Liebe Gemeinde!
Der Herr sprach zu Abraham: „Geh aus
deinem Vaterland und von deiner Verwandtschaft und aus deines Vaters
Hause in ein Land, das ich dir zeigen will. Und ich will dich zum
großen Volk machen und will dich segnen und dir einen großen Namen
machen, und du sollst ein Segen sein. Ich will segnen, die dich
segnen, und verfluchen, die dich verfluchen; und in dir sollen
gesegnet werden alle Geschlechter auf Erden.“
(1. Mose 12, 1 - 3)
Liebe Gemeinde!
Der Segen ist in einem Gottesdienst unverzichtbar.
Ich möchte nicht die einzelnen Bestandteile eines Gottesdienstes
einem Ranking unterziehen: Das kann man weglassen, das geht so, das
ist wichtig. Bei einer solchen Bewertung gäbe es wahrscheinlich
keine vollständige Übereinstimmung zwischen uns allen. Aber dass
jemand hier ist, der von sich sagen würde: „Auf den Segen kann ich
gern verzichten“ - das kann ich mir nicht vorstellen.
* Was wäre eine Trauung ohne die Segnung des Brautpaares?
* Was wäre eine Taufe ohne den Segen für den Täufling?
* Was eine Konfirmation ohne die Einsegnung der Jugendlichen?
* Eine Beerdigung ohne Aussegnung?
* Was wäre ein Gottesdienst ohne den Segen am Schluss?
Nichts von dem, was sonst im Gottesdienst geschieht, ist
ausschließlich hier zu Hause:
Singen kann man überall. Beten oder Meditieren kann man im Sessel
oder im Wald. Lesungen bekommt man auch im Radio geboten.
Inhaltsschwere oder Inhaltsarme Reden hört man im Bundestag oder bei
der Mitgliederversammlung eines Vereines.
Einzig den Segen gibt es nur hier. Der Segen ist - mit einem
modernen Wort gesagt - unser Alleinstellungsmerkmal.
Im Hamburger Abendblatt las man vor 14 Tagen ein Erlebnis von Pastor
Lohse. Er ist Pilgerpastor in Hamburg.
Er wandert abends mit einer Pilgergruppe von St. Jacobi zur St.
Gertrudkirche. An der Außenalster, Höhe Schwanenwik, kommt ein
Jugendlicher auf ihn zu und fragt: Sind Sie Christen? Pastor Lohse
nickt. Können Sie dann für Josephine etwas singen? Er erklärt seine
Frage. Josephine gehe für ein Jahr nach Indien, und sie feiere ihren
Abschied mit Freunden an der Alster. Der Pastor geht zu Josephine;
sie erzählt ihm von ihren Gefühlen: Freude und Angst, Aufregung und
Neugier. Er bietet ihr an, einen Reisesegen zu sprechen. Sie freut
sich darüber.
Und jetzt wörtlich: „Als ich sie segnete, stellten ein paar junge
Männer ihre Bierflaschen ab, andere kamen näher. „Gott bleibe in
deiner Nähe, wo immer du sein wirst, Gott passe gut auf dich auf,
nichts Böses möge dir geschehen. Amen“ So schloss ich mein
Segensgebet. Als wir das Vaterunser anstimmten, murmelten viele mit.
Und dann sangen wir Pilger für Josephine „Geh aus mein Herz und
suche Freud“. Und da blieben nicht viele Augen trocken.“
Liebe Gemeinde: Was ist da passiert?
An warmen Sommerabenden sitzen viele Gruppen am Ufer der
Außenalster, mit und ohne Bier. Dass Menschen, die erkennbar als
Christen dort längs gehen, um ein Lied gebeten werden, ist höchst
ungewöhnlich. Aber wenn das denn geschieht, und wenn dabei ein Segen
gesprochen wird, dann ist selbst im säkularen Hamburg zu erwarten,
dass diese Handlung nicht gestört wird, sondern dass man irgendwie
andächtig daran teilnimmt. Ich bin sicher: Hätte der Pastor seine
Bibel aufgeschlagen und ein Stück daraus vorgelesen oder hätte er
Kyrie eleison gesungen, hätten ihm wahrscheinlich einige zugerufen:
Hör auf, Alter!
Beim Segen nicht. Da stellt man die Bierflaschen zur Seite, schweigt
und lässt sich innerlich anrühren.
Der Predigttext ist nicht irgendein Stück aus der hebräischen Bibel,
sondern er ist die Überschrift der Erzväter-Geschichte, der
Geschichte also, die von Abraham, Isaak und Jakob handelt und mit
der Erzählung von Josef in Ägypten endet.
Diese 38 Kapitel des 1. Mosebuches bilden das Fundament der gesamten
Geschichte Israels. Mit Abraham fängt alles an. Und am Anfang dieses
Anfangs steht der Satz: Ich will dich segnen, und du sollst ein
Segen sein.
Gott will einem einzelnen Menschen seinen Segen erteilen, und dieser
Einzelne soll ihn weitergeben. Was heißt das?
