Predigt am 23. Oktober 2011 im Dom zu Ratzeburg

von Karl-Ludwig Kohlwage

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen

Wir hören als Predigttext eine Geschichte aus dem 10. Kapitel des Markus-Evangeliums:

Als Jesus sich auf den Weg machte, lief einer herbei, kniete vor ihm nieder und fragte ihn: Guter Meister, was soll ich tun, damit ich das ewige Leben ererbe?
Aber Jesus sprach zu ihm: Was nennst du mich gut? Niemand ist gut als Gott allein.
Du kennst die Gebote: »Du sollst nicht töten; du sollst nicht ehebrechen; du sollst nicht stehlen; du sollst nicht falsch Zeugnis reden; du sollst niemanden berauben; ehre Vater und Mutter.«
Er aber sprach zu ihm: Meister, das habe ich alles gehalten von meiner Jugend auf.
Und Jesus sah ihn an und gewann ihn lieb und sprach zu ihm: Eines fehlt dir. Geh hin, verkaufe alles, was du hast, und gib's den Armen, so wirst du einen Schatz im Himmel haben, und komm und folge mir nach!
Er aber wurde unmutig über das Wort und ging traurig davon; denn er hatte viele Güter.
Und Jesus sah um sich und sprach zu seinen Jüngern: Wie schwer werden die Reichen in das Reich Gottes kommen!
Die Jünger aber entsetzten sich über seine Worte. Aber Jesus antwortete wiederum und sprach zu ihnen: Liebe Kinder, wie schwer ist's, ins Reich Gottes zu kommen!
Es ist leichter, daß ein Kamel durch ein Nadelöhr gehe, als daß ein Reicher ins Reich Gottes komme.
Sie entsetzten sich aber noch viel mehr und sprachen untereinander: Wer kann dann selig werden?
Jesus aber sah sie an und sprach: Bei den Menschen ist's unmöglich, aber nicht bei Gott; denn alle Dinge sind möglich bei Gott.

(Mk 10,17-27)

Herr, segne an uns dein Wort. Amen

Liebe Gemeinde!

Sie werden verwundert sein. Nach Jahren mal wieder einmal in Ratzeburg, in diesen Dom, auf diese Kanzel, und jetzt ausgerechnet diese Geschichte, die ich nicht ausgewählt habe. Sie ist bestimmt als Predigttext an diesem Sonntag.

„Wie schwer werden die Reichen in das Reich Gottes kommen! Es ist leichter, dass ein Kamel durch ein Nadelöhr gehe, als dass ein Reicher in das Reich Gottes komme“ – eine ironisch verpackte, zum Sprichwort gewordene Unmöglichkeit. Ironisch ist auch die Anmerkung eines Auslegers, der meint, dass in der Geschichte dieses Textes ständig versucht worden sei, das Nadelöhr zu erweitern, um möglichst vielen eine Chance zu geben hindurch zu kommen.

Ich weiß nicht, wie es hier unter uns mit dem Reichtum bestellt ist, aber ungemütlich werden die Feststellungen Jesu für uns alle klingen. Wer hörte den drohenden Unterton nicht! Wer spürte den Stachel nicht! Die Jünger jedenfalls, die mit Sicherheit weniger hatten als wir, sind entsetzt.

Ist es die Stimme des Neides, die sich hier meldet, des religiösen Sozialneides, der den Reichtum der Reichen durch die Ankündigung himmlischer Verwerfung madig macht? Wohl kaum, denn Neid ist nicht die Sache Jesu, auch nicht Drohung oder Einschüchterung. Jesus ist der Mann der Einladung: „Kommet her zu mir!“ Er will uns weiterbringen. „Ich habe für dich gebeten, dass dein Glaube nicht aufhöre“ ist sein Beistand für den in Sachen Treue, Glauben und Verläßlichkeit gefährdeten Petrus. Er für uns – das ist die Devise des Evangeliums. Lassen Sie uns versuchen, sie aus dieser Geschichte herauszuhören.

Unsere Geschichte – sie zählt unter der Überschrift „Der reiche Jüngling“ zu den bekannten im Neuen Testament – beginnt mit einer freundlichen Zuwendung, nimmt dann eine dramatische Kehre und endet mit einem abrupten Bruch, eine erregte Jüngerdiskussion über das Erlebte schließt sich an.

