Gottesdienst am Sonntag Okuli, 27. März 2011
im Dom zu Ratzeburg
– Markus 12, 41-44 –
 


Liebe Gemeinde!
 

Okuli heißt dieser dritte Sonntag in der Passionszeit, nach dem lateinischen Wort für Augen. Es findet sich im Psalm 25: „Meine Augen sehen stets auf den Herrn“, Oculi mei semper ad Dominum. So singt es der Chor beim Einzug in die Kirche am Beginn der katholischen Messe an diesem 3. Fastensonntag. Die Augen erscheinen aber auch im Psalm dieses Tages, den wir am Anfang gesprochen haben: „Die Augen des Herrn merken auf die Gerechten und seine Ohren auf ihr Schreien“ (34,16). Nun also sind es nicht meine Augen, es sind die Augen Gottes. Sie blicken auf eine Frau in einem der Vorhöfe des Tempels in Jerusalem. Mit den Augen Jesu sieht Gott diese Frau an, die eine Witwe ist. Und so lautet ihre Geschichte im 12. Kapitel des Evangeliums nach Markus:

(Lesung des Predigttextes Mk 12,41-44)

Die kleine Szene enthält einiges an Verwirrungspotential. Was wird aus dieser Frau, so fragen wir beunruhigt: Wovon wird sie sich an diesem Tag ernähren, wenn es denn wahr ist, dass sie alles, was sie zum Leben hatte, weggegeben hat? Und warum wird sie gerade für dieses Verhalten gepriesen, das doch nur dazu führen kann, dass sie nun ihrerseits betteln gehen muss? Vielleicht hätten die beiden kleinen Münzen gereicht, dass sie sich ein wenig Mehl gekauft hätte, um daraus einen Brotfladen zu backen: das tägliche Brot für diesen Tag. – Und wenn wir in die Bücher schauen, die uns über den Bau und die Ausstattung des herodianischen Tempels informieren, dann vermehrt sich unsere Verwirrung, ja, sie könnte zum Unwillen werden. Wir erfahren nämlich, dass das, was Martin Luther als Gotteskasten bezeichnet hat, in Wahrheit das Versorgungssystem für eine regelrechte Schatzkammer war. Sie bestand aus Vorratsräumen für Wein, Brandopferholz oder Öl, aber auch aus „regelrechten Tresoren für Geld, Edelmetalle und andere Kostbarkeiten“ (
nach Strack-Billerbeck, Kommentar zum NT II). Und diese Schatzkammer wurde gefüllt durch das, was die Besucher des Tempels an Opfern brachten. In einer Säulenhalle „standen dreizehn Opferstöcke, die ‚Posaunen‘ genannt wurden, weil sie so geformt waren: oben eng und unten weit, um diebische Eingriffe zu verhindern. Also überdimensionale Opferbüchsen … Man hatte den diensttuenden Priestern mitzuteilen, wie viel und für welchen Zweck man opferte, und so erfuhren denn auch die Umstehenden die Höhe der Gabe …“ (Predigtstudien III/1, 1992, 202).

Nun sind wir genauer im Bild über den Ort und die Stelle. Nun aber fragen wir auch: Ist denn dieser im Überfluss prangende Tempel auf die Gaben der Armen angewiesen? Kommt der Reichtum des Zentralheiligtums etwa so zustande, dass die Menschen ausgeplündert werden, die ohnehin nichts haben? Offenbart sich die Religion hier etwa in einer Bedeutung, die viele ihr seit langem unterstellen: dass es ihr in Wahrheit nicht um die Befreiung der Menschen oder auch nur um Hilfe für sie gehe, sondern dass sie dazu diene, die Gläubigen auszupressen?

Vielleicht enthält die kleine Szene so viel an verwirrenden, ja empörenden Einzelheiten, damit wir es uns mit ihr nicht zu leicht machen. Damit wir nicht zu dem flinken Schluss kommen: Hier macht das Evangelium uns die Opferwilligen zum Vorbild; wir sollen bereit sein zu geben, selbst wenn es nur wenig ist. Eine solche Deutung greift ganz offenkundig zu kurz. Also müssen wir weitersehen und weiter fragen. Übrigens werden wir geradezu genötigt dazu, weil der Tempel, in dessen Vorhof diese Szene sich zuträgt, schon in Trümmern liegt und weil das zu unserer Geschichte dazugehört: Wir wissen nicht nur, dass er im Jahre 70 nach Christus durch römische Truppen zerstört wurde, sondern wir sehen gerade diese Zerstörung schon voraus, wenn wir jetzt mit Jesus und seinen Jüngern auf dem Jerusalemer Tempelberg sind. Unmittelbar im Anschluss an die Geschichte vom „Scherflein der Witwe“ lesen wir im Markusevangelium: „Und als Jesus aus dem Tempel ging, sprach zu ihm einer seiner Jünger: Meister, siehe, was für Steine und was für Bauten! Und Jesus sprach zu ihm: Siehst du diese großen Bauten? Nicht ein Stein wird auf dem andern bleiben, der nicht zerbrochen werde“ (
Markus 13,1-2). Um den Tempel und seine Schatzkammer also kann es nicht gehen; sie existieren sozusagen schon nicht mehr. Die Geschichte trägt sich nicht zwischen der Witwe und den Priestern zu, sondern zwischen ihr und Gott. Und sie spiegelt sich in den Augen Jesu, mit denen wir sie sehen. Was aber sehen wir?

