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GOTTESDIENST Liebe
Gemeinde! Die
Erzählung, die wir gehört haben – so steht sie im Johannesevangelium
–, ist in ihren Einzelheiten noch eine Spur drastischer. Das Volk,
das Jesus nachzieht, wirkt wie eine hungrige Meute. Der auf einem
Berg sitzende Jesus sieht die Menschen kommen und fragt: Woher
sollen wir Brot nehmen, um sie zu sättigen? Aber es ist keine
forschende, suchende, auch keine hilflose Frage; er fragt zwei
seiner Jünger, um sie zu prüfen. „Er selbst wusste ja, was er tun
wollte“, heißt es. Sollen wir denken, Jesus bräuchte nur mit den
Fingern zu schnippen, und sogleich wäre genug zu essen für alle da?
Philippus und Andreas, so heißen die beiden Jünger, werden
augenscheinlich nur gebraucht, um deutlich zu machen: Mit dem, was
wir haben, ist nichts getan, es reicht hinten und vorn nicht. Jesus
aber, und das macht seine eigene Bedeutung noch größer, sagt einfach
zu den Seinen: Lasst die Menschen sich lagern, und dann fängt
er – er selbst, und er allein! – an, fünf Gerstenbrote und zwei
Fische unter die Menge zu verteilen. – Und noch einmal konzentriert
die Geschichte alle Aufmerksamkeit auf das Speisungswunder. Jesus
hat ja nicht zu dem Volk gesprochen und tut es auch jetzt nicht. Die
Leute sind beeindruckt von dem, was er bisher getan hat, und sagen
zueinander: „Das ist wirklich der Prophet, der in die Welt kommen
soll.“ Und dann heißt es: Da kann
man sich fragen, wozu er denn dieses Wunder inszeniert hat. Ist das
nicht eine begreifliche Reaktion, dass die Leute sagen: Lasst uns
diesen Menschen zu unserem König machen; er wird für uns sorgen?
Wenn er sich aber diesem Wunsch entzieht – was hat er dann mit dem
Brotwunder gewollt? Je
weiter man liest in dem langen sechsten Kapitel des
Johannesevangeliums, desto mehr kann man sich fragen: Was will
dieser Jesus überhaupt? Er wirft den Menschen vor, sie hätten es
auf nichts anderes abgesehen als auf das Brot, das er ihnen
herbeigeschafft hat. Sie sollten nicht darauf ihre Aufmerksamkeit
richten, sondern auf eine Speise, die sich ins ewige Leben hinein
hält. (Hat er sie nicht gerade satt gemacht, obwohl er wusste,
dass sie wieder hungrig sein werden?) Dann äußert er sich skeptisch,
ja abfällig über das Manna, das Israel in der Wüste bekommen hat
(wir haben die Erzählung aus dem 2. Buch Mose gehört): Das wahre
Brot vom Himmel sei nicht jenes Manna, sondern dasjenige, das
vom Himmel herabkommt
Allmählich wird die Unruhe zum Tumult. Und der, der ihn ausgelöst
hat, tut jetzt nichts, um ihn und damit die Leute zu beruhigen.
Immer steiler werden seine Sätze: „Eure Väter haben in der Wüste
das Manna gegessen und sind gestorben. Ich bin das lebendige Brot,
das vom Himmel herabgekommen ist. Das Brot, das ich geben werde, ist
mein Fleisch, für das Leben der Welt.“ Und schließlich noch
dies: „Wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt, hat ewiges
Leben …“ Ich finde es nicht verwunderlich, dass daraufhin auch
viele von seinen Jüngern sagen: „Dieses Wort ist unerträglich;
wer kann sich das anhören?“ Das
sechste Kapitel hinterlässt die Frage: Als was, als wer will
Jesus denn gesehen werden? Er hat die Menge satt gemacht und
will doch nicht als Ernährer verehrt werden. Er hat sie beeindruckt,
aber er will nicht ihr König sein. Er spielt die Sättigung der
Wandernden mit Manna in der Wüste herunter und macht sich selbst
groß, indem er sich als das lebendige Brot vom Himmel
bezeichnet. Kaum sind sie begeistert von ihm, da stößt er sie vor
den Kopf. Kaum Will
das Johannesevangelium gerade diesen Eindruck erwecken? Sollen wir
verstehen, dass wir den, der hier so selbstbewusst Ich sagt,
nicht wirklich verstehen werden? Es kommt mir so vor, als würde der
Evangelist die Vielfalt der Jesusbilder und auch den Streit um Jesus
in die Jesusgeschichte selbst hinein verlegen: So war es doch schon
immer! Nicht erst die Späteren haben ihn nicht erkannt; schon die
Zeitgenossen hat er verwirrt, hat sie für sich
Vielleicht aber ist er gerade dort am ehesten erkennbar, wo er sich
entzieht. Auf keinen Fall ist er bereit, sich in ihre – der
Menschen – Gewalt bringen zu lassen. Das sagt etwas über ihn:
nicht nur, dass er sich nicht vereinnahmen lassen will, sondern
