Gottesdienst am Heiligen Abend, 24. Dezember 2009


Titus 2, 11-14

Die heilsame Gnade
11) Denn es ist erschienen die heilsame Gnade Gottes allen Menschen 12) und nimmt uns in Zucht, dass wir absagen dem ungöttlichen Wesen und den weltlichen Begierden und besonnen, gerecht und fromm in dieser Welt leben 13) und warten auf die selige Hoffnung und Erscheinung der Herrlichkeit des großen Gottes und unseres Heilands Jesus Christus, 14)  der sich selbst für uns gegeben hat, damit er uns erlöste von aller Ungerechtigkeit und reinigte sich selbst ein Volk zum Eigentum, das eifrig wäre zu guten Werken.


Liebe Gemeinde,

was feiern wir eigentlich Weihnachten? – Was für eine Frage, so werden Sie sich vielleicht wundern. Denn die Antwort ist doch ganz klar. Wir feiern die Geburt des Kindes, das in gerade dieser Nacht im Stall von Bethlehem geboren wurde. So haben wir miteinander die Weihnachtsgeschichte gehört: „Es begab sich aber zu der Zeit, dass ein Gebot von dem Kaiser Augustus ausging, dass alle Welt geschätzt würde …“

Auch Josef und Maria, seine schwangere Frau, machen sich auf den Weg. Sie sind nicht allein unterwegs nach Bethlehem, die kleine Stadt ist überfüllt. Und sie finden keine Herberge. Am Ende sind sie froh, dass sie wenigstens ein Dach über dem Kopf haben.

Die Strapazen der Reise provozieren die Geburt. – Wir hoffen auf günstigere Anfänge des Lebens. – Aber das Wunder geschieht, Mutter und Kind überleben. D.h. sie überleben nicht nur. Dieses Kind wird die ganze Welt verändern. Davon zeugen nicht nur die Evangelisten, die Leben und Sterben Jesu von Nazareth aufgeschrieben haben. In der Bibel lesen wir, dass die Geschichte dieses Kindes damit nicht zu Ende ist, sondern weitergeht. Bis heute weitergeht.

Vielleicht ist es uns nicht immer bewusst. Aber wir zählen sogar die Zeit nach ihm. Die Geburt Jesu als Wendepunkt für die ganze Welt. Und das alles ist in dieser einen Geschichte, ist in der Weihnachtsgeschichte schon enthalten. Die Engel nehmen es vorweg, und die Hirten haben es gesehen. Sie sehen nicht nur das gerade geborene Kind. In dem kleinen Kind sehen sie etwas, das man eigentlich nicht sehen kann.

Wie soll ich es nennen? Sehen sie den Frieden auf Erden? Sehen sie den Himmel offen? – Es ist schwer zu beschreiben, was mit den Hirten geschieht. Aber Tatsache ist, dass etwas mit ihnen geschieht. Dass sie sich selbst in einem anderen Licht sehen. Dass plötzlich Hoffnung da ist und Sinn. Dass ihr Leben eine neue Perspektive hat. – Und wir sehen den Glanz auf ihren Gesichtern.

Das ist es doch, was wir zu Weihnachten feiern. Das ist es, was wir in dieser Nacht erinnern. Die Hirten, die für uns zu Engeln werden, zu Boten Gottes, die uns weitersagen: „Fürchtet euch nicht, denn siehe ich verkündige euch große Freude, die allem Volke widerfahren wird. Denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr, in der Stadt Davids.“

Liebe Gemeinde,
was feiern wir eigentlich Weihnachten? – Ich stelle diese Frage noch einmal, weil es ja auch noch andere Antworten gibt. Antworten, die uns nicht weniger wert sind. Ich denke an unsere Kinder, an die Wunschzettel, die sie geschrieben haben. Und an die Weihnachtsbäckerei, die hier und dort immer noch stattfindet. Auch an die kleinen Bastelarbeiten. An Sterne aus Glanzpapier und selbst verzierte Kerzen. Natürlich auch an geschmückte Weihnachtsbäume und die festlich gedeckte Tafel. Es sind viele verschiedene Sitten und Gebräuche, die sich um dieses Fest gebildet haben.

Vielleicht hat manches in letzter Zeit etwas Überhand genommen, die vielen Weihnachtsmärkte aller Orten. Weihnachten als Geschäft. Und der Konkurrenzdruck führt zu Forderungen, die Geschäfte auch am Sonntag öffnen zu dürfen, und Ideen, Spekulatius und Schokoladenweihnachtsmänner schon im November verkaufen zu wollen. Ob uns das Weihnachten näher bringt? Im Grunde genommen wollen wir das alles nicht. Die Advents- und Weihnachtszeit soll eine besondere Zeit bleiben, so wie es früher war. Ja, auch das gehört zu Weihnachten: Dass es so sein möge, wie es früher war.

