der Satz Da wurden ihnen die Augen aufgetan formuliert die Erfahrung des erwachsen werdenden Menschen. Mensch, wo bist du? Die Frage Gottes richtet sich an den Menschen, der unterscheidungsfähig geworden ist. Der noch im Garten ist, aber schon ahnt, dass er dort nicht wird bleiben können. Der weiß: „Wir müssen wählen zwischen gut und böse, zwischen besser und schlechter – und nicht erst mit dem moralischen Scheitern, sondern schon mit dieser Pflicht zur Wahl sind wir überfordert“ (Jan Hermelink, in: PrSt III/1, Stuttgart 2004, 164f). Nun ist es nicht mehr der adám der biblischen Erzählung, der gleich erschrocken und entsetzt hören wird, wie das Tor des Gartens hinter ihm zuschlägt, nun ist es der Mensch überhaupt, der dies weiß und so spricht. In diesem Augenblick ist ihm klar, dass er auf sich selbst gestellt, also autonom geworden ist. Er weiß: Die Welt steht ihm offen, „aber diese offene Welt ist nicht mehr die des geschützten Lebens im begrenzten Gottesgarten“ (Ebach, ebd., 8f). An den Menschen in dieser offenen Welt geht die Frage: Wo bist du? Wo bist du als Mensch, der sterben wird und es weiß – und der doch imstande ist, das Leben zu schützen und zu fördern auch über sein eigenes Ende hinaus? Wo bist du als Mensch, der mit beinahe jeder Entscheidung etwas Frag-Würdiges tut und sich doch entscheiden muss? Wo bist du als Mensch, der verantwortlich ist, obwohl er sich als vielfach gebunden erlebt? Wo bist du als Mensch, der das Vollkommene nicht herstellen kann, aber doch fähig ist, das Gute zu wollen und zu versuchen? Wo bist du als Mensch, der die Autonomie und die Freiheit nicht zurückgeben kann, der aber die Freiheit hat, Möglichkeiten ungenutzt zu lassen und darauf zu verzichten, alles zu machen, was machbar ist? Und auch dies: Wo bist du, wenn es darum geht, die Spuren des Paradieses auf dem Acker zu finden, der Dornen und Disteln trägt? Bist du empfänglich für das Wasser, das aus ihm strömt, für die Gärten, die außerhalb des für immer verschlossenen Gartens angelegt sind, für das Spiel der Liebe, das jenseits von Eden ebenso möglich ist, wie es im Anfang zustande kam? Und: Hältst du es für möglich, dass die vorfindliche Welt nicht das letzte Wort haben wird, weil nicht sie in jener Geschichte das erste Wort hat, sondern eine andere, von der gesagt ist: Alles war sehr gut? Wo bist du, Mensch, und wo wirst du sein? Amen
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Klaus Eulenberger Predigt am 24. Mai 2009.