Gottesdienst
am 2. Sonntag nach Weihnachten, 3. Januar 2010
- – begangen als Epiphaniastag –
im Dom zu Ratzeburg
– Jesaja 60, 1-6
–
Liebe Gemeinde!
In manchen Kirchen wird das Krippenarrangement unter dem großen Lichterbaum
am 6. Januar
– oder, im Vorgriff auf den Epiphaniastag, eben heute – ergänzt durch die
Figuren, die bisher
noch fehlten: die Könige aus dem Morgenland mit ihren Kamelen, die
Geschenke, die sie mitbringen:
Gold, Weihrauch und Myrrhe. Woher kommen diese Figuren – Menschen,
Tiere und Geschenke?
Sie sind eingewandert aus dem 60. Kapitel des Jesajabuches, dessen Anfang
wir gehört haben.
„Mache dich auf, werde licht; denn dein Licht kommt, und die Herrlichkeit
des HERRN geht auf
über dir!“ So beginnt es. Man kann sich vorstellen, wie die Geschichte der
Anbetung des Kindes
in Bethlehem nach dem Matthäusevangelium zustande gekommen ist. Könige
ziehen zum Glanz,
der über dir aufgeht, so heißt es bei Jesaja. Angesprochen ist Zion,
Jerusalem, damit ganz Israel.
Matthäus macht das Licht, das kommt, zum Stern über dem Ort, wo
das Kindlein war. Dorthin ziehen
die Könige, die bei Matthäus Weise oder Magier sind, verständige,
forschende Männer, die es wissen
wollen und, von Neugier getrieben, dem Stern folgen, der ihnen
erschienen ist. Die Kamele als
ihre Reittiere hat Matthäus ebenfalls bei Jesaja gefunden. Sie tragen nicht
nur die drei Könige,
sondern auch ihre Geschenke; vielleicht hat Matthäus sich vorgestellt, dass
die Karawane über
die Gold- und Weihrauchstraße aus dem Süden Arabiens nach Palästina
gezogen ist. Von Gold und
Weihrauch ist bei Jesaja ja auch die Rede; wie er auf die Myrrhe
gekommen ist, weiß ich nicht.
(Myrrhe ist ein aromatisches Harz, das – mit Öl vermischt – ein begehrtes
Parfüm ergab.) Die
Weisen sind nicht nur dies; sie sind auch – für Matthäus besonders wichtig –
Repräsentanten der
Heiden, und so erfüllen sie, was Jesaja gesagt hat: „Heiden werden
zu deinem Lichte ziehen.“ Und
indem sie das Kindlein anbeten, tun sie, was Jesaja hat kommen sehen:
„Sie werden des HERRN Lob
verkündigen.“
II.
So klar die Brücke vor Augen liegt, die von der Vision Jesajas zur
Weihnachtsgeschichte des Matthäus
führt, so deutlich ist doch auch die Differenz zwischen den beiden Texten.
Nicht die Menge
der Kamele „bedeckt“ das Land, und Matthäus weiß nichts davon, dass
deine Söhne von ferne kommen
und deine Töchter auf der Hüfte hergetragen werden. Gold, Weihrauch und
Myrrhe machen noch
nicht die Schätze der Völker am Meer, nicht den Reichtum der
Völker. Vor allem aber ist die Geschichte
des Matthäus eher eine verhaltene, ja innige Erzählung als die Schilderung
einer Szene, in der
es so überbordend, so maßlos zugeht wie in der Vision des Jesaja. Alles ist
„groß“, die Augen
gehen einem über. „Über dir geht auf der HERR, und seine Herrlichkeit
erscheint über dir“: Gott erscheint
wie die aufgehende Sonne über einer in Dunkelheit gehüllten Welt, und dieses
Weltenlicht
erleuchtet alles, und es zieht alle an – nicht nur die in der Nähe, auch die
in der Ferne, die
am Meer Wohnenden, die in Midian und Efa, im sagenumwobenen Saba. Dem, was
da geschieht,
entspricht die starke Resonanz des von Jesaja angesprochenen Du: „Du
wirst deine Lust sehen und
vor Freude strahlen, und dein Herz wird erbeben und weit werden.“ Der
Prophet sieht dies alles voraus,
und darum kann er denen, die noch in Finsternis und im Schatten des Todes
sitzen (Lukas 1,79),
schon sagen: „Mache dich auf und werde licht; denn dein Licht kommt!“
Bescheiden ist der Prophet nicht, er hält sich nicht zurück. Er lässt sich
hinreißen von der Kraft
einer Vision, die über ihn gekommen ist. Er ist hingerissen, so scheint es.
Und wehrt sich nicht
dagegen, fährt ab auf das, was er sieht.
III.