Es heißt zuallererst: Es geht bei diesem Segen nicht um magische
Kräfte. Da wird nichts von Magiern gezaubert, nichts von Priestern
beschworen, nichts durch Mitglieder eines geheimen Bundes geraunt
und gebraut. Da spricht Gott einen Menschen an und sagt ihm seinen
Beistand, seinen Schutz, seine Nähe - kurz: seinen Segen zu. Dieser
Segen wird ab jetzt im Leben dieses einen Menschen und seiner
Nachkommen wirksam.
Weil nicht Abraham die Geschichte seines Lebens aufgeschrieben hat,
sondern spätere Generationen, bedeutet das: Gottes Beistand, sein
Schutz, seine Nähe, Gottes Segen ist erkennbar in der Geschichte des
Volkes Israel. „Ich will dich zu einem großen Volk machen“ - auf
diesen Teil des Segenswortes blicken die Juden zur Zeit Davids und
Salomos voller Stolz zurück. Sie waren nicht mehr versprengte
Hirten, die ihre Herden zwischen Steppe und Kulturland hin- und
hertrieben und sich mit Grundbesitzern um Wasserrechte streiten
mussten. Sie besaßen eigenes Land. Sie waren ein richtiges, ein
großes Volk geworden.
Und später, als es sich gespalteten hatte in ein Nord- und ein
Südreich, als es mehr und mehr zwischen den mächtigen Ägyptern,
Hethitern, Assyrern und Babyloniern zerrieben wurde, später schaute
man sehnsüchtig auf diese großen Zeiten zurück. Doch immer blieb die
Zuversicht: Gottes Segen bleibt bei uns, Gottes Segen geht mit uns.
Unsere Vorfahren waren keine Söhne und Töchter Abrahams. Wir haben
keine direkte, Generationen übergreifende Verbindung zu diesem
Segen. Doch über die Gestalt Jesu von Nazareth, über seine
Vermittlung wagen wir es, diesen Segen auch auf uns zu beziehen.
Durch seine Vermittlung wagen wir es, Kinder zu segnen, wie er es
getan hat; wagen wir es, am Ende des Gottesdiensts uns den Segen
zuzusprechen, der eigentlich nur Aaron (dem Bruder des Mose) und
seinen Nachkommen zu sprechen erlaubt und aufgetragen war: „Der Herr
segne dich und behüte dich; der Herr lasse sein Angesicht leuchten
über dir und sei dir gnädig; der Herr erhebe sein Angesicht auf dich
und gebe dir Frieden.“ Und um deutlich zu machen, dass dies durch
Jesu Vermittlung geschieht und nur in seinem Namen möglich ist,
darum schlagen wir am Endes dieses Segens das Kreuz.
Es mag sein, dass Ihr das Wort „wagen“ als übertrieben empfindet. Wo
liegt denn da ein Wagnis, wenn Pastoren tausendfach diese Worte
sprechen? Ist das nicht Routine, eingeübt und wiederholt wie das
Kyrie eleison?
Für mich nicht. Um bei diesem Beispiel zu bleiben: Beim Kyrie wende
ich mich als Bittender an Gott. Das kann jeder. „Herr, erbarme dich“
zu rufen geht immer und macht immer Sinn. Im Anschluss an den
Aaronitischen Segen aber heißt es im 4. Mosebuch: Ihr sollt meinen
Namen auf die Israeliten legen, dass ich sie segne. Das heißt: Wer
einen Segen spricht, ist sozusagen der Mund Gottes. Wer einen Segen
spricht, legt Gottes Namen auf den oder auf die Menschen, damit Gott
sie segnet.
Ich habe in meinem Leben schon vieles gedankenlos so dahingesagt.
Ich bin aber ganz sicher, dass ich noch niemals gedankenlos einen
Segen gesprochen habe. Privat kann ich was vom Pferd erzählen. Beim
Segen aber spricht Gott durch mich. Größeres als Gottes Schutz und
Gottes Beistand, Wertvolleres als seine Nähe, Teureres als sein
Segen gibt es nicht. Wer bin ich, dass ich so etwas zusagen darf?
Darum sage ich: Ich muss es wagen, mich darauf einzulassen.
Um der guten Ordnung willen ist es bei uns den Pastorinnen und
Pastoren vorbehalten, bei Gottesdiensten und Amtshandlungen den
Segen zu erteilen. Aber das allgemeine Priestertum aller Gläubigen
schließt mit der allergrößten Selbstverständlichkeit auch den Segen
ein. Nichts spricht dagegen und alles spricht dafür, dass Eltern
ihren Kindern vor einem wichtigen Ereignis die Hände auf den Kopf
legen und dabei sagen: Gott segne dich!
Nichts spricht dagegen und alles spricht dafür, dass Eltern einem
Kind vorm Einschlafen ein Kreuz auf die Stirn zeichnen. Oder dass
Angehörige dies bei einem Kranken tun oder bei einem Sterbenden. Das
darf und das kann jeder machen. Selbstverständlich hätte der Freund
von Josephine seine Freundin segnen können. Denn wir vertrauen doch
darauf, dass der andere ein von Gott geliebter Mensch ist. Wir
dürfen ihn an Gottes Nähe, Freundlichkeit, Schutz und Liebe erinnern
und sie ihm zusprechen. Wir dürfen den anderen segnen.
