Gottesdienst am 09.01. 2011 (begangen als Epiphanias)
im Dom zu Ratzeburg
– „Die Könige aus dem Morgenland“ –
 


Liebe Gemeinde!

Die Weisen aus dem Morgenland, wie sie in der biblischen Geschichte genannt werden, haben keine Namen, und es steht bei Matthäus nichts über ihre Zahl: drei oder vier, sieben vielleicht? Vieles ist und bleibt geheimnisvoll an dieser Geschichte. Möglicherweise hat sie darum so viel Erzähllust ausgelöst, so viele Legenden und Ausschmückungen hervorgebracht. Einigen dieser Fortschreibungen der Geschichte gehe ich nach.

I.
Von der Zahl der Geschenke, die sie bringen – Gold, Weihrauch, Myrrhe – kommt man auf die Zahl drei. Drei Weise also, oder Könige, oder Magier seien es gewesen, die sich auf den weiten Weg gemacht hätten. Woher sie kommen, bleibt im Dunkeln. Wohin sie wollen, ist nicht ganz gewiss: Sie sagen, sie suchten den neugeborenen König der Juden. Sie hätten seinen Stern gesehen im Morgenland. Man sieht, dass die biblische Erzählung selbst schon eine Legende ist. Woher könnten die Reisenden gewusst haben, dass der besondere Stern, den sie am Himmel sahen, auf einen neugeborenen König der Juden hinweise? – Aber gut, sie machen sich auf den Weg, sie ziehen nach Jerusalem. Wo, wenn nicht in dieser Stadt und am Königshof, sollte ein späterer König zur Welt kommen? Sie erkundigen sich im Palast oder in seiner Umgebung, der König Herodes hört davon, wird unruhig und befragt seine Ratgeber, wo der Christus – das ist: der (zum König) Gesalbte – geboren werden soll. Die Ratgeber sehen in den alten Schriften nach und ermitteln die Antwort: in Bethlehem in Judäa – oder: im jüdischen Lande. Nun also wissen die Reisenden den Ort, zu dem sie unterwegs sind. Und machen sich – zusätzlich geleitet durch den Stern, der während ihres Aufenthalts in der Hauptstadt erloschen oder wenigstens nicht mehr sichtbar war – auf das letzte Stück Weg. Zurück lassen sie den nach wie vor erschrockenen König Herodes, zurück lassen sie aber auch seine Berater, alle Hohenpriester und Schriftgelehrten des Volkes. Warum gehen die eigentlich nicht mit nach Bethlehem? Warum machen diejenigen, die den Königen das Ziel ihrer Reise offenbart haben, sich nicht selbst auf den Weg? Löst der Stern, der den Fremden im Morgenlande aufgegangen ist, nicht die Neugier dieser Berater in Jerusalem aus? Wollen sie nicht wissen, was an der ganzen Geschichte dran ist?
Die Erzählung sagt es nicht. Sie bringt uns nur ins Grübeln.

