Gottesdienst am Pfingstsonntag, 12. Juni 2011
im Dom zu Ratzeburg
– Johannes 16, 5-15 –
 


Liebe Gemeinde!

I.
Als Jakob, der Patriarch, seinen Tod kommen sieht, ruft er seine Söhne zu sich, zuerst Josef, dann alle anderen der Zwölf. Er segnet sie nacheinander und trägt ihnen auf, seinen Leichnam in Kanaan zu begraben, bei seinen Vätern. „Und als Jakob dies Gebot an seine Söhne vollendet hatte, tat er seine Füße zusammen auf dem Bett und verschied.“ So ist es erzählt am Ende des Buches Genesis. Ein alter Mann bestellt sein Haus, danach wird er versammelt zu seinen Vätern.
Als Jesus, der Rabbi, der Lehrer und Meister, seinen Tod kommen sieht, ruft er seine Jünger zu sich, alle Zwölf. Er isst mit ihnen, wäscht ihnen die Füße und hebt zu einer langen Rede an. Er trägt ihnen auf, sich untereinander zu lieben, wie er sie geliebt habe. Anders als Jakob, der Patriarch, bereitet er sie ausdrücklich darauf vor, dass er bald nicht mehr unter ihnen sein wird. Er sieht ihre Traurigkeit, und er eröffnet ihnen eine Zukunft, die sie für sich allein nicht mehr sehen. Ein Abschnitt aus seiner Abschiedsrede im Johannesevangelium lautet so: (Lesung des Predigttextes)

Peter Sloterdijk, der Karlsruher Philosoph, hat eine unausweichliche – also alle menschlichen Wesen betreffende – Situation der Existenz beschrieben, wenn er sagt: „Der menschliche Raum entsteht durch die Impfung mit dem Tod.“ Impfung ist jener nicht risikofreie Vorgang, bei dem ein abgeschwächter Krankheitserreger in einen Körper eingebracht wird, der daraufhin in der Regel Antikörper gegen diesen Erreger bildet. Das heißt: Was eine Krankheit verursacht, wird – um das Schlimmste seiner Potenz gebracht – dem Organismus zugemutet, damit der die Fähigkeit gewinnt, dem Erreger gegenüber immun zu werden. In diesem Sinn ist die Impfung mit dem Tod die Voraussetzung dafür, dass Menschen den Tod – den Tod anderer nämlich – überleben. Sloterdijk sagt: „Individuum wird, wer durch das Verschwinden unersetzlicher Anderer gezeichnet ist.“ Dass sie unersetzlich sind, ändert nichts daran, dass man von ihnen verlassen wird – es sei denn, man stürbe selbst als kleines Kind und würde so seinerseits zu einem unersetzlichen Anderen, dessen Verschwinden die Lebenden verwinden müssen. Unersetzliche Andere sind Menschen, ohne die das Leben nicht geht (Sloterdijk nennt sie auch die wichtigsten Ergänzer), die nicht durch andere vertreten werden können und ohne die es dann doch gehen muss, im Fall ihres Todes nämlich.

Jesus, der sich von den Seinen verabschiedet, ist ein unersetzlicher Anderer für sie.
 

II.
Solange er bei ihnen war, gab es – dem Johannesevangelium zufolge – ein bleibendes Kennzeichen ihres Zusammenseins: den Abstand zwischen dem, was sie hätten verstehen sollen, und dem, was sie verstehen konnten. Auch in den anderen Evangelien erscheint das Motiv Unverständnis der Jünger; bei Johannes wird es auf die Spitze getrieben. Sie waren von Anfang an bei ihm, sagt Jesus (15,27), und sind doch hinter ihm zurückgeblieben; sie verstehen ihn nicht einmal jetzt, am Ende seines irdischen Weges. Solange er bei ihnen war, hat er ihnen nicht alles gesagt (16,4); es klingt so, als habe er ihnen nicht alles sagen, sie schonen wollen. Jetzt, am Ende ihres gemeinsamen Weges, hätte er ihnen noch viel zu sagen, aber sie würden es nicht ertragen, sagt er. Und er kündigt an: Wenn er selbst fort ist, wird ein anderer zu ihnen kommen und sie in alle Wahrheit leiten. Es klingt leicht resigniert und fast so, als wolle er sagen: Ich habe es versucht, aber ich bin mit euch nicht weit gekommen; jener andere, der Geist der Wahrheit, wird es hoffentlich vollenden. Gewiss ist das als Trost gemeint – ausdrücklich wird der Geist ja als Tröster bezeichnet –, aber es hat doch auch etwas Zweifelndes: Werden sie das, was zu verstehen ist, wirklich einmal ganz und gar verstehen? Muss man nicht annehmen, dass es auch in der Zukunft so sein wird, wie es in der Vergangenheit war? Dass sie also nie alles verstehen werden: die Jünger nicht und nicht die Späteren, die sich die Seinen nennen werden?