Der Anfang hat eine seelsorgerliche Note: ein Mann – wir erfahren erst später, dass es sich um einen sehr begüterten Mann handelt – hat ein Problem und wendet sich an Jesus als Lehrer: „Was soll ich tun, dass ich das ewige Leben ererbe?“ Anrede und Geste sind außerordentlich respektvoll, er kniet nieder und sagt: „Guter Meister“. Jesus reagiert kurz angebunden, hörbar distanziert : „Was nennst du mich gut? Gut ist Gott allein.“ Dann geht er auf die Frage des Mannes ein und nennt einige von den 10 Geboten, betont die für den Alltag wichtigen, als den Weg zum ewigen Leben. In dieser ersten Entgegnung schwingt mit: Du kennst die Gebote. Du kannst deine Frage im Grunde selbst beantworten. Ich habe dir gar nichts Neues zu sagen.

Die Antwort des Mannes ist: die Gebote halte ich, sie bestimmen mein Leben, mein Reden und Handeln von Jugend an, sie sind mein Zuhause. Die anfängliche Reserviertheit und Distanz Jesu weichen, er betrachtet sein Gegenüber genauer und „gewinnt ihn lieb“, vielleicht nimmt er ihn in die Arme, jedenfalls schließt er ihn in sein Herz. Wenn das Seelsorgegespräch plötzlich umschlägt in etwas völlig Neues, nicht zu Erwartendes, in ein radikales Ansinnen, dann muss das mit dieser geistigen und emotionalen Nähe, mit dem „er gewinnt ihn lieb“ zusammenhängen. „Eins fehlt dir“ sagt Jesus, „geh hin, verkaufe alles, was du hast und gib’s den Armen und komm und folge mir nach“.

Jesus gewinnt ihn lieb und will ihn bei sich behalten. Das ist es, was dem Reichen fehlt: die Gemeinschaft mit Jesus. „Gib alles hin und folge mir nach“ ist kein 11. Gebot, zusätzlich zu den anderen, die der Reiche bereits befolgt, sondern Nachfolge ist die Erfüllung der Gebote, in der Gemeinschaft mit Jesus ist das ewige Leben schon zu erahnen. „Selig sind die Augen, die sehen, was ihr seht, und die Ohren, die hören, was ihr hört“.

Trennung von allem, ein völlig neues Leben – auf diese Umkrempelung seiner Existenz ist der Reiche nicht eingestellt. Er bricht das Gespräch ab. Er wird unmutig, verdrießlich, die Stimmung kippt, er geht traurig davon. Er hätte zu viel aufgeben müssen. Der Preis war zu hoch.

Er geht davon – traurig. Er lacht und spottet nicht über die verrückte Forderung Jesu. Ist er traurig über Jesus, weil er das Unmögliche fordert? Oder ist er traurig über sich, weil er spürt, dass sein Problem eine Lösung gefunden hätte, die alle Vorstellungskraft übersteigt, aber die Bindungen seiner Existenzweise sind zu stark?

Wie wird er weiter leben: reich und traurig? Er wird an dieser Trauer lange arbeiten müssen. Vielleicht ändert das sein Verhältnis zu den vielen Gütern, vielleicht lernt er, loszulassen und frei zu werden.

Er geht – erlischt nun die Liebe Jesu? Erlischt die Liebe des Vaters im berühmten Gleichnis, als der Sohn geht und als verlorener wiederkommt? Nein. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Jesus seine Liebe aufkündigt und ihn abschreibt. Im Desaster der zerbrochenen Beziehung bleibt diese eine Hoffnung: alle Dinge sind möglich bei Gott.

Was sollen wir von dem traurigen Reichen halten? Sollen wir ihn als einen von seinem Wohlstand versklavten Menschen verurteilen? Anfangs noch ganz sympathisch zeigt er dann seine wahre Natur, gekettet an puren Materialismus. Aber dieses Bild stimmt nicht. Es dreht sich bei ihm nicht alles um Haben und Mehrkriegen, Gewinn und Steuervorteil sind nicht seine Lebensinhalt. Er ist kein Anhänger des entfesselten Marktes, kein Jünger der Finanzindustrie, er ist keiner der Casino-Spielern von heute, die auf der Jagd nach Rendite ein Wirtschaftssystem und die Existenz von Menschen an den Abgrund führen. Gott und die Mitmenschen spielen eine zentrale Rolle in seinem Leben, sie kommen nicht nur am Rande vor. An den Geboten Gottes ist sein Alltag orientiert: Lebensschutz