II.
„Die sieben Freunden Mariens.“ So heißt ein Bild des flämischen Malers Hans Memling aus dem 15. Jahrhundert, heute zu sehen in der Alten Pinakothek in München. Etwa in der Mitte des Bildes ragt der Palast des Königs Herodes in Jerusalem in den Himmel, mit einem Turm, der wie ein Männlichkeitssymbol wirkt. Die Sinnmitte des Bildes aber ist an ganz anderer Stelle. Sie ist dort, wo diesseits des Turmes in einem nach vorn und zum Himmel offenen Gemäuer ein anderer König vor dem neugeborenen Kind kniet. Links und rechts von ihm warten zwei weitere Herrscher darauf, dem Kind ihre Geschenke zu bringen. Die Augen werden auf den ersten Blick von dieser Szene angezogen. Erst später fangen wir an zu sehen, dass der Maler noch viel mehr auf der Fläche untergebracht hat. Sie ist vergleichsweise klein – 190 cm breit und 80 cm hoch –, aber wenn man davor stehen bleibt, hat man ungefähr so viel zu schauen wie in einem Bilderbuch von Ali Mitgutsch, wie es Kinder im Vorschulalter so lieben. Im Bildhintergrund sind drei felsige Berge zu sehen und auf jedem von ihnen mindestens eine Gestalt. Bedeutsamer als der Turm des Palastes erscheint nun ein Stern, der gleich neben seiner Spitze am halb dunklen Himmel aufstrahlt. Und er – dieser Stern – ist es, nach dem die Männer auf den Gipfeln Ausschau halten. Was ist mit diesem Stern? Wir haben die Geschichte gehört, auf die Hans Memling anspielt. Dort am Horizont fängt auf seinem Altarbild alles an. Die unbekannte Himmelserscheinung ist es, die drei Sternbeobachter und -deuter im Osten anregt, sich auf einen weiten Weg zu machen. Zunächst reist jeder für sich, mit Gefolge. (Denn schon bald sind aus den Weisen der Geschichte Könige geworden.) Dann – wir reisen weiter durch Memlings Gemälde – treffen die drei Züge aufeinander. In uns, den Betrachtenden, setzt sich zusammen, was das Bild nicht darstellen kann: Man verständigt sich, dass man dieselbe Erscheinung gesehen hat, man setzt die Reise gemeinsam fort, kommt im Königspalast in Jerusalem an und bricht von dort noch einmal auf, um schließlich in jenem Gemäuer, dessen Dach nach oben offen ist, zu finden, was man gesucht hat: den neugeborenen König der Juden. Dies ist längst nicht alles, was auf der hölzernen Tafel dargestellt ist, aber wir haben fürs Erste genug gesehen. Im Angesicht des Kindes, das im Schoß seiner Mutter sitzt, wissen die Drei, warum und wohin sie unterwegs waren.

Der Stern, so fürchten wir, wird weiterziehen, der Palast mit dem männlich-mächtigen Turm wird bleiben. Nicht für immer, aber länger, als der Stern sichtbar war. Zwar steht der Turm in Memlings Bild genau über dem Stall, der so als sein Fundament gesehen werden kann; tatsächlich aber macht er sowohl dem Stern oben wie auch dem Stall unten bedrohlich Konkurrenz. In ihm regiert der König Herodes, dem die biblische Geschichte alles Böse zudenkt: Da er sich bedroht fühlt durch das Neugeborene, wird er alle Kinder in und um Bethlehem töten lassen, die jünger sind als zwei Jahre. Wenn wir noch einmal auf das Bild sehen, nehmen wir wahr, dass es auch dieses Schreckliche in sich enthält. Die Tötung der Kinder in Bethlehem findet statt, während der nun vereinte Zug der drei Könige sich auf Bethlehem zu bewegt. (In den alten Bildern ist oft vieles, was nacheinander passiert, so dargestellt, als geschähe alles auf einmal.) Die Reiter sehen nichts von dem Kindermord, und sie hören die Schreie der Kinder und ihrer Mütter nicht.

Wie verhalten sich der Stern am Himmel und der Schrecken auf der Erde zueinander? Das ist die Frage, die uns bleibt. Der Schrecken hebt das Licht nicht auf, aber das Licht ist auch nicht das Ende des Schreckens. Die Welt ist herrlich – die Welt ist schrecklich.

– 2. Satz aus der Triosonate Nr. 6 G-Dur für Orgel von J.S. Bach –


III.

Es gibt eine Variante der Geschichte von den Königen, in der es nicht drei, sondern vier sind, die dem Stern folgen. Während drei der Reisenden unbeirrt dem Stern und damit ihrem Ziel folgen, lässt sich der vierte immer wieder ablenken. Seine Aufmerksamkeit wird gefangen von einem verwundeten Kind, einer verschuldeten Familie, den Männern eines eroberten Dorfes, die in die Sklaverei geführt werden sollen. Schließlich nimmt er den Platz eines Galeerensklaven ein und verschafft ihm so die Freiheit. Darüber verliert er den Stern aus den Augen. Als nach langen Jahren Freigelassener sieht er ihn im Traum wieder und hört eine Stimme: „Eil dich, eile!“ Er steht auf, findet sich in einer großen Menge von Menschen wieder, die dasselbe Ziel zu haben scheinen wie er, und sieht den Stern ein letztes Mal: Über einem Kreuz flammt er auf und verlischt. Der vierte König aber weiß, dass er den gesucht hat, der an diesem Kreuz gerade stirbt, den König der Menschen. Und dass er nie getrennt war von ihm, dass er ihn vielmehr gefunden hat in denen, über die er sich erbarmt und denen er geholfen hat.