Und wenn das alles nur leere Worte sind? Wenn Josephine in Indien
trotz des Segens Böses geschieht?
Ich wiederhole mich: Ein Segen ist keine magische Handlung, kein
religiöser Zauber. Wenn ein Voodoo-Priester keinen Erfolg hat mit
seiner Beschwörung, dann hat er etwas falsch gemacht. Beim Segen
aber gibt es weder Erfolgskontrolle noch Erfolgsgarantie. Der Segen
bestätigt das, was wir glauben, und die Grundlage unseres Glaubens
ist das Vertrauen auf Gottes Nähe, Schutz, Freundlichkeit und Liebe.
Wenn dieser Glaube falsch ist, wenn er sich irrt, dann macht auch
der Segen keinen Sinn.
Aber wer entscheidet das denn hier und jetzt? Auch der Ungläubige
glaubt doch nur, dass es Gott nicht gibt und der Glaube und der
Segen daher sinnlos sind. Wenn es um letztgültiges Wissen geht,
stehen ein Glaubender und ein Nicht-Glaubender auf einer Stufe. Und
weil das so ist, darum bin ich lieber ein Glaubender.
Wenn Josephine mit dem Vertrauen in ein fremdes Land geht „Es kann
mir nichts geschehen, als was Gott hat ersehen und was mir selig
ist“, dann geht es ihr besser, dann ist sie selbstbewusster, dann
fühlt sie sich sicherer, dann wird sie wahrscheinlich weniger falsch
machen und dadurch Böses provozieren, als wenn sie mit wackeligen
Knien in Indien aus dem Flugzeug steigt. Self fullfilling prophecy
gibt es nicht nur im negativen Sinn, sondern auch im positiven: Der
erteilte Segen macht mich ja nicht übermütig oder leichtsinnig, er
macht mich sicherer, er macht mich ruhiger. Als Gesegneter fühle ich
mich besser. Und darauf kommt es an.
Daraus folgt notwendigerweise: Als Gesegneter kann ich anderen ein
Segen sein. Wer sich von Gottes Nähe, Schutz, Freundlichkeit und
Liebe - kurz: von Gottes Segen getragen weiß (oder vorsichtiger
formuliert: Wer daran glaubt, dass Gottes Nähe, Schutz,
Freundlichkeit und Liebe - kurz: Gottes Segen auch für sich selber
gelten), der holt diese Werte in sein eigenes Leben hinein. Das geht
gar nicht anders.
Wer aber mit diesen Werten lebt, und sei es noch so unvollkommen und
verbesserungswürdig, der strahlt für seine Umgebung etwas davon aus.
Auch das geht nicht anders.
Es gibt Menschen, die sich bei Entscheidungen fragen: Was hätte
Jesus dazu gesagt? Ich will nichts dagegen sagen, nur zu bedenken
geben: Jesus hat manchmal sehr überraschende Sätze gesagt und
Antworten gegeben, auf die die Frager nicht von selber gekommen
wären. Wir können oft nicht wissen, was Jesus zu dem gesagt hätte,
was uns gerade beschäftigt.
Man kann sich stattdessen fragen: Passt das, was ich jetzt tun will,
zu der Tatsache, dass ich ein gesegneter Mensch bin und für andere
ein Segen sein soll? Oder: Wie muss ich mich verhalten, damit ein
anderer etwas von dem Segen erlebt?
Der kategorische Imperativ von Immanuel Kant lautet: „Handle so,
dass die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer
allgemeinen Gesetzgebung gelten könne.“
Im Sinne dieser Predigt lässt sich das so umformulieren: „Handle so,
dass der, mit dem du zu tun hast, zugleich etwas von dem Segen
spürt, den Gott auf dich gelegt hat.“
Ich will dich segnen, und du sollst ein Segen sein. Das wird Abraham
am Anfang von Gott verheißen. Die folgenden Erzählungen beschreiben,
wie es weitergeht, wie dieser Segen wirkt, wie er sich in der
Geschichte fortsetzt und wie er allen Irrungen und Wirrungen zum
Trotz kräftig bleibt.
Am Ende der Erzvätergeschichte wird erzählt, dass die anderen Söhne
Jakobs nach dem Tod ihres Vater Angst haben, ihr Bruder Josef wolle
sich an ihnen für die erlittenen Bosheiten rächen. Da sagt Josef:
„Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen, Gott aber gedachte es gut
zu machen, um zu tun, was jetzt am Tage ist: Nämlich am Leben zu
erhalten ein großes Volk.“
So spricht ein Gesegneter. Ein Mensch, der in sich ruht. Jemand, der
in tiefer Erniedrigung auch Nähe, Schutz, Freundlichkeit und Liebe
erfahren hat, und der diese Erfahrungen nicht mit dem Zufall oder
dem Schicksal erklärt, sondern auf Gottes Segen zurückführt.
Wir sind nicht Josef. Wir wurden nicht von unseren Geschwistern in
die Sklaverei verkauft. Wir haben nicht die Träume des Pharao
gedeutet. Aber gesegnet sind wir auch.
Amen. |