Was feiern wir eigentlich Weihnachten? Als Antwort habe ich eine kleine Geschichte gefunden, eine Weihnachtsfabel.
(Manchem ist sie vielleicht bekannt:)

Die Tiere diskutierten einmal über Weihnachten. Sie stritten, was wohl die Hauptsache an Weihnachten sei. "Na klar, Gänsebraten", sagte der Fuchs, "was wäre Weihnachten ohne Gänsebraten!" "Schnee", sagte der Eisbär, "viel Schnee!" Und er schwärmte verzückt: "Weiße Weihnachten!" Das Reh sagte: "Ich brauche aber einen Tannenbaum, sonst kann ich nicht Weihnachten feiern." "Aber nicht so viele Kerzen", heulte die Eule, "schön schummrig und gemütlich muß es sein, Stimmung ist die Hauptsache." "Aber mein neues Kleid muß man sehen", sagte der Pfau, "wenn ich kein neues Kleid kriege, ist für mich kein Weihnachten." "Und Schmuck!" krächzte die Elster, "jedes Weihnachtsfest kriege ich was: Einen Ring, ein Armband, eine Brosche oder eine Kette, das ist für mich das Allerschönste an Weihnachten." "Na, aber bitte, den Stollen nicht vergessen", brummte der Bär, "das ist doch die Hauptsache, wenn es den nicht gibt und all' die süßen Sachen, verzichte ich auf Weihnachten." "Mach's wie ich", sagte der Dachs, "pennen, pennen, das ist das Wahre. Weihnachten heißt für mich: Mal richtig pennen!" "Und saufen", ergänzte der Ochse, "mal richtig einen saufen und dann pennen" aber dann schrie er "Aua", denn der Esel hatte ihm einen gewaltigen Tritt versetzt: "Du Ochse, denkst du denn nicht an das Kind?" Da senkte der Ochse beschämt den Kopf und sagte: "Das Kind, ja das Kind, das ist doch die Hauptsache."
"Übrigens", fragte er dann den Esel: "Wissen das die Menschen eigentlich?"

(Ingeborg Hildebrandt)

Liebe Gemeinde,

wie das mit Fabeln so ist: Sie wollen uns die Augen öffnen. Dabei ist doch klar: Die Hauptsache ist das Kind. Deshalb sind wir hier. Aber – so mahnen uns die Tiere – manchmal überlagern sich die Dinge so, dass sie uns den Blick auf das Wesentliche verstellen. Ob wir uns darin wiedererkennen? Ob auch wir die Hauptsache manchmal vergessen in all dem Trubel und der Hektik der Vorbereitungen, in dem Versuch, es allen und auch uns selbst „schön“ zu machen? – Dabei spricht ja gar nicht gegen einen saftigen Gänsebraten und ein gutes Glas Wein, finde ich. Und der Ratzeburger Dom im Schnee – ist das nicht heute Abend das Tüpfelchen auf dem i?

Ich habe die Stimme meines Vaters im Ohr. Ein Rat, den er mir gab, als ich zum ersten Mal an Weihnachten nicht nach Hause gekommen war. Denn inzwischen hatte ich selbst eine kleine Familie. Er sagte: „Du darfst Kinder an Weihnachten nicht enttäuschen.“

Ich habe das so verstanden. Nicht alle Wünsche sind erfüllbar, aber die Herzenswünsche der Kinder, die sollen wir Erwachsenen erfüllen, wenn es irgend möglich ist. Denn das eine hängt mit dem anderen zusammen. Die Freude über die Geschenke und die Freude über die Geburt Jesu.

Aber, so möchte man doch hinzufügen, die Hauptsache ist doch das Kind!

Ob das für mich vor 40 Jahren auch so war? – Wenn ich ehrlich bin, war es vielleicht doch anders herum. Neulich habe ich sie beim Aufräumen wiedergefunden: die Schlittschuhe und die elektrische Autorennbahn. Darüber habe ich mich sehr gefreut. Und irgendwann bin ich aus ihnen herausgewachsen, den Schlittschuhen. Und die Autorennbahn war nicht mehr so wichtig.

Vielleicht kommt es gar nicht so sehr auf die Wertigkeit an: Was ist wichtiger, die Geschenke oder das Kind? Vielleicht ist das Entscheidende, dass das eine für das andere durchsichtig bleibt. Dass sich die Freude über die Geschenke mit der Freude über das Kind verbindet. Und dass wir über all den Festlichkeiten das Kind nicht vergessen.

Genau deshalb sind wir heute Abend zusammengekommen! Ich sagte es schon. Genau deshalb hören wir die alte Geschichte und singen die weihnachtlichen Lieder. Lassen uns anrühren von dem, was damals geschehen ist.

Wenn wir das tun, dann merken wir auch: Weihnachten ist mehr als nur die Feier eines Ereignisses, dass in grauer Vorzeit stattgefunden hat. Weihnachten hat ja mit uns zu tun.

Das Wort der Engel gilt ja auch uns: „Fürchtet euch nicht, denn siehe ich verkündige euch große Freude, die allem Volke widerfahren wird. Denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr, in der Stadt Davids.“

Der Blick auf das Kind. Wir sehen die Welt, wie sie werden soll. Wie Gott sie gemeint hat. Freude, die allem Volke widerfahren wird! – So wird es kommen. Das hat die Hirten froh gemacht, und uns macht es auch froh.

Und wir sehen die Welt, wie sie ist. Das Kind in einem armseligen Stall, irgendwo am Rand der damals bekannten Welt. Frieden, der noch nicht ist. Hunger und Gewalt. Eine geschundene Erde. – Das ist der tiefste Grund, warum Gott in diesem Kind zu uns kommt. Damit es nicht so bleibt, wie es ist. Und dazu können wir eine Menge beitragen.

Am Ende der Geschichte heißt es: „Als sie es aber gesehen hatten, breiteten die Hirten das Wort aus, das zu ihnen von diesem Kind gesagt war.“ Genau das sollen auch wir tun. Das können wir tun. Uns anstecken lassen von der Hoffnung der Hirten und diese Hoffnung weitertragen. Dann werden wir auch danach handeln. Dann wird Weihnachten.


Amen.

 

 


Domprobst Gert-Axel Reuß
Predigt am 24. Dezember 2009 im Dom zu Ratzeburg