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| Gottesdienst am 6. Sonntag nach Trinitatis,
31.07.2011 im Dom zu Ratzeburg – Genesis 6 bis 8 in Auswahl (Marginalreihe) – Liebe Gemeinde! „So spricht der Herr, der dich geschaffen hat: Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein!“ Der sechste Sonntag nach Trinitatis ist von der Beziehung zur Taufe geprägt, er ist Tag der Tauferinnerung. Der Satz aus dem Buch des Propheten Jesaja gehört zu den beliebtesten – und zu den wichtigsten Taufsprüchen. „Fürchte dich nicht …“ Was kann das bedeuten, welche Kraft kann dieser Zuspruch haben in einer Welt, in der es viel Grund gibt, zu erschrecken und sich zu fürchten? Eine der erschreckendsten Geschichten findet sich in der Bibel selbst: die von der großen Flut. Kaum ist die Schöpfung vollendet, das Leben auf der Erde in Gang gekommen, lässt der Schöpfer seinen Blick über die Welt gehen und gelangt zu einem düsteren Schluss: (Lesung des Textes Genesis 6-8 i.A.) Die Erzählung spannt einen fast unerträglich weiten Bogen. Sie beginnt damit, es habe Gott gereut, die Menschen geschaffen zu haben. Sie teilt mit, Gott habe beschlossen, die Menschen zu vertilgen von der Erde – und die Tiere gleich dazu. Immerhin nicht die Erde selbst, auch nicht die Gestirne, die Gott an den Himmel gesetzt hat. Aber was bleibt von der Erde, wenn es die Tiere und die Menschen nicht mehr gibt? Welchen Sinn hätte sie, wenn die Sprache und das Geschrei, das Lachen und Weinen der Menschen auf ihr nicht mehr zu hören wäre? Vielleicht denkt Gott das auch; denn er konstatiert eine Ausnahme. Nicht aller Menschen Bosheit ist groß auf Erden, nicht alle wollen nur Böses. „Noah fand Gnade vor dem Herrn.“ Noah, so muss man das wohl verstehen, würde zu Unrecht bestraft werden; ihn trifft der Vorwurf nicht. Für ihn und die Seinen – seine Frau, seine Söhne und deren Frauen – macht Gott eine Ausnahme. Er weist Noah an, einen hölzernen Kasten zu bauen, ein das Leben rettendes schwimmendes Haus. (Das Wort für diesen Kasten ist dasselbe wie das für jenes Kästlein von Rohr, in dem das Neugeborene im Schilf am Ufer des Nils überlebt, das später den Namen Mose bekommt.) Die Ausnahme gilt auch für jene Tiere, die das Land und den Himmel bevölkern. Ein Paar von allen diesen Tieren soll Noah mit in die Arche nehmen. Eine seltsame Verfügung. Schwer nachvollziehbar war schon der Beschluss Gottes, mit den Menschen zusammen auch das Vieh von der Erde zu vertilgen. Waren denn auch die Tiere, die Gott geschaffen hatte, nur böse immerdar? Immerhin stellt der Mindener Meister Bertram es im 14. Jahrhundert so dar. Auf einem Bild seines Grabower Altars geht der Wolf dem Lamm schon im Paradies an die Kehle, und ein Raubfisch zeigt spitze, scharfe Zähne. Wenn man aber annehmen muss, dass auch die Tiere zu destruktiver Aggressivität fähig sind, dann macht es wenig Sinn, sie von der Vernichtung alles Lebendigen auszunehmen. Das aber tut Gott. Wenn in der Arche ein Paar von allem Vieh überlebt, wird nach der großen Flut nichts wirklich anders sein als davor: Die Tiere werden fruchtbar sein und sich mehren, wie es ihre Art ist, und damit wird auch jenes Böse sich wieder ausbreiten, das doch im Wasser zugrunde gehen sollte. Und die Menschen? Sollte es wirklich einen Gerechten unter ihnen geben, und sollte dasselbe für sieben andere gelten, nur weil sie zu seiner Familie gehören? Wir ahnen schon, dass die „Lösung“ der Anfang eines neuen Problems ist – oder dass sie das Problem nicht löst, sondern verlängert. Vorerst aber geht (fast) alles Leben im Wasser der Sintflut unter. Vierzig unendliche Tage lang steigen die Wasser – sie strömen aus der Tiefe und stürzen vom Himmel –, bis selbst die höchsten Berge davon bedeckt sind. Die Arche, ein steuerlos treibender Kasten, ist das einzige Bio-top, der einzige Lebens-Raum in der Wasserwüste, die alles, was außerhalb dieses Kastens ist, untergehen und sterben lässt. Und nichts wimmelt mehr auf Erden. Ich habe in dem Kommentar eines bedeutenden jüdischen Gelehrten des 20. Jahrhunderts – Benno Jacob – gelesen, der sich