Wir sehen eine Frau, die ihre letzten Rücklagen hergibt. Es ist wahr: Sie legt „mehr“ in jene Posaune als alle anderen, weil sie alles gibt. Es ist nicht viel, aber es ist das Ganze: alles, was sie zum Leben hatte. Sie wirft es in einen Abgrund, aus dem sie es nicht zurückholen kann. Und obwohl die Schwerkraft die Münzen nach unten zieht, in die Tiefe jenes überdimensionierten Opferstocks, geschieht doch in diesem Augenblick womöglich gerade das, was in der Rede Jesu über irdische und himmlische Schätze so klingt: „Ihr sollt euch nicht Schätze sammeln auf Erden, wo sie die Motten und der Rost fressen und wo die Diebe einbrechen und stehlen. Sammelt euch aber Schätze im Himmel, wo sie weder Motten noch Rost fressen und wo die Diebe nicht einbrechen und stehlen. Denn wo dein Schatz ist, da ist auch dein Herz“ (
Matthäus 6,29-31). Sie, die Witwe, ist weit entfernt von der Möglichkeit, sich Schätze zu sammeln auf Erden. Aber das Wenige, das sie hat – alles –, wird zum Schatz im Himmel. Indem sie ihre ganze Habe fortgibt, liefert sie sich Gott aus und gibt sich ihm in die Hände. Er wird für sie sorgen. Tut er es nicht, ist sie verloren. Aber sie wird nicht verloren sein. Ihr Herz ist bei ihrem Schatz, und das heißt: Sie ist im Herzen Gottes. Sie, die Besitzlose, hat alles – in ihm.

Eine andere Geschichte gesellt sich zu dieser, verzahnt sich mit ihr. Dabei steht sie zu dieser in deutlicher Spannung. Ich meine die von den anvertrauten Zentnern (
Matthäus 25,14-30). Ein Herr, der außer Landes geht, drei Knechte, denen er sein Vermögen anvertraut. Dem einen gibt er fünf Zentner Silber, dem anderen zwei, dem dritten einen, „jedem nach seiner Tüchtigkeit“. Zwei handeln mit dem Geld, das sie bekommen haben, und vermehren es; der dritte vergräbt das Silber, das ihm anvertraut ist, und holt es wieder hervor, als der zurückgekehrte Herr Rechenschaft fordert von den dreien. Wir wissen, dass dieser dritte ein furchtbares Schicksal erleidet: Man nimmt ihm das Geld, das er bloß verwahrt, nicht aber vermehrt hat, und wirft ihn hinaus in die Finsternis. Indem er sicher gehen wollte, hat er alles verloren und geht selbst verloren. Hätte er sich und das ihm Anvertraute zu Markte getragen und hätte in diesem Geschäft verloren: wir sind sicher, dass der zurückkehrende Herr ihn dafür nicht getadelt, seinen Knecht nicht verworfen hätte. Verworfen wird er nicht, weil er das Silber nicht vermehrt, sondern weil er es nicht riskiert hat. Es ist allemal die gleiche Figur, die uns in den Geschichten Jesu begegnet: „Wer sein Leben zu erhalten sucht, der wird es verlieren; und wer es verlieren wird (um meinetwillen), der wird es gewinnen“ (Lukas 17,33;9,24).

Der Erzähler des Gleichnisses (es ist derselbe, der in unserer Szene am Tempel die arme Frau mit den Augen Gottes ansieht) hat sein Leben nicht zu erhalten gesucht, sondern es preisgegeben – wie die Frau ihre letzten Pfennige. Darauf kommen wir am Ende zurück – und stellen so noch eine andere motivische Verknüpfung her.

Inzwischen aber ist ganz deutlich, dass die Geschichte uns nicht in moralischer Absicht erzählt wird. Sie hat es nicht darauf abgesehen, unsere Opferbereitschaft zu stärken und uns das Geld aus der Tasche zu ziehen. Wenn sie das bewirken sollte, wäre es nicht einmal schlecht – und schon gar nicht verkehrt. Aber das ist es nicht, was sie „will“. Was aber will sie?

