![]()
| Gottesdienst am 10. Sonntag nach Trinitatis,
28.08.2011 im Dom zu Ratzeburg – 2 Mose 19, 1-6 – Liebe Gemeinde! Um 1220 sind die steinernen Figuren der Ecclesia und der Synagoge entstanden, die im Portal des südlichen Querhauses im Straßburger Münster aufgestellt sind. Zur Zeit, noch bis zum 2. November, sind Abgüsse des Skulpturenpaares in der Ausstellung „Der Naumburger Meister“ im Dom der Stadt Naumburg an der Saale zu sehen, dort sehr nah, beinahe von Angesicht zu Angesicht. Für gewöhnlich erblickt man in den beiden Frauengestalten eine Darstellung des Triumphes, den die christliche Kirche über den jüdischen Glauben errungen habe. Die Synagoge mit verbundenen Augen, gebrochener Lanze, den Kopf nach unten geneigt, aus der linken Hand entgleiten ihr die Tafeln des Gesetzes. Die Ecclesia dagegen: aufrecht stehend und gekrönt, den Kreuzesstab in der rechten, den Kelch in der linken Hand haltend, stolz auf die besiegte Gegenspielerin blickend. Ich habe das Ensemble vor einigen Wochen in Naumburg anders gesehen. Die zierliche Synagoge, von deutlich schönerer Gestalt als ihr Gegenüber, schien mir nicht gebrochen. Angegriffen und beschämt, das wohl, aber keineswegs im Begriff, sich weinend zurückzuziehen. Und im Blick der selbstbewussten Ecclesia konnte – oder wollte – ich nicht nur Verachtung oder Überheblichkeit sehen, ich meinte auch Sympathie, ja Besorgtheit wahrzunehmen. Gewiss: Dieselben Bilder verändern sich je nachdem, mit welchem Bewusstsein man sie ansieht. Und was der Steinmetz im 13. Jahrhundert „meinte“, wird sich schwerlich ermitteln lassen. Aber wenn der triumphierende Gestus der Betrachtenden geschwunden ist, dann strahlen eben auch die betrachteten Figuren plötzlich nicht mehr Triumph oder Niederlage aus, sondern geben sich viel differenzierter zu erkennen. Die Kontrahentinnen werden zum spannungsvoll aufeinander bezogenen Paar. Und man könnte gespannt sein, was sie einander sagen werden, wenn sie sich anblicken. Der biblische Abschnitt, der für heute im Buche steht, kann ebenso aus verschiedenen Perspektiven angesehen werden. Er ist, zum einen, Ausdruck eines Erwählungsbewusstseins, das das Volk Israel wenigstens zum Teil bis heute kennzeichnet. So steht es geschrieben im 19. Kapitel des 2. Buches Mose, auf das dann das bekannte 20. Kapitel mit der Verkündung der Gebote folgt: (Lesung des Predigttextes): Am ersten Tag des dritten Monats nach dem Auszug der Israeliten aus Ägyptenland, genau auf den Tag, kamen sie in die Wüste Sinai. Denn sie waren ausgezogen von Refidim und kamen in die Wüste Sinai und lagerten sich dort in der Wüste gegenüber dem Berge. Und Mose stieg hinauf zu Gott. Und der Herr rief ihm vom Berge zu und sprach: So sollst du sagen zu dem Hause Jakob und den Israeliten verkündigen: Ihr habt gesehen, was ich mit den Ägyptern getan habe und wie ich euch getragen habe auf Adlerflügeln und euch zu mir gebracht. Werdet ihr nun meiner Stimme gehorchen und meinen Bund halten, so sollt ihr mein Eigentum sein vor allen Völkern; denn die ganze Erde ist mein. Und ihr sollt mir ein Königreich von Priestern und ein heiliges Volk sein. Das sind die Worte, die du den Israeliten sagen sollst. Ausdruck eines Bewusstseins, erwählt zu sein, so habe ich diese Verse gekennzeichnet. „Werdet ihr meiner Stimme gehorchen, so sollt ihr mein Eigentum sein vor allen Völkern.