III.
Manchmal ist ein Text klüger als sein Autor; er „weiß“ mehr, als dieser wissen konnte. Vielleicht lässt sich diese Beobachtung auch auf den Text anwenden, den die Abschiedsreden Jesu im Johannesevangelium darstellen. Der Autor – und nun meine ich nicht Jesus, der auf seinen Tod zugeht, ich meine den Evangelisten, der Jesus so sprechen lässt –, der Autor erklärt: „Ich habe euch noch viel zu sagen; aber ihr könnt es jetzt nicht ertragen. Wenn aber … der Geist der Wahrheit kommen wird, wird er euch in alle Wahrheit leiten.“ Der Text, der darunter liegt, sagt womöglich doch etwas anderes, und es könnte sein, dass er mehr weiß. Womöglich sagt er: Alle Wahrheit, das gibt es für Menschen nicht. Nicht nur diese Jünger haben wenig verstanden in der Zeit, in der sie mit Jesus, dem Rabbi, zusammen gewandert sind; nicht nur ihnen war die ganze Wahrheit nicht zugänglich. Bruchstücke der Wahrheit haben sie gefunden, sie haben angefangen zu verstehen, dass dieser Mensch Gottes der Weg, die Wahrheit und das Leben ist. Einmal, als viele sich von ihm abwandten und er die Zwölf gefragt hat: „Wollt ihr auch weggehen?“, hat Petrus für alle geantwortet: „Herr, wohin sollen wir gehen? Du hast Worte des ewigen Lebens“ (6,67f) und damit wohl gemeint: Das wahre Leben finden wir bei dir; alles andere wäre weniger, und warum sollten wir uns für etwas Geringeres entscheiden, wenn wir in dir das Größere haben? So weit also sind sie gekommen in seiner Nähe, und das ist nicht wenig. Die Fragen, die sie ihm manchmal stellen – Fragen, die den Eindruck vermitteln, dass sie wie mit Blindheit geschlagen sind –, diese Fragen zeigen, dass sie weit davon entfernt sind, die ganze Wahrheit zu begreifen. Es steht zu erwarten, dass auch jener Geist, der der Tröster genannt wird, daran nichts ändern wird. Was die Vergangenheit bestimmt hat, wird wohl auch die Zukunft prägen. Über das Erkennen von Fragmenten werden sie nicht hinauskommen. Nie wird es so sein, dass sie in alle Wahrheit geleitet sind. Und das gilt wohl für alle, die zu irgendeiner Zeit vom Geist der Wahrheit angesprochen werden. Wer unter den sterblichen Menschen könnte verstehen, was Gott, der Ewige, ist und meint und tut? Wer könnte von sich sagen: Ich erkenne, wie ich (von Gott) erkannt bin?
Gotthold Ephraim Lessing, der Wolfenbütteler Bibliothekar und Dramatiker, schrieb 1778, in der Zeit der Aufklärung, die folgenden Sätze: „Nicht die Wahrheit, in deren Besitz irgend ein Mensch ist oder zu sein vermeinet, sondern die aufrichtige Mühe, die er angewandt hat, hinter die Wahrheit zu kommen, macht den Werth des Menschen. Denn nicht durch den Besitz, sondern durch die Nachforschung der Wahrheit erweitern sich seine Kräfte, worin allein seine immer wachsende Vollkommenheit besteht. Der Besitz macht ruhig, träge, stolz. –“ Und dann, worauf es mir hier vor allem ankommt: „Wenn Gott in seiner Rechten alle Wahrheit und in seiner Linken den einzigen immer regen Trieb nach Wahrheit, obschon mit dem Zusatze, mich immer und ewig zu irren, verschlossen hielte und spräche zu mir: ‚Wähle!‘, ich fiele ihm mit Demuth in seine Linke und sagte: ‚Vater, gieb! Die reine Wahrheit ist ja doch nur für dich allein!‘“

So gesehen, ist es kein Mangel – wenigstens keiner, der uns unglücklich machen müsste –, dass kein Geist uns in alle Wahrheit leiten wird; es ist unser Teil, weil wir Menschen sind. Unser Wissen ist Stückwerk, sagt Paulus (1 Kor 13,9), der dieses Bewusstsein mit jenem Text teilt, der klüger ist als sein Autor. Aber der Geist, den der fortgehende Jesus den Seinen verspricht, wird ja auch der Tröster genannt. Der Trost, den er vermittelt, liegt darin, dass wir mit der bruchstückhaften Erkenntnis, die uns als Menschen zuteil wird, leben, vielleicht auch sterben können. Wer sich so trösten ließe, würde den Glauben nicht so sehr als feste Gewissheit bestimmen, sondern als die Kraft, die den Mut verleiht, „als Fragment zu leben und leben zu können.“

IV.
Paulus, der schon Genannte, weiß den Grund, warum das genügt, was wir verstehen und sagen können. Es ist nicht viel, sagt er denen, die meinen, alle Erkenntnis zu haben. In Wahrheit, so schreibt er an sie, die zu wissen glauben, wie man betet, in Wahrheit „wissen wir nicht, was wir beten sollen, wie sich’s gebührt“. Aber „der Geist selbst vertritt uns mit unaussprechlichem Seufzen“, und damit hilft er unsrer Schwachheit auf. Ein Kreislauf kommt in Gang: Menschen beten zu Gott, vielleicht ist es nur ein Stammeln, ein Weinen, ein wortloses Sich-Auswerfen, ein Seufzen … Der Geist, der die Signale empfängt, gibt sie weiter an Gott, der sie zu lesen weiß: Gott versteht, worauf der Sinn des Geistes gerichtet ist. Und damit ist er uns näher, als wir uns selbst nahe sein können.