Wann spricht er, und zu wem? Das Du, an das er sich wendet, ist die
Stadt Jerusalem. Genauer:
Es sind die Menschen, die darin wohnen. Entweder seit langer Zeit oder erst
seit kurzem, seit
kurzem wieder. Die immer dort waren, haben in einer halb zerstörten
Stadt gelebt, in einer Ruinenlandschaft.
Die Zurückgekehrten waren, gegen ihren Willen, lange fort, in einem fremden
Land, unter fremden und ihnen unheimlichen Menschen. Etwas genauer muss man
werden: Viele
unter diesen „Heimkehrern“ sind nie in Jerusalem gewesen, es sind die Kinder
derer, die Jahrzehnte
zuvor aus der Stadt weggeführt worden sind. Von ihnen kann man sagen,
dass sie sich zunächst
geweigert haben, überhaupt heimisch zu werden im fremden Babylonien. Sie
schworen
sich gegenseitig, Jerusalem nicht zu vergessen, nicht Wurzel zu schlagen in
Babel, zu überleben,
aber ihr Herz dort an nichts zu hängen. Aber dann regte sich das Leben in
ihnen, und es gab
Stimmen, die sagten: Dies ist jetzt unser Ort, und wenn das Leben
weitergehen soll, dann geht es
hier weiter. Sie bauten Häuser und wohnten darin, sie zeugten
Söhne und Töchter, und sie verheirateten
ihre herangewachsenen Kinder. Sie verstanden, dass es ihnen nur gut gehen
konnte, wenn sie
daran interessiert waren und etwas dafür taten, dass es der Stadt gut gehe,
in die man sie weggeführt
hatte (Jeremia 29). Fünfzig oder sechzig Jahre, nachdem das geschehen war,
wurde das babylonische
Exil für beendet erklärt. Nun kehrten sie heim, aber „sie“, das waren mehr
die Kinder
und die Enkel als die Weggeführten selbst, von denen die meisten im fremden
Land gestorben
waren.
Also kamen sie nach Jerusalem, in kleinen Schüben übrigens; es war nicht
annähernd so beflügelnd
und erlösend, wie man es sich vorgestellt hatte. Nun sind sie „zuhause“,
aber es ist ein
fremdes Zuhause. Die dort Gebliebenen und die Heimkehrenden kennen sich
nicht und sind
einander fremd. Die Stadt liegt weitgehend in Trümmern, den Tempel gibt es
nicht mehr, die an
vielen Stellen eingerissene Stadtmauer schützt gegen keine Bedrohung von
außen. In Babylonien
waren die Lebensbedingungen besser, das liegt nun zutage. Wie ein Hohn
klingen jetzt die Stimmen,
mit denen man sich hier wie dort hatte trösten lassen: „Seid fröhlich und
rühmt miteinander,
ihr Trümmer Jerusalems! Denn der HERR hat sich über sein Volk erbarmt und
Jerusalem erlöst!“ (Jesaja
52,9) In Wahrheit ist alles nur schwierig. Man versteht sich nicht, es gibt
kaum zu essen, Arbeit
gäbe es genug, aber Baumaterial ist nicht da. Nichts wird besser dadurch,
dass Einzelne es zu
Wohlstand bringen, im Gegenteil: Was ihnen „gehört“, haben sie anderen
weggenommen. Es ist
der Zustand einer enormen Verfinsterung.
IV.
Jesaja scheint diese Finsternis auf die Umgebung zu übertragen, wenn er
sagt: „Finsternis bedeckt
das Erdreich und Dunkel die Völker.“ So ist es eigentlich nicht; die
tiefste Dunkelheit liegt über Jerusalem,
nicht über Babel oder Tyrus, Damaskus oder Assur. Was tut Jesaja? Er kehrt
die Verhältnisse
um und erklärt: „Aber über dir geht auf der HERR, und seine Herrlichkeit
erscheint über dir.“ Im Herzen
der Finsternis sieht er ein Licht, bevor es überhaupt erschienen ist. Und er
geht noch weiter.
Er sagt: „Dein Licht kommt …, und die Heiden werden zu deinem Licht
ziehen und die Könige zum
Glanz, der über dir aufgeht.“ Man könnte sagen: Da nimmt einer den Mund
viel zu voll. Es wird
sich zeigen, dass nichts von dem stimmt, was er erklärt. Ja, das ist wahr.
Was er kommen sieht, ist
so nie geschehen. – Man könnte aber auch sagen: Hier nimmt einer – Gott
weiß, woher! – den
ungeheuren Mut, die Elenden aus ihrem Elend zu ziehen und den Resignierten
ein Ziel zu geben.