“ Wenn wir aus christlicher Perspektive auf diese Anrede Gottes hören, so stellt sich die Frage: Wie könnten wir darauf antworten? Mit Neid: warum ihr, warum nicht wir? Mit Überheblichkeit: Aber die Erwählung ist auf andere, auf uns übergegangen, ihr habt sie verspielt? Mit Neugier: Was habt ihr, das wir nicht haben? Mit Schmerz über das, was den Erwählten im Laufe der Jahrhunderte angetan wurde? So viel Verschiedenes ist möglich. Und das ist sogleich mit im Spiel, wenn wir diese biblischen Sätze in einem christlichen Gottesdienst hören. Sie sind eben nicht nur Ausdruck eines Bewusstseins, erwählt zu sein, sie rufen schnell etwas hervor, was in uns ist. Bleiben wir zunächst ganz bei diesen sechs Versen. Der Herr, Adonaj, stellt „am ersten Tag des dritten Monats nach dem Auszug der Israeliten aus Ägyptenland“ eine seltsame Betrachtung über die zurückliegende Zeit an. Er sagt zu Mose: Sag den Israeliten: „Ihr habt gesehen, was ich mit den Ägyptern getan habe und wie ich euch getragen habe auf Adlerflügeln und euch zu mir gebracht.“ Zu mir gebracht? Ja: Gott ist ja selbst unterwegs mit denen, die in der Wüste wandern. Er zieht vor ihnen her, so heißt es (Exodus 13, 21). Und Adonaj zu folgen, bedeutet, der Knechtschaft in Ägypten entronnen und auf dem Weg in die Freiheit zu sein. Aber war es denn wirklich so, als wären sie auf Adlerflügeln getragen worden? Das Bild entspricht keiner Realität, die im Reich der Vögel zu beobachten wäre (kein Adler trägt seine Jungen auf den Flügeln), und es passt nicht gut zu dem, was das wandernde Gottesvolk erlebt hat. Der schwierige, immer wieder hinausgezögerte Aufbruch in Ägypten – die Todesangst, die über die Entronnenen kam, als das ganze Heer des Pharao ihnen nachsetzte – die Furcht, zu verhungern und zu verdursten – eine kriegerische Auseinandersetzung mit den Amalekitern: Das alles, was als gerade erst hinter ihnen liegend geschildert wird, stimmt nicht überein mit dem Bild eines sanften, mühelosen Fluges in die Freiheit. Will die Stimme, die zu Mose spricht, sagen: Was ihr bisher erlebt habt, war wenig gegen das, was noch kommt? Will sie den Wandernden nahe legen zu sagen: Die Mühen der Gebirge liegen hinter uns / Vor uns liegen die Mühen der Ebenen? Das allerdings würde es treffen. Denn die Befreiung aus ägyptischer Sklaverei ist nur ein Anfang. Ein beflügelnder allerdings. Aber mit ihm hat der Weg in die Freiheit gerade erst begonnen. Und es sieht ganz so aus, als seien die Nachkommen der Israeliten von damals auch heute noch lange nicht am Ziel, was die Verwirklichung der Freiheit in dem Land angeht, das ihnen einmal versprochen wurde – im gelobten Land. In diesen Tagen wird ein Aufsatz viel diskutiert, der in einem Blatt veröffentlicht ist, das außer Pfarrerinnen und Pfarrern kaum jemand liest: im Deutschen Pfarrerblatt eben. Darin heißt es: „Der Staat Israel ist eine Folge des unvorstellbaren Unrechts, das Juden von Deutschen, zumeist getauften Christen in der totalen Verleugnung ihres Christseins angetan wurde. Und die Folge dieses Unrechts an Juden war und ist Unrecht an unschuldigen Palästinensern, denn das Land war bewohnt“. Ich glaube, gegen dieses Fazit lässt sich kaum etwas einwenden. Die Spur des Unrechts zieht sich weit aus der Vergangenheit hin bis in die Gegenwart. In den biblischen Erzählungen ist deutlich zu erkennen, dass das gelobte Land kein leeres Land war, das nur darauf gewartet hätte, von den zwölf Stämmen Israels in Besitz genommen zu werden. Keine Rede kann davon sein, dass der Gott Israels die Seinen auf Adlerflügeln dorthin getragen hätte. Sie haben es für sich erobert und in vielen Fällen wohl die vertrieben oder