IV.
In der romanischen Kathedrale von Autun in Burgund findet sich ein in Stein gehauenes Bild der drei Könige aus dem 12. Jahrhundert. Sie liegen – alle drei mit einer Krone auf dem Haupt – nebeneinander unter einer Decke (die Decke sieht aus wie ein kunstvoll angefertigter runder Eierkuchen) und schlafen. Ein Engel rührt einen königlichen Arm an, der auf der Decke liegt, die Augen des Angerührten sind schon geöffnet, und er kann sehen, dass der Engel ihn auf einen Stern hinweist, der über seinem Kopf steht. Das ist die bildliche Umsetzung des biblischen Satzes: „Und Gott befahl ihnen im Traum, nicht wieder zu Herodes zurückzukehren; und sie zogen auf einem anderen Weg wieder in ihr Land.“ Der Steinmetz, der dieses Relief gemacht hat, muss nicht nur ein fähiger Handwerker, sondern auch ein großer Künstler gewesen sein. Vollkommene Harmonie verbindet sich mit höchster Aufmerksamkeit und äußerster Bestimmtheit. Die Schlafenden werden wissen, was sie tun – und was sie lassen werden. Sie werden nicht verhindern können, dass ein aufgeschreckter König ein unvorstellbares Verbrechen begehen wird. Aber sie werden sich nicht – naiv oder dienstfertig – zu Komplizen des Herodes machen lassen. Und der Stern, den sie im Morgenlande gesehen haben, wird nicht mehr am Himmel über ihnen strahlen, wohl aber in ihnen.

V.
Ein Gedicht von Dorothee Sölle, sie hat es als 32-Jährige geschrieben. Der Titel orientiert sich an den mit Kreide oben auf die Haustür oder den Türrahmen geschriebenen Zeichen, die die Sternsinger hinterlassen nach ihrem Besuch:

19 C + M + B 62

Ich habe nachgedacht darüber
warum sie losgingen
eine beträchtliche unordnung am himmel
eine dreifache lichtquelle
an unvermutetem platz
ein nichtbekannter unter guten bekannten
ist das ein grund zu reisen
auf versandeten straßen
mit faulendem wasser im schlauch
mehrere monate lang
sehen wir ab von höherem
das sie hinanzog vielleicht
davon verstehe ich wenig
dann würde ich es nennen
was sie forttrieb von hause
wo es ihnen gut gegangen sein muß
mit der weltumwälzenden tugend neuerer zeit
als neugier
diese denke ich schickte sie auf ihren weg
sie wollten nachsehen was los ist
eine eingetretene unordnung denkend begradigen
und einer unvermuteten helle
anweisen ihr gesetz ihren sinn ihren platz

Also konstruierten sie
ein verbessertes fernrohr
umsonst
nichts klärte sich auf
nur heller leuchtete ihnen
das ungewohnte
also charterten sie
nicht unvermögende leute
eine beachtliche karawane
dem licht auf die sprünge zu kommen
also verhandelten sie unternahmen kauften besorgten
planten gewitzt und gründlich das wasser und die route
und die zeit der reise die nachts war
um abweichungen vom plan
verursacht durch den nicht ganz berechenbaren
lauf des sterns schnell korrigieren zu können
also begaben sie sich
auf den mühseligen weg der erforschung
unbekannter unordnung
in die Welt gekommen
mittels licht