auch, dass er in seiner eigenen Person einen Überschuss gegenüber
allen geläufigen Positionen darstellt. Indem er sagt: Dies – und
dies – und dies bin ich nicht, sagt er zugleich etwas
darüber, was und wer er in Und nun
– so höre ich ihn seufzen, wie er allein auf dem Berg ist –,nun
wollt ihr mich zu eurem König machen. Ihr wäret imstande, mich in
eure Gewalt zu bringen, damit ich euch für alle Zeit mit Brot
versorge. Ein Schlaraffenland-König. Die Antwort ist: nein. Aber
warum – noch einmal diese Frage –, warum hat er dann die Vieltausend
gesättigt mit fünf Broten und zwei Fischen? Ist das nicht ein
Zeichen, das missverstanden werden muss? Wer könnte dies
erleben und daraus den Schluss ziehen, dass es nicht um die Nahrung,
sondern um den Ernährer geht und dass er das lebendige Brot vom
Himmel ist? Ist das nicht viel zuviel verlangt? Ja, es
ist viel verlangt. Die Stärke dieses anstößigen sechsten Kapitels
ist, dass es eine Aufgabe hinterlässt, mit der wir nie ans Ende
kommen werden: Du sollst dir kein Bildnis machen. Der, der
selbst das Zeichen ist, geht ein in viele Zeichen und Bilder,
geht durch sie hindurch und verlässt sie wieder. Er bindet sich an
das Brot, das ganz real und leiblich sättigt, aber wer von diesem
Brot gegessen hat, soll hungrig werden nach dem Brot des Lebens.
Wer sich mit weniger zufrieden gibt, hat ihn schon verfehlt. Er ist,
wie Johannes es war, ein Licht und eine Fackel, und man
könnte sich daran wärmen und eine kurze Zeit fröhlich sein in ihrem
Licht, aber wer nichts anderes sieht in ihm und nicht mehr will von
ihm, hat ihn schon verfehlt. Verstehen und Missverstehen liegen so
nah beieinander wie Erkennen und Verkennen, wie Begegnung und
Vergegnung. Was
bleibt, ist die Kraft des Zeichens. Des Zeichens, das missverstanden
werden kann und doch etwas verstehen lässt. Das nicht für das Ganze
genommen werden darf, aber doch einen Hinweis auf das Ganze gibt.
Von zwei solcher Zeichen möchte ich am Ende dieser Predigt
erzählen. Gefunden habe ich sie in einem Text von Navid Kermani. Sie
werden den Namen vielleicht gehört oder gelesen haben im
Zusammenhang des Streites um die Verleihung des Hessischen
Kulturpreises 2009. Der Preis, der für Verdienste um den
interreligiösen Dialog vergeben wird, sollte diesmal an den
Mainzer Kardinal Karl Lehmann, den früheren Kirchenpräsidenten Peter
Steinacker, den Vizepräsidenten des Zentralrats der Juden, Salomon
Korn, und eben an Navid Kermani verliehen werden. Kermani, als Sohn
iranischer Eltern 1967 in Siegen geboren, lebt als
deutsch-iranischer Schriftsteller in Köln. Seine Texte sind – darin
womöglich der Stimme Jesu im Johannesevangelium durchaus nahe –
ebenso von poetisch-sinnlichen Bildern wie von starken, ja heftigen
Äußerungen bestimmt. Diese zweite, aggressive Seite hat dazu
geführt, dass Lehmann und Steinacker erklärt haben, sie könnten den
Hessischen Kulturpreis unter diesen Umständen nicht annehmen.
Vielleicht wäre es gut gewesen, die beiden Kirchenmänner hätten sich
ein wenig vertrauter gemacht mit den Essays des
Islamwissenschaftlers.
Vielleicht ist es das Kind in mir oder meine Liebe zum Theater, dass
mir so kleine Tricks am besten gefallen. Der Mundschenk, der aus der
Wand
Natürlich gibt es keine direkten Beziehungen zwischen der Geschichte
von der Speisung der Vieltausend im Johannesevangelium und dem
Erlebnis des Navid Kermani in einer römischen Kirche. Und doch hängt
das eine mit dem anderen „irgendwie“ zusammen. In zwei Bildern –
einem gemalten und einem lebendigen – sieht ein Fremder, wie nahe
ihm das Unvertraute ist. Und erkennt, welche starke Anziehungskraft
es ausübt. Brüder, lasst es euch schmecken! Die Speisung der
Hungrigen geschieht jetzt, lange Zeit nach jener Geschichte, die an
einem Berg nahe dem See Tiberias geschah. Der Mann, der sich selbst
als das lebendige Brot vom Himmel bezeichnet, gibt sich
denen, die ihm jetzt nachgehen, und für diesen Augenblick ist er
mitten unter ihnen. Sie aber werden ihn, wie immer ihre Wege
weitergehen, fortan in, bei und an sich tragen. Amen
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Klaus Eulenberger Predigt am sechsten Sonntag nach Trinitatis; 26. Juli 2009.