Gottesdienst am 9. August 2009

 

Liebe Gemeinde!

Im Juni ist ein Berliner Doppeldecker-Bus drei Wochen lang durch Deutschland gefahren. An den Seiten war der Schriftzug aufgemalt: "Es gibt (mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit) keinen Gott." Dazu in kleinerer Schrift: "Erfülltes Leben braucht keinen Glauben."

Diese atheistische Kampagne gab es nicht nur in unserem Land, sondern auch in den USA, in Großbritannien, Spanien, in Finnland. Ich habe mich mal durchs Internet geklickt und aus Helsinki ein Foto gesehen, das einen solchen Bus zeigt (natürlich mit finnischem Text), davor zwei Gegendemonstranten (einer mit Kollar als Pastor zu erkennen) mit einem Stück Pappe in der Hand, auf die sie mit Filzer geschrieben hatten: Juumala on. Auf deutsch: Gott gibt es.

Der deutsche Bus war auch in Hamburg. In Ratzeburg war er nicht. Ich frage aber: Wie hätten Sie reagiert, wenn er heute morgen hier auf dem Markt gestanden hätte und wir auf dem Weg zur Kirche hätten lesen müssen: Es gibt (mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit) keinen Gott. Hätten wir uns dann auch daneben stellen sollen, ein Transparent hochhalten mit der Aufschrift: Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit gibt es ihn aber doch!
Unsinn, nicht wahr? Das Tätigkeitswort "geben" macht in Verbindung mit dem Hauptwort "Gott" keinen Sinn. Den Hamburger Hafen gibt es und den Bodensee. Glück gibt es und Verzweiflung. Eisberge in der Sahara gibt es nicht. Dafür kann man Kriterien festlegen oder Beweise anführen.

Von Gott aber kann man weder sagen, dass es ihn gibt, noch dass es ihn nicht gibt. Denn weder das eine noch das andere lässt sich beweisen.

Dies vorausgesetzt, möchte Sie mitnehmen auf einen Gedankenweg, der uns hoffentlich helfen kann, Antworten zu geben auf Atheismus-Busse und andere unerfreuliche Dinge. Ein Gedankenweg, der hoffentlich dazu beitragen kann, uns selber ein wenig mehr Klarheit zu verschaffen, wenn unser Glaube angefochten wird von anderen - oder von uns selber.
 

Ich beginne mit einem nicht ganz unbekannten Wort des Propheten Jesaja. "Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein. Wenn du durch Wasser gehst, will ich bei dir sein, dass dich die Ströme nicht ersäufen sollen; und wenn du durch Feuer gehst, sollst du nicht brennen, und die Flamme soll dich nicht versengen. Denn ich bin der Herr, dein Gott, dein Heiland. Dies tue ich, weil du in meinen Augen so wert geachtet und auch herrlich bist, und weil ich dich lieb habe. So fürchte dich nun nicht; denn ich bin bei dir."
 

Der Prophet Jesaja redete so zu Menschen, die sich von Gott verraten und verlassen fühlten. Sie lebten im Exil in Babylon, nachdem Nebukadnezar im Jahre 587 vor Christi Geburt Jerusalem erobert und zerstört hatte. Der 137. Psalm gibt ihre Stimmung wieder. Dort heißt es: "An den Wasserbächen Babylons saßen wir und weinten und hängten unsere Harfen in die Weiden dort im Lande, wenn wir an Zion dachten." In diese deprimierte und verzweifelte Stimmung hinein sagt Jesaja seine tröstenden und aufmunternden Worte. Worte, die in der Realität seiner Zuhörer keinen Rückhalt hatten.
 

Wenn die Deportierten den Worten des Propheten trotzdem glauben, worauf gründet sich ihr Vertrauen? Auf leere Worte? Auf fromme Sprüche? Hart formuliert: Auf eine Lüge?
Behalten Sie die Frage bitte im Gedächtnis, wenn ich jetzt einen Sprung mache hierher zu uns, zu einer Alltagserfahrung.