Zum ersten: Sie bestimmt das Maß neu. Wir sehen – wie Jesus, der mit den Seinen an jener Posaune sitzt – eine Frau, die zwei sehr kleine Münzen hineinwirft. Das ist wenig. Aber die Augen Gottes, mit denen Jesus die Frau ansieht, nehmen wahr, dass sie mehr gegeben hat als alle, die viel hineingetan haben – weil dieses Wenige für diese Frau alles ist. Was also ist viel, was ist wenig? Wenn wir es nicht mehr wissen, weil wir verstanden haben, dass wenig in den Augen Gottes viel, ja alles sein kann, dass viel aber womöglich, so gesehen, wenig ist, dann ist die Geschichte nicht vergeblich erzählt.

Zum zweiten aber: Die Geschichte, die sich an jener großen Posaune zuträgt, ist eine Ermutigung für alle, die aus dem letzten Loch pfeifen. Das tut jene arme Witwe, und es bedarf keiner Erläuterung. Es ist keine Kunst, aus der Fülle der eigenen Möglichkeiten zu schöpfen und damit Gutes zu tun, was immer dieses Gute sein möge. Was wir können, tun wir gerne, wir sind nicht knauserig, und das ist gut so und soll nicht verächtlich gemacht werden. Aber was ist, wenn wir fast nichts haben? Wenn wir von sehr kleinen Vorräten leben – winzigen Vorräten an Geld, an Wissen, an Können, an Liebe, an Energie … – und fürchten müssen, dass es gerade noch für den nächsten Augenblick und höchstens für uns allein reicht? Dann halten wir das Wenige zurück, wir halten uns zurück, wir tauchen ab und hoffen, dass bald bessere Zeiten kommen, wo das gefragt ist, was wir gut können, wovon wir viel haben, womit wir gesegnet sind. Wir meiden, sozusagen, den Tempelbezirk, hüten uns, jenen Posaunen zu nahe zu kommen, wo wir gefragt werden könnten, was und wie viel denn wir hineinlegen wollen; wir pfeifen ja aus dem letzten Loch und haben, buchstäblich, nichts übrig. Es sind die Zeiten, wo wir es schwer haben mit uns; und es bleibt hinzuzufügen, dass wohl auch Gott es schwer hat mit uns.

Was tut die Witwe? Sie wirft das Wenige, was sie hat – und es ist alles; denn es gibt jetzt nichts, worauf sie noch zurückgreifen könnte! –, in den Abgrund jener Posaune. Nein: sie wirft es in den Abgrund, der Gott ist. Und was tut Gott? Die biblische Geschichte erzählt es nicht, oder doch: Sie wäre nicht erzählt worden, wenn sie nicht ihre eigene Fortsetzung in sich enthielte. Sie muss nicht erzählen, „wie es weitergeht“. Gott, in den sich die Frau wirft, wird für sie sorgen. Sie wird, wir wissen es, nicht verloren gehen; denn wenn sie verloren ginge, wäre dies eine zynische Geschichte, und es gibt zwar biblische Geschichten voller Bosheit und Korruption, Tücke und Hass, aber es gibt, glaube ich, keine einzige zynische Geschichte in diesem Buch. – Gott, der Abgrund, in den die Frau sich wirft, verwandelt das Wenige in alles; in ihm wird sie das Leben und volle Genüge haben (
Johannes 10,10). Wir wollen nicht behaupten, dass sie nun in üppigen Verhältnissen leben würde. Aber darauf hat sie es nicht abgesehen, und darauf geht ja auch unser Sinnen nicht, wenn wir gerade noch Atemluft haben für jenes letzte Loch. Wir haben ja nur die dringliche Hoffnung, dass das, was wir in diesem Augenblick von uns geben, genügt, um uns mit dem Lebensnotwendigen zu versorgen. Dass unsere Stimme nicht verhallt, sondern gehört wird. Dass die letzten Körner, die wir in die Erde werfen, zugrunde gehen, um Halm, Ähre und Weizen hervorzubringen, woraus unser tägliches Brot werden kann. Im Augenblick der größten Bedrängnis können wir festhalten, was wir haben, und damit und daran zugrunde gehen; oder wir können es in den Abgrund werfen, der Gott ist, und uns darauf verlassen, dass dort heranwächst, was wir brauchen. „Wohl euch, die ihr arm seid: Euch gehört Gottes Reich“ (Lukas 6,20, in der Übersetzung von Walter Jens).