Gelang es den stern zu erklären
gingen sie nach hause
im bewußtsein größerer ordnung
reisen sie noch
den planlosen verwirrungen
himmels und der erden nach
haben sie die unvermutete helle
dem gewöhnlichen zwielicht angepasst
oder bestand da die möglichkeit
daß sie sich anpassten
dem erstaunlichen licht
ließ es sich benutzen wozu
sahen sie mehr angekommen
und dies vor allem
veränderten sich
die es sahen
die berichte sind karg und
anhaltspunkte nur dürftig
aber gesetzt das letztere wäre der fall
ich würde die reisenden loben
mich ihrer freuen und
so es noch leuchtet das ungewöhnliche licht
ansehen lange und öfters
um ihretwillen
mit der dringlichen hoffnung
auf veränderung

(Dorothee Sölle, in: Meditationen und Gebrauchstexte, Berlin 1969: Fietkau Verlag, 30.)


VI.

Und schließlich: eine kleine Verfremdung der Geschichte von den Heiligen Drei Königen, die der Schweizer Schriftstellers Adolf Muschg gemacht hat. Sie findet sich in einem größeren Text, einer 1981 irgendwo in Deutschland gehaltenen Predigt mit dem Titel: „Geschichtenweihnacht“.

Als die drei Könige, von ihren Gaben entlastet, wieder aus dem Stall traten, hielt Kaspar erschrocken inne.
Der Stern, sagte er.
Was ist mit ihm? fragte Melchior.
Er ist weitergezogen! sagte Kaspar.
Hast du jemals einen Stern stillstehen sehen? fragte Balthasar.


Ja, der Stern ist weitergezogen. Auch jener Herrnhuter Stern, der leuchtend gelb in diesem Dom strahlt, wird zwar noch eine Weile zu sehen sein – während der in diesem Jahr ungewöhnlich langen Epiphaniaszeit –, aber dann wird er doch abgenommen werden, und etwas anderes beginnt. Wir aber haben den Stern gesehen, der der Welt ein’ neuen Schein gibt. Da wir ihn haben über uns ziehen und in uns leuchten sehen, wird es anders sein, als wenn es ihn nicht gäbe. Sei uns willkommen, schöner Stern.

Amen



Tagesgebet:

Jesus Christus, Gottes Kind, Licht der Völker,
du bist unter uns erschienen:
der Morgenstern am nächtlichen Himmel,
ein Licht gegen die Verblendung,
ein heller Schein in unseren Herzen.
Auf deinem Angesicht liegt die Herrlichkeit Gottes.
Lass dich finden von uns überall, wo du erscheinst.
So werden wir mit vielen anderen entdecken,
wie freundlich du uns bist. Amen


Fürbitten:

Gott, der du uns ins Herz gegeben bist als ein heller Schein,
wir bitten dich für alle, die bedrängt sind von Not und Leid, von Mangel, Hass, Schrecken oder Furcht,
für die, denen bange ist vor der Zukunft, vor unbestimmter Bedrohung, vor Menschen, die ihnen Böses wollen.
Wir bitten dich für alle, die verfolgt werden von Unheil, von Schuld und Verderben, von den Folgen des eigenen Verhaltens, von der Dunkelheit in ihrer Seele,
für die um ihres Geschlechtes, ihrer Herkunft, ihrer Rasse oder ihrer Gesinnung willen Unterdrückten, die Gedemütigten, die Ausgebeuteten, die Opfer von Willkür und Gewalt:
Lass den hellen Morgenstern aufgehen in ihnen,
sein Licht überwinde die Angst und stärke ihre Herzen.
Erwecke den Willen zum Leben in allen, die von Resignation bedroht sind, und lass sie an die Quellen ihres Widerstandes gelangen.
Du willst nicht, dass Menschen zu Opfern der Zeit und der Umstände werden.
So hilf uns und allen, die sich nach dir sehnen, Gott, zu deiner belebenden, befreienden, erhellenden Gegenwart.
Deine Herrlichkeit gehe auf über uns und allen Menschen.

Vater unser im Himmel …

 

 


Pastor Klaus Eulenberger, Horneburg

Predigt am 9. Januar 2011 im Dom zu Ratzeburg