|
Gottesdienst im Ratzeburger Dom zur Eröffnung der Ausstellung:
Ernst Barlach- Käthe Kollwitz - Über die Grenzen der Existenz
von Weihbischof Hans-Jochen Jaschke am 04. 07. 2010
Psalm 91,3.11.12.
Er beschirmt dich mit seinen Flügeln. Denn er befiehlt seinen
Engeln, dich zu hüten auf all deinen Wegen. Sie tragen dich auf
ihren Händen, damit dein Fuß nicht an einen Stein stößt.
Matthäus 18,10
Hütet euch, einen von diesen kleinen zu verachten. Denn ich sage
euch: Ihre Engel im Himmel sehen stets das Angesicht meines
himmlischen Vaters.
Er schwebt über uns, er Engel. Er öffnet den Raum, weitet seine
Dimensionen und lässt neue aufscheinen. Er schenkt Schutz und Schirm
im Raum. Schutz vor den Ungewissheiten, Schutz in der flüchtigen
Zeit, die im Raum der Ewigkeit ihren Ort sucht. Er schwebt über den
Menschen, die an ihre Grenzen geraten, bedrängt, bedroht, gebrochen.
Er steht über den Opfern von Schrecken, von Krieg und
menschenverachtender Gewalt. So dürfen wir nach oben schauen. Der
Tod hat nicht das letzte Wort. Schuld und Sünde müssen uns nicht für
immer erdrücken.
Das will uns Ernst Barlachs Engel im Güstrower Dom in der nördlichen
Kapelle über der Tafel, die die Kriegsjahre 1914-1918 markiert, dem
alten Ort der Taufe, zeigen. Jetzt schwebt er im Ratzeburger Dom
über uns, nicht mehr nur in einer Kapelle, sondern unter der
Vierung. Er prägt den Kirchenraum und spricht uns an.
Ernst Barlach und Käthe Kollwitz führen an die Grenzen. Sie
eröffnen, sie zeigen Blicke auf uns Menschen. Ihre Skulpturen und
Bilder ergreifen uns. Wir können sie nicht neutral betrachten,
sondern werden aus uns herausgeführt, über die Grenzen hinaus.
Gerade so rufen sie in den Widerstand gegen leere und glatte Bilder
von Menschen in einer schönen neuen Welt. In den Widerstand gegen
platte und dumpfe Ideologien, die im Wahn enden und den Menschen in
den Abgrund führen. Sie wecken Mitgefühl und Liebe, Trauer und
bestärken die nicht aufgebbare Hoffnung, die uns Menschen zu
Menschen macht. Der Engel, er zeigt, wie Menschen über die Grenzen
hinaus getragen, gehalten bleiben.
Die Worte aus dem 91. Psalm, das machtvolle Wort unseres Herrn Jesus
Christus sprechen die wunderbare, große Gewissheit aus: Der Mensch
ist umgeben und beschirmt von Gott, vom ganz Anderen, dem
Unendlichen, der gerade in seiner gewaltigen Größe so ist, dass er
das Kleinste umfassen will. Der Unendliche bleibt seinem Menschen
nahe. Seit jeher haben Menschen sich zu einer solchen Ahnung
aufgeschwungen. Engel, die uns in vielen Kulturen und zu allen
Zeiten begegnen, geben ihr Ausdruck. Heute habe Engel wieder
Konjunktur. Manchmal haben wir den Eindruck: Wenn das Christentum
sich auflöst, dann werden Engel zu der Form der Religiosität, auf
die kein Mensch verzichten möchte. Aber klagen wir nicht: Was
Menschen in ihren Grenzen und mit ihrem Fassungsvermögen ahnen, das
soll Christen zur Gewissheit werden. Gott, der Unendliche, bleibt
nicht stumm, er spricht zu uns. Gott verbleibt nicht in jenseitigen
Welten, ohne sich um die Erde und seine Menschen zu kümmern. Er
erweist sich selber als Mensch, macht sich eins mit seinen Menschen,
mischt sich ein in das Drama der Weltgeschichte und eines jeden
Menschenlebens. Er wird Mensch in der Menschheitsfamilie. Er ist der
Geist, der in den Herzen und Kräften eines jeden Menschen wirkt.
Engel sind im biblischen Glauben und für uns Christenmenschen ein
Bild, das uns zeigt, wie Gott uns umgibt, wie er uns nahe ist auf
allen unseren Wegen. Schön sagt es das Johannesevangelium, wenn
Christus, der Sohn Gottes, dem Nathanael erklärt: „Ihr werdet den
Himmel geöffnet und die Engel Gottes auf- und niedersteigen sehen
über dem Menschensohn“ (Joh 1, 50). Der Menschensohn bildet die
Mitte aller Engelwesen. Umgeben von ihnen, ist er der Weg, auf dem
die Engel zu den Menschen kommen.
Ernst Barlach hat dem Engel ein Gesicht gegeben. Es trägt die Züge
von Käthe Kollwitz. Ja, der Mensch hat ein Gesicht, unverwechselbar,
einmalig. Ein Gesicht in all seiner Schönheit, mit den Spuren des
Lebens, auch mit den Verwüstungen, das es erfahren hat. Gott, so
sollen wir sehen, wahrt des Menschen Gesicht. Des Menschen Engel,
Gottes Begleiter für jeden von uns, wahrt sein Gesicht.
Hütet euch, einen von diesen Kleinen zu verachten, ruft Jesus uns
zu. Er weist hin auf die Kleinen, die Geringen, die Opfer, die
Erniedrigten und Beleidigten. Gerade ihre Engel stehen vor Gott und
wahren ihre Würde. Sie erhalten ihre Schönheit, auch wenn sie noch
so sehr verstellt sein sollte. Sie lassen ihre Würde im Angesicht
des himmlischen Vaters aufleuchten.
Ernst Barlach und Käthe Kollwitz weisen über die Grenzen der
menschlichen Existenz hinaus. Gerade die Konstellation dieser beiden
Künstler eröffnet Blicke für uns alle. Es sind Blicke auf uns
selber, auf mich. Ich bin eingeladen und berufen, mein Leben in der
Dimension Gottes zu erfahren. Ich sehe die Anderen, die Starken und
die Schwachen. Bleiben wir demütig, wenn wir zu den Starken gehören.
Wir wissen, die Starken müssen sich beschämen lassen, wenn sie auf
ihre eigene Kraft setzen. Sehen wir die Schwachen, die Menschen im
Dunkeln, auf die kein Licht fällt, die wir selber allzu gern
ausblenden. Sehen wir unsere Verantwortung für sie.
Gemeinsam sind wir Mensch, Menschen in Verantwortung, Liebe,
Sympathie und Mitleid. Wenn wir an die Grenzen der Existenz geraten,
wenn wir sie erahnen, sie erfahren, dann dürfen wir uns als Kinder
Gottes wissen, angeschaut von ich, befreit zum Blick auf den immer
größeren Gott.
5. „Es gibt mehr Ding im Himmel und auf Erden, als Eure
Schulweisheit sich träumt“, ruft uns Shakespeares Hamlet zu. Die
Engel zeigen uns: Wir sind umgeben von der immer größeren
Wirklichkeit Gottes. Sie beschämt die flotten Sprüche, die billigen
Weisheiten, die fade, abgeschmackte Gedankenlosigkeit. Sie stoppt
die frechen Ideologien, mögen sie sich auch noch so imposant
gebärden wollen. Im Raum des Unendlichen sind wir eingeladen, Halt
in dem zu finden, der Himmel und Erde verbunden hat, der Himmel
erdet und die Erde aus der Tiefe holt.
Amen.
|