V.
An unerwarteter Stelle bringen sich Bilder wie diese in Erinnerung, wenn wir hören oder lesen, was Menschen auf dem Weg in die Demenz bewegt. Der österreichische Schriftsteller Arno Geiger hat ein Buch über seinen alzheimerkranken Vater geschrieben: „Der alte König in seinem Exil.“ Verwundert stellt der Achtzigjährige in seinen hellen Momenten („wenn die Krankheit die Krallen einzieht“) fest, wie wenig ihm von seinen früheren Fähigkeiten und von ihm selbst geblieben sei. In seiner großen Erzählung hat Arno Geiger die Äußerungen des oft „abwesenden“ Vaters und die Dialoge mit ihm minutiös wiedergegeben. Seine Erinnerungen sind lückenhaft und verlieren sich manchmal im Nichts. Hin und wieder sagt der alte Mann etwas wie: „Ich bin nichts mehr …“ Aber wenn er kurze, oft geheimnisvolle Sätze bildet, geht es dem Sohn beim Zuhören so, wie er es notiert: „Ich fühlte mich in Berührung mit dem magischen Potential der Wörter“. „Aus zukünftig machte er kuhzünftig, das Ende des Lateins, das ich bekundete, konterte er, er selber befinde sich nicht am Ende des Lateins, sondern am Ende des Daseins. Dabei betonte er die Wörter so, dass die lautliche Verwandtschaft unüberhörbar war … Wenn ihm ein Wort nicht einfiel, sagte er: »Ich weiß nicht, wie ich es taufen soll.«“ Gefragt, wie es ihm heute gehe, antwortet er: »Mir geht es meiner Beurteilung nach gut. Ich bin jetzt ein älterer Mann, jetzt muss ich machen, was mir gefällt, und schauen, was dabei herauskommt.« »Und was willst du machen, Papa?« fragt der Sohn. »Nichts eben. Das ist das Schönste, weißt du. Das muss man können.« In der Pflegestation des Heims, in das die überforderten Kinder den Vater schließlich gebracht haben, wird Arno Geiger Zeuge einer Begegnung: „Der Vater saß am Tisch eines Mitbewohners, den er wenige Tage zuvor gefragt hatte: »Und wer bist du?« »Ich bin der Ferde«, hatte der Mann gesagt. Worauf der Vater gegrinst und geantwortet hatte: »Ich glaube eher, du bist ein Pferdle.« Die beiden unterhielten sich lange. Mit Staunen und Freude stellte ich fest, dass das, was sie zustande brachten, ein gutes Gespräch war, jeder am Gegenüber interessiert, wenn auch mit Einschränkungen aufgrund der jeweiligen krankheitsbedingten Unzulänglichkeiten. Ferde sagte, er sei oben bei Petrus gewesen, dort sei es sehr schön, die hätten lauter neue Wohnungen. Der Vater antwortete: »Das ist nicht das, was mir vorschwebt, ich würde lieber ein wenig spazieren gehen und schauen, ob ich jemanden treffe, mit dem ich reden kann.« Ferde: »Das geht dort oben natürlich nicht.« (…) Vater: »Ich würde lieber noch ein wenig – schnattern. Weißt du, ich kann keine Wege mehr bahnen. Aber ich kann hierhin und dorthin, da kannst du manches sehen und aufschnappen.«“ – „Oft ist es“, resümiert der Sohn, „als wisse er nichts und verstehe alles.“
 
Vielleicht sind ja gerade diejenigen, die von sich sagen, sie seien zu nichts mehr zu gebrauchen, der Erfahrung jenes Geistes ganz nahe, der uns in alle Wahrheit leiten wird. Arno Geiger, der sich selbst als nicht gläubig bezeichnet, kann dennoch viel mit dem anfangen, was er im Tagebuch des achtzigjährigen Julien Green gelesen hat: „dass er kein Problem damit habe, Fähigkeiten zu verlieren und sterben zu müssen. Gott nehme den Schwamm und lösche, was auf der Tafel geschrieben stehe, wieder aus, um seinen eigenen Namen draufzuschreiben.“ Am Ende also: Gottes eigener Name auf der Tafel. Auf diesen Augenblick gehen wir zu, und auf dem Weg dorthin wird der pfingstliche Geist uns wieder und wieder beleben.

Amen
 

 


Pastor i. R. Klaus Eulenberger, Horneburg

Predigt am Pfingstsonntag, 12. Juni 2011 im Dom zu Ratzeburg