über viele Seiten mit unserer Geschichte befasst. Dabei bin ich mehr und mehr zum Bewohner der Arche geworden, zu einem Entronnenen, der sein Leben in diesem schwimmenden Haus rettet. Ich meinte zu hören, wie der Herr, als Menschen und Tiere hineingegangen sind, hinter Noah zuschloss. Ich habe nicht das Gewimmel im schwimmenden Haus wahrgenommen, sondern nur das Wasser gehört, das von oben auf das Dach trommelt und von den Seiten gegen die Planken schwappt. Ich habe mich betrübt und verlassen gefühlt, und es ging mir gerade so, wie der rabbinische Gelehrte, genau auf die hebräischen Worte achtend, es beschrieben hat: „»Ach Noach« (»allein Noah«) klingt wie ein schmerzlich Ach, da der Blick über die unendliche Wasserwüste kein Land, kein lebendes Wesen, kein andres Fahrzeug trifft. Und doch ist Noah in der Arche ein Sinnbild der rettenden Vorsehung und der trostvollen Geborgenheit in Gott inmitten des Wütens der Elemente.“ Dann aber lässt Gott Wind auf Erden kommen, und der Wind leckt das Wasser auf, zieht es in sich hinein, bläst den Boden trocken, und die Wasser fielen. Als noch einmal viele Tage vergangen sind, setzt die Arche auf dem Gipfel eines Berges auf. Weitere vierzig Tage später öffnet Noah ein Fenster der Arche und lässt einen Raben hinausfliegen. Der kehrt zurück und tut es immer wieder, er fliegt hin und her, so lange, bis das Land draußen trocken ist. Benno Jacob spricht von der Treue des Rabens: „Seine Aufgabe, eine lebendige Verbindung zwischen Noah und dem sich immer mehr enthüllenden Lande zu sein und durch sein Hin- und Herfliegen jedem von dem andern zu künden, erfüllt(e) er bis zu allerletzt.“ Der Rabe nimmt zusammen mit einer Taube einen großen Raum in der Erzählung ein. Auch sie lässt Noah aus dem Fenster der Arche aufsteigen, aber da sie „nichts fand, wo ihr Fuß ruhen konnte“, kehrt sie zu Noah zurück. Noch einmal sieben Tage später kommt sie, zum zweiten Mal ausgeschickt, am Abend mit einem Ölblatt in ihrem Schnabel geflogen. Als er sie zum dritten Mal freilässt, kehrt sie nicht zur Arche zurück. Da weiß Noah, dass der Erdboden trocken ist, und er weiß auch, dass darauf wieder etwas wächst. Als der Augenschein das bestätigt hat, verlassen Menschen und Tiere den hölzernen Kasten, in dem ihr Leben bewahrt wurde, um die Erde von neuem zu füllen, sich zu regen und fruchtbar zu sein und sich zu mehren auf Erden. – Noah aber baut einen Altar und bringt dem Herrn ein Brandopfer. Als Gott den lieblichen Geruch wahrnimmt, spricht er in (oder: zu) seinem Herzen: „Ich will hinfort nicht mehr die Erde verfluchen um der Menschen willen; denn das Dichten und Trachten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend auf.“ Das klingt ganz ähnlich wie am Anfang der Geschichte. Hat Gott nicht auch dort gesagt, das Dichten und Trachten ihres Herzens sei nur böse immerdar? Und hat er nicht gerade damit seinen Entschluss begründet, das Leben auf der Erde zu vernichten? Denkt Gott am Ende gerade anders herum als am Anfang? Wahrscheinlicher ist etwas anderes. Die Erzählung von Noah und der großen Flut dokumentiert einen Wandel im Bewusstsein der Menschen. Es könnte so gewesen sein, dass die Menschen über sich und ihresgleichen gesagt haben: Es ist wahr: Das Dichten und Trachten des menschlichen Herzens ist nichts als böse. Es könnte sein, dass sie daraus den Schluss gezogen haben: Wir haben nichts Besseres verdient als den Tod, weil uns das Leben nicht gelingt und wir selbst es verderben. Es könnte sein, dass sie, von Angst vor Strafe gebannt, das Ende alles Lebens auf der Erde nahe glaubten. Und dass sie dann verwundert sahen: Das Leben geht weiter, und wir dürfen leben, obwohl wir so viel verderben. Viel spricht dafür, dass sie aus dem, was sie erlebten, Schlüsse zogen, die ihr Bild von Gott betrafen und veränderten. Dass sie nun verstanden: Gott ist nicht die Instanz, die Gutes mit Gutem belohnt und Böses durch Böses vergilt. Gott erträgt die Welt und das Leben in ihr, wie es ist. Er verspricht, dass es Bestand haben soll. Die Menschen, aufgeklärt über sich selbst und über