Er macht Stroh zu Gold und pult Diamanten aus der Asche. Das – so stelle
ich’s mir vor – kann
nicht ohne Wirkung geblieben sein. Man atmet durch, sieht sich um, erkennt
den Glanz, der in
den Augen anderer aufzuleuchten beginnt, und sieht schon, wie die Trümmer
sich zusammenfügen.
Auf einmal wird das vorstellbar: Du wirst deine Lust sehen und vor Freude
strahlen, dein Herz
wird erbeben und weit werden … Es ist das Erbeben derer, die in einer
verzweifelten Lage eine Vision
bekommen, die um sich greift wie eine ansteckende Gesundheit. Alles könnte
anders werden,
als es ist; alles wird anders sein.
V.
Der Mann, der dies auslöst (wir wissen nichts über seine Persönlichkeit, die
völlig im Dunkeln
bleibt), hat einen anderen inspiriert, der lange nach ihm lebt. Beide
sprechen mit ähnlicher Stimme,
übrigens in vergleichbarer Situation. Über Paul Gerhardt wissen wir viel.
Als er fünf Jahre
nach dem Ende des Dreißigjährigen Krieges sein Weihnachtslied Fröhlich
soll mein Herze springen
dichtet, sind die Städte und Dörfer Ruinenlandschaften, die Menschen selbst
Fragmente. Was tut
er? Er schreibt: „Die ihr arm seid und elende, / kommt herbei, füllet
frei / eures Glaubens Hände. / Hier
sind alle guten Gaben / und das Gold, da ihr sollt / euer Herz mit laben.“
(EG 36,9) Er kann dies so sagen,
weil er das Kind in der Krippe sprechen hört (mit süßen Lippen, wie
er es ausdrückt): „Lasset fahrn,
o liebe Brüder, / was euch quält. Was euch fehlt, / ich bring alles wieder.“
(Das entspricht tatsächlich genau
dem, was jene Prophetenrede sagt: „Deine Söhne werden von ferne kommen
und deine Töchter auf
der Hüfte hergetragen werden.“) Auch Paul Gerhardt nimmt – Gott weiß,
woher! – den Mut, die
Elenden aus ihrem Elend zu ziehen und die Resignierten aufzurichten. Das
„funktioniert“ bis
heute; wir haben es gerade gemerkt, als wir ein anderes seiner Lieder
gesungen haben: Ich steh an
deiner Krippen hier. Es bedarf dieses Impulses von außen, dass auch wir
uns aus Düsternis und
Verlassenheit befreien können. Ohne jemand, der solche Verse macht, auf die
wir unser Unglück
laden und es auf ihnen davonfahren lassen können, geht es nicht. Mit ihnen
geht es auch nicht
immer, das ist wahr. Aber wenn jemand mit ihrer Hilfe zum Leben erweckt
wird, wäre es falsch
zu sagen: Es ist ja nur Poesie. Wenn Sprache, Dichtung, Poesie solche
Wirkungen hervorbringen
kann – wie kann sie dann „nur“ dies sein?
VI.
„Mache dich auf, werde licht; denn dein Licht kommt, und die Herrlichkeit
des HERRN geht auf
über dir.“ Matthäus, wir haben es gesehen, bezieht dieses Licht auf den
Stern von Bethlehem, und
er tut es nicht ohne Grund. Nicht, dass sich mit der Geburt des göttlichen
Kindes alles „erfüllt“
hätte, was im 60. Kapitel des Jesajabuches gesagt ist. So einfach geht das
ja nie mit der „Erfüllung“,
nie so, dass man sagen könnte: Siehst du? Jetzt ist es passiert. Dass sich
eine Verheißung
erfüllt, das setzt immer meine Mitwirkung voraus. Wenn ich sage: Ich
erkenne etwas wieder, was
einmal gesagt wurde; jetzt wird es wahr! –, dann passiert es. Wenn ich
mich entschließe, dass eine
Vision sich erfüllt, dann kann sie sich erfüllen.
„Mache dich auf, werde licht.“ Das Kind in der Krippe, der Wunder wirkende,
Geschichten erzählende,
Menschen aus ihrer Erstarrung befreiende Mann, der am Kreuz Sterbende und am
dritten
Tag von den Toten Auferweckte kann als ein Lichtträger erkannt werden, der
das Helle in der
Dunkelheit aufspürt und Menschen dazu bringt, sich aufzumachen und selbst
licht zu werden.
Das „funktioniert“ bis heute, an vielen Orten. Wenn es uns passiert, dann
werden wir auf einem
anderen Weg wieder in unser Land ziehen, als Verwandelte, Gekräftigte,
Aufgerichtete. Als Menschen,
die – auch wenn sie ihm nicht entgehen – lebendig dem Tod widerstehen.
Amen.
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