Ein kleines Kind wacht in der Nacht plötzlich auf. Vielleicht hat es ein Geräusch gehört, das unheimlich klang, vielleicht hat es schwer geträumt. Sein Zimmer ist dunkel. Es hat unbeschreibliche Angst. Auch wenn es schon aus seinem Bett aufstehen könnte, wagt es das nicht. Es schreit. Einer von den Eltern hört das Schreien, kommt, macht ein wenig Licht, spricht mit dem Kind, streichelt es, trocknet die Tränen, gibt ihm einen Kuss, summt ein Schlaflied. Das kann sich jeder vorstellen, der eine einigermaßen gute Kindheit hatte. Das kann sich jeder vorstellen, der mit seinen Kindern einigermaßen liebevoll umgeht. Das wiederholt sich millionenfach auf der Welt. Und die Worte, die dabei gesprochen werden, sind auf der ganzen Welt gleich. Sie lauten: Alles ist in Ordnung. Hab keine Angst mehr. Ich hab dich lieb. Alles ist gut. Ich bin da. Das Kind schluchzt vielleicht noch ein paar Mal auf. Dann wird es ruhig. Die Mutter ist da. Der Vater ist da. Alles ist gut.

Liebe Gemeinde: Was machen wir da eigentlich? Belügen wir unsere Kinder? Es ist doch gar nicht richtig, was wir da sagen. Es ist doch gar nicht alles gut. Wer mit Kindern umgeht, weiß, dass Kinder solche Erlebnisse des Vertrauens brauchen, um seelisch stabil und gesund zu werden und zu bleiben. Aber worauf gründet sich ihr Vertrauen? Auf leere Worte? Auf fromme Sprüche? Auf eine Lüge?

Wir stehen vor derselben Frage wie bei der Überlegung, worauf sich der mögliche Glaube der deportierten Israeliten gründete.
Eltern am Bett ihres Kindes und der Prophet in Babylon sind nicht nur in ihren Worten gleich, sondern auch darin, dass sie für ihre Behauptung, alles sei gut, keinen Beweis führen. Beide sagen,
dass hinter der vordergründigen Unordnung eine Ordnung steht, auf die man sich verlassen kann,
dass hinter der augenblicklichen Aussichtslosigkeit eine Zukunft aufleuchtet, auf die man sich freuen kann,
dass hinter der gegenwärtigen Angst eine Macht sichtbar wird, die stärker ist als jede Gefahr.

Alles ist gut. Fürchte dich nicht. Ich habe dich lieb. Ich bin bei dir.
Die Eltern am Bett des Kindes sprechen diese Worte nur für sich. Der Prophet spricht im Namen Gottes. Beide gebrauchen dieselben Worte.

Daraus ist dieser Schluss zu ziehen: Wenn die Eltern nicht lügen, dann lügt auch der Prophet nicht. Und umgekehrt: Wenn der Prophet sich irrt mit seinem Zuspruch, dann ist auch das Wort am Bett des Kindes ein Irrtum. Denn die Glaubwürdigkeit der Eltern und die Glaubwürdigkeit des Propheten steht und fällt damit, dass hinter ihnen eine Macht steht, die sich für diesen Satz verbürgt: Alles ist gut.

Wenn es diese Bürgschaft nicht gibt, dann lügt die Mutter, und der Prophet redet falsch. Und das bedeutet:
Das kindliche Vertrauen in die Welt,
das Selbstbewusstsein eines Jugendlichen,
das Glück eines verliebten Paares,
der Lebensmut eines alten Menschen --
all dies ist letzten Endes auf Sand gebaut, wenn nicht die Macht, die wir "Gott" nennen, statt des Sandes für ein festes Fundament sorgt.

Wie gesagt: Beweisen können wir die Existenz dieser Macht nicht. Aber wir finden Spuren ihrer Wirklichkeit in unserem ganz normalen alltäglichen Leben: Spuren des Vertrauens, Spuren der Liebe, Spuren der Hoffnung, des Verstehens, der Güte, des Trostes, der Bewahrung. Spuren, die allesamt auf die Wirklichkeit und die Wahrheit Gottes hindeuten. Ohne diese Spuren wäre jedes Leben oberflächlich, leer und ohne Sinn. Erst durch diese Spuren gewinnt es Sinn, Reife, Tiefgang.

Zum Beleg dafür, dass dies mehr ist als eine pastorale Behauptung, möchte ich einen Satz von Jürgen Habermas zitieren - des bedeutendsten lebenden deutschen Philosophen. Er bezeichnet sich selbst als religiös unmusikalisch, aber er sagt: "Im Leben der Religionsgemeinschaften - sofern sie nur Dogmatismus und Gewissenszwang vermeiden - kann etwas intakt bleiben, was andernorts verloren gegangen ist und mit dem Wissen von Experten allein auch nicht wiederhergestellt werden kann - nämlich hinreichend genau beschriebene Ausdrucksmöglichkeiten und Sensibilitäten für verfehltes Leben, für gesellschaftliche Fehlentwicklungen, für das Misslingen einzelner Lebensentwürfe und die Verformung entstellter Lebenszusammenhänge."