Gott, „hörten“ Gott sagen: Solange die Erde steht, soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht. Dieses große Versprechen aber hat genau den Sinn, dass es die Rhythmen der Zeit garantiert. Tag und Nacht, Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter werden nicht ausbleiben, was immer die Menschen tun und erleiden. Gott lässt seine Sonne aufgehen über Böse und Gute und lässt regnen über Gerechte und Ungerechte (Matthäus 5,45). Mit dem Ende von allem müssen Menschen nicht rechnen, solange die Erde steht. Wohl aber geschieht Gutes und Böses, Beglückendes und Entsetzliches zwischen Saat und Ernte, bei Tag und bei Nacht. Gott erträgt es, dass die Menschen nicht gut sind, und die Menschen müssen damit zurecht kommen, dass sie und ihresgleichen zum Schlimmsten fähig sind. Das Leben geht weiter, auch wenn ihm auf furchtbare Weise Gewalt angetan wird. Dies scheint die Lehre zu sein, die die biblische Erzählung von Noah und der großen Flut hervorgebracht hat. Was aber kann unter solchen Vorzeichen der biblische Satz bedeuten, der über dieser Woche steht? „So spricht der Herr, der dich geschaffen hat: Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein!“ Anders gefragt: Welche bewahrende, rettende Kraft hat die Taufe? Lässt sie die Getauften wirklich davonkommen? Die Fortsetzung des Satzes scheint direkt auf die Flutgeschichte anzuspielen: „Wenn du durch Wasser gehst, will ich bei dir sein, dass dich die Ströme nicht überfluten sollen.“ Eine Arche, in der das individuelle Leben vor der Vernichtung geschützt ist? Ist die Taufe, die so gern und so oft gerade mit diesem Versprechen Gottes in Beziehung gebracht wird, ein wirksamer Schutz vor dem Bösen? Statt eine direkte Antwort auf diese Frage zu geben, zitiere ich am Schluss aus einem Gesprächsprotokoll. Eine Frau, die herausfinden möchte, warum die Eltern von Emily sich entschlossen haben, ihr Kind taufen zu lassen, spricht mit Herrn Meier, einem 26-jährigen, in der DDR aufgewachsenen Koch, der selbst nicht getauft ist; er ist Emilys Vater. In diesem Gespräch kommt das Thema des Schutzes direkt zur Sprache. Schwangerschaft und Geburt, so erfährt die Fragende, waren mit gesundheitlichen Risiken für Mutter und Kind verbunden. Herr Meier und seine Frau haben zeitweise große Ängste erlitten. Der Glaube, so wird im Gespräch mit Herrn Meier deutlich, hat im Zusammenhang dieser Bedrohungen des Lebens eine wichtige Funktion, die freilich nicht so genau zu fassen ist: „Kirche, Glauben hin, Glauben her oder. Ich weiß nicht. Ich fühl’ mich zufriedener, wenn das Kind getauft ist und wenn wir ‘ne kirchliche Hochzeit haben.“ Im ersten Moment scheint sich hier zu bestätigen, dass Trauung und Taufe vor allem die diffusen Schutzbedürfnisse der Menschen bedienen. Allerdings zeigt sich im weiteren Verlauf des Interviews, dass es so einfach nicht ist. Denn Herr Meier weiß selbst, dass eine solche naive Vorstellung des Schutzes durch Gott nicht realitätsgerecht ist und auch dem Glauben nicht entspricht. Er weiß, dass seine Suche nach Sicherheit für das Kind letztlich nicht erfolgreich sein kann. Darum sagt er am Ende dieses Gesprächsganges: „Aber, wie soll ich sagen: Er schützt nicht grenzenlos. Der Glaube auch nicht, der schützt auch nicht grenzenlos. Wir sind ja nicht unverwundbar. Wir schweben jetzt ja nicht auf einer Wolke oder sonst was. Oder im Glashaus. Wenn ihr halt was passiert, dann passiert halt was.“ Die Interviewerin wirft ein: „Hm. Aber es kann eben schützen.“ Das scheint die Auffassung des Vaters nicht zu treffen; denn er fährt unbeirrt fort: „Aber in dem Moment, wo was passiert, hält man sich trotzdem an dem Glauben fest … Ich halt mich dann trotzdem an dem Glauben fest. Denn nur so geht’s ja dann weiter.“ Ja: Nur so geht’s dann ja weiter. Das gefährdete, das erschreckend schutzlose Leben geht weiter mit Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht. Das Leben ist – genauer kann man es wohl nicht sagen –, das Leben ist in Gottes Hand. Amen |
Pastor i. R. Klaus Eulenberger, Horneburg
Predigt am 31. Juli 2011 im Dom zu Ratzeburg