gar umgebracht, die dort zuhause waren. Und damit sind wir mitten in den gegenwärtigen Konflikten mit den Palästinensern, die etwa 20% der Bevölkerung des Staates Israel bilden. Der Autor des genannten Aufsatzes bringt ein Zitat des ersten Ministerpräsidenten, David Ben Gurion, der das Verhältnis zwischen Israelis und Palästinensern reflektiert, indem er sich in die Position der Anderen versetzt: „Weshalb sollten die Araber Frieden schließen? Wäre ich ein arabischer Führer, würde ich niemals mit Israel verhandeln. Das ist doch ganz normal: Wir haben ihr Land weggenommen. Natürlich wurde es uns von Gott versprochen, aber warum sollte es sie interessieren? Unser Gott ist nicht der ihre. Wir stammen aus Israel, jedoch ist das 2000 Jahre her; was sollte es ihnen bedeuten? Es gab den Antisemitismus, die Nazis, Hitler, Auschwitz – aber war das ihre Schuld? Das Einzige, was die sehen, ist: Wir kamen und stahlen ihr Land. Warum sollten die das akzeptieren?“ In diesen Sätzen finde ich ironische, auch abfällige Töne („Wir stammen aus Israel, jedoch ist das 2000 Jahre her; was sollte es ihnen bedeuten?“ und: „Das Einzige, was die sehen, ist …“), ich höre aber auch Sympathie mit den Arabern heraus: „Ich würde als arabischer Führer nie mit Israel verhandeln … Wir haben ihr Land weggenommen.“ Und warum sollten die das akzeptieren? Die Mehrdeutigkeit dieser Äußerung entspricht wohl der Persönlichkeit David Ben Gurions, der ungemein aggressive, drohende Erklärungen ebenso abgeben konnte, wie er andererseits auch ganz ernst gemeinte Versöhnungsangebote aussprach. Der erste Ministerpräsident des Staates Israel scheint in sich selbst das bis heute nicht gelöste Dilemma zu verkörpern: Das Land ist ebenso Zufluchtsort für jüdische Menschen aus aller Welt, wie es die Nachkommen seiner ursprünglichen Bewohner ausschließt und unterdrückt; zu seiner Bevölkerung gehören religiös neutrale Menschen ebenso wie strikt und streng religiöse, die die Gültigkeit der Tora auch für die allgemeine Gesetzgebung durchsetzen wollen; der Wille der einen, sich mit den arabischen Mitbürgern und Nachbarn endlich zu versöhnen, wird unterlaufen durch den Fanatismus der anderen, die das ganze Israel (aber was ist das?) für sich beanspruchen und nichts Fremdes in seinen Grenzen dulden wollen. Der Autor des genannten Aufsatzes kommt, wohl mit guten Gründen, zu dem Schluss: „Eine Regierung, die sich an das Völkerrecht hielte und die Räumung der Siedlungen in der Westbank, in Ost-Jerusalem und auf den Golanhöhen durchsetzen wollte, würde wahrscheinlich einen Bürgerkrieg riskieren.“ „Ihr habt gesehen, wie ich euch getragen habe auf Adlerflügeln und euch zu mir gebracht“? Das schöne, sanfte, beflügelnde biblische Bild hat wenig zu tun mit der Realität der Verhältnisse in Israel – damals und heute. Was aber bedeutet es, dass Adonaj durch Mose zu dem von ihm erwählten Volk sagt: „Ihr sollt mir ein Königreich von Priestern und ein heiliges Volk sein“? Es kann nicht gemeint sein, dass alle, die zu diesem Volk gehören, das Amt eines Priesters ausüben; auch nicht, dass sie als kultisch und moralisch „reine“ Menschen vor Gott leben sollen. Ihr sollt mir ein heiliges Volk sein, das bedeutet einfach: Ihr seid mir unter allen Völkern das liebste, und ihr seid es nicht, weil ihr euch diese Liebe erworben habt, sondern weil ich mich entschlossen habe, euch zu lieben. Ich habe mich mit euch verbunden, ihr seid mir ans Herz gewachsen. Ich, Gott, bin unbeirrbar in meiner Liebe zu euch; auch ihr selbst