Liebe Gemeinde, auch die militantesten Gottesleugner müssten anerkennen, dass alle Religionen über ein Grundwissen und über Grunderfahrungen verfügen, die man nur und ausschließlich bei ihnen findet.

Darum kann ich über den anderen Satz auf dem Atheismus-Bus nur lachen: "Erfülltes Leben braucht keinen Glauben." Ich würde - wie gesagt - nie über die Frage streiten, ob es Gott gibt oder nicht. Diesen zweiten Satz aber würde ich den Verantwortlichen gern um die Ohren schlagen. Wie unerfahren muss man sein, um das so hinaus zu posaunen: Erfülltes Leben braucht keinen Glauben. Schwachsinn! Es braucht keinen christlichen Glauben. Das mag sein. Aber ohne Glauben, ohne Rückbezug auf eine Größe, die mehr ist als das Eigeninteresse des einzelnen Menschen, ohne Religion ist nach meiner Erfahrung ein erfülltes Leben nicht denkbar.

Gewiss: Völlig entspannt bei Wärme und Sonnenschein auf den Kanarischen Inseln oder hier am Ratzeburger See, in fröhlicher Gemeinschaft und bei gutem Essen und Trinken - da braucht man keinen Glauben und keine Religion, um das Leben lebenswert zu finden.

Aber das sind ja Ausnahme-Situationen. Das ist nicht alles, und das ist nicht der normale Alltag. Im Alltag gibt es Größen und Ereignisse, die Angst machen - nicht nur Kindern bei Dunkelheit. Im Alltag gibt es Erfahrungen von Versagen, von Schuld, von Leere, von Sorge, von Liebe und von Hass. Im Alltag stellen sich Fragen nach Würde, nach Solidarität, nach Hoffnung, nach Sinn. Im Alltag muss entschieden werden über Grenzen dessen, was möglich und erlaubt ist, über die Frage, wie weit ich meinem Gewissen zu folgen habe. Und alle diese Fragen (und hundert andere mehr) sollen sich beantworten lassen ohne einen Glauben? Ohne Rückbezug auf eine Größe, die mehr ist als meine Einzelinteressen?

Ich weiß sehr wohl, liebe Gemeinde, dass der Rückbezug auf Gott, dass der Glaube ein schwankendes Fundament haben kann.
Ich weiß auch, dass die fünfzehn Minuten einer jeden Tagesschau der Viertelstunde einer Predigt mit ganzer Wucht und voller Anschaulichkeit widersprechen können.

Ich bin mir wohl der Tatsache bewusst, dass es nicht einer die Welt erschütternden Katastrophe bedarf, um alles, was ich predige, über den Haufen zu werfen. Ein einziges Wort -- z.B. "Krebs" oder "AIDS", als Diagnose ausgesprochen -- kann bewirken, dass jemand die Worte der Eltern am Bett des Kindes ebenso als Lüge empfindet wie den Trost des Propheten.
Was aber gilt dann? Welche Wirklichkeit ist die wirkliche Wirklichkeit?

Es gilt, was Sie und ich glauben. Es gilt, was wir als Grundvoraussetzung unseres Lebens annehmen. Wir deuten unser Leben als sinnlos oder als sinnvoll. Wir entscheiden uns für die eine oder die andere Sichtweise.

Wer zu der Meinung kommt, die im Atlantik bzw. im Indischen Ozean verschwundenen Flugzeuge seien Symbole für die wirkliche Wirklichkeit, der ist -- mit Grund und voller Berechtigung -- zu dieser Meinung gekommen. Er deutet das Leben als ein Sein ohne Gott. Mit dieser Sichtweise muss er leben. Er muss vor allen Dingen damit leben, dass er sich für eine alles verschlingende Sinnlosigkeit entschieden hat. Und wie man damit ein erfülltes Leben führen kann, ist mir völlig unverständlich.
Wer dagegen den uralten Worten vertraut, mit denen Eltern ihre Kinder trösten, der hat sich für das "Dennoch" des Glaubens entschieden, für den Widerspruch der Liebe gegen alles Böse und Gemeinde und Brutale, für den Widerspruch des Vertrauens gegen die Angst.

Ich vertraue auf die Wahrheit unseres Glaubens, auf die Wirklichkeit Gottes. Darum glaube ich, dass die Eltern am Bett des Kindes nicht irren und dass der Prophet die Wahrheit spricht: Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen. Du bist mein.

Amen.

 

 


Domprobst em. Jürgen Müller
Predigt zum 9. August 2009 im Dom zu Ratzeburg