Nun aber, zum Schluss, die schon angekündigte Verknüpfung zwischen der biblischen Szene und dem Menschen, der sie mit den Augen Gottes wahrnimmt, Jesus. So, wie wir ihn kennen, hätten wir uns vorstellen können, dass er am Ende zu seinen Jüngern – oder zu anderen Menschen in seiner Nähe – sagte: Nun geht hin und tut desgleichen; macht es wie diese Witwe. (So, wie er es am Ende des Gleichnisses vom barmherzigen Samariter gesagt hat.) Aber er sagt es nicht, hier nicht. Noch einmal ein Hinweis darauf, dass diese Geschichte nicht um irgendeiner Moral willen erzählt ist? Gut möglich. Möglich ist aber auch etwas anderes. Der Fortgang des Evangeliums lässt uns wissen, dass Jesus selbst tut, was er bei jener Frau gesehen hat. Sie gibt alles, was sie hat; er wird alles geben, was er hat, ja sich selbst wird er geben. Noch ein Kapitel, ein Augenblick trennt ihn vom Beginn der Passion. Wir können uns vorstellen, dass er aufsteht von dem Platz im Vorhof des Tempels, wo er der Schatzkammer gegenüber saß, und sagt: Ich gehe hin und tue desgleichen.

Nie werden wir wirklich verstanden haben, was er tut und warum er es tut und was damit in die Welt gekommen ist, dass er nicht auf sich besteht, sondern sich hingibt. Wir verstehen nur, dass es etwas ist, was uns von uns selbst erlöst – oder sagen wir vorsichtiger: erlösen kann. Wir verstehen, dass wir angesehen sind von Gott und bei Gott, dass das Wenige vor ihm zählt, das wir haben und sind, und dass es nicht allein auf uns ankommt: Was wir anfangen, wird an anderer Stelle vollendet. Er, der die Menschen und das Menschliche mit den Augen Gottes sieht, hat sich in den Abgrund geworfen, der Gott ist. Und er ist verwandelt daraus hervorgegangen: der Getötete als einer, der den Tod getötet hat. Und das ist, mitten in der Passionszeit, doch wohl ein Signal, das entlastet und erleichtert. Habt keine Angst um euch, und vertraut das Wenige, das ihr habt, Gott an, der es zum Schatz im Himmel machen wird. Noch einmal erscheinen die Augen, die oculi, in jenem Psalm, und nun sind es die Augen, die auf Gott schauen: „Die auf ihn sehen, werden strahlen vor Freude, und ihr Angesicht soll nicht schamrot werden“ (
Psalm 34,6).

Amen


Tagesgebet:

Jesus Christus, Menschenbruder, Herr und Erlöser:
du hast dein Leben dahingegeben in den Tod,
wir aber sinnen darauf, unser Leben festzuhalten und zu hüten, was wir noch haben.
Nimm uns mit auf deinen Weg,
dass wir mit dir das wahre Leben finden.
Das bitten wir dich und singen:
Amen

Fürbitten:

Gott, deine Geschöpfe sind erschöpflich, und du weißt es.
Wir leben nicht von unseren Vorräten, sondern aus deiner Güte.
Was wir haben, kann uns zwischen den Fingern zerrinnen,
und wir stehen mit leeren Händen da.
So geht es vielen in diesen Tagen, und wir denken an sie
und vertrauen sie deiner Güte an, Gott:
sie, die alles verloren haben, Menschen, Haus und Besitz,
und nicht wissen, ob sie noch eine Zukunft haben.
Wenn es uns so ergeht, dann mach uns kühn und vertrauensvoll genug, uns in dich hineinzuwerfen und alles von dir zu erwarten, der du die Quelle des Lebens bist.
Wir bitten dich für uns und alle, die angewiesen sind auf dich: dass du deine Hand öffnest und uns sättigst nach deinem Wohlgefallen.
Wir bitten dich für alle, die dich fern glauben,
weil sie nicht geliebt sind oder nicht lieben können,
für alle, die dich nicht sehen, weil sie in Schmerz und Trauer gefangen sind
oder nur noch an sich selbst denken können:
Sieh sie an mit den Augen deiner Liebe, lass sie sich finden in deinem Angesicht.
Wir bitten dich um Zukunft und Leben für alle,
die nicht gesehen werden und nicht angesehen sind.
Gott, Grund und Abgrund des Lebens:
Lass uns, wenn wir den Boden unter den Füßen verlieren,
den Mut gewinnen für den Sprung in die Tiefe, in dich, die unergründliche Liebe.
Wenn wir unser Leben verlieren, dann lass es uns neu finden in dir.

Amen
 

 


Pastor i. R. Klaus Eulenberger, Horneburg

Predigt am 27. März 2011 im Dom zu Ratzeburg