werdet mich nicht davon abbringen können, euch zu lieben, was immer ihr tut. Es gibt eine Entsprechung zwischen dieser Erklärung Adonajs Israel gegenüber und der Formulierung von der Gemeinschaft der Heiligen im Glaubensbekenntnis der christlichen Kirche. Sie, die Gemeinschaft der Heiligen, ist nichts anderes als das Ensemble derer, die sich zur Kirche zählen. Nicht also jener Herausragenden, deren Namen in einem Lexikon der Heiligen zu finden sind und die sich auszeichnen etwa durch besondere Taten der Liebe oder Unbeugsamkeit des Glaubens und der Gesinnung. Nein, wir sind die Gemeinschaft der Heiligen, wir, so wie wir sind. Und heilig sind wir, weil Gott uns in seine Hände gezeichnet hat. Die Metapher findet sich im Buch des Propheten Jesaja (49,16), und das ist kein Zufall: Wer wir vor Gott sind, das können wir oft nicht anders beschreiben als mit Wendungen, die aus der Hebräischen Bibel stammen, dem heiligen Buch Israels. Mit anderen Worten: Was uns christliche ebenso wie die jüdischen Menschen auszeichnet, ist, dass wir von Gott geliebt sind mit eigensinniger Liebe. Uns, die wir uns in Hinsicht auf die Gesinnung, auf die Antriebe des Handelns und die fragile Menschlichkeit nicht so sehr unterscheiden von den Nachkommen des durch die Wüste wandernden Gottesvolkes. Paulus würde sagen: Wir sind allzumal Sünder und mangeln des Ruhmes, den wir bei Gott haben sollten (Römer 3,23), die einen wie die anderen. Aber wir sind von Gott geliebt, und darum sind wir in Gottes Augen so wert geachtet. (Auch das eine Wendung aus der Hebräischen Bibel: Jesaja 43,4.) Es hilft nichts: Wir kommen nicht auseinander. Christen und Juden sind – mit einer starken Formulierung – twins, joined at the hips, also: Zwillinge, die an den Hüften zusammengewachsen sind. Siamesische Zwillinge. Siamesische Zwillinge sind nur unter Lebensgefahr für beide zu trennen, sie sind Zwei-in-eins, ein vereintes und in sich getrenntes Wesen, dazu verurteilt, am selben Ort zu sein, dieselben Wege zu gehen. Zwei Köpfe und Gehirne, ein Körper … man könnte das weiterdenken und käme dann auch an das Verhängnisvolle, das nicht nur in diesem Bild steckt, sondern ja tatsächlich die ganze Geschichte des Mit- und Gegeneinanders jüdischer und christlicher Menschen bestimmt. Deutlich ist in jedem Fall: Wir kommen nicht auseinander. Der rabiate Versuch, die Zwillinge zu trennen, den einen zu verderben und den anderen groß zu machen, war und ist von Grund auf verkehrt. Und dort, wo er scheinbar gelungen ist oder beinahe gelungen wäre, haben jene, die sich Christen nannten, sich ins eigene Fleisch geschnitten. Heilig sind wir, die einen wie die anderen, für Gott. Es ist nicht zu glauben. Aber wenn wir sprechen: Ich glaube an Gott …, dann meinen wir auch dies. Also lasst es uns Gott und einander glauben. Und miteinander reden und nicht voneinander lassen. Eine kleine wahre Geschichte zum Schluss. Aaliyah Ana Stein, sieben Jahre alt, geht auf eine jüdische Schule. „Kürzlich bekam die Klasse Besuch von einer deutschen Grundschule. Da sagte einer der Schüler mit der Offenherzigkeit des Kindes: »Ich dachte, die Juden wären ausgestorben?« Die Tochter erzählte dieses Erlebnis ihrem Vater. Dann fügte sie lachend hinzu – so wie man über die Begriffsstutzigkeit eines anderen den Kopf schüttelt: »Der hatte wohl etwas verwechselt. Die Dinosaurier sind ausgestorben, aber doch nicht die Juden.«“ Gott sei Dank. Amen |
Pastor i. R. Klaus Eulenberger, Horneburg
Predigt am 28. August 2011 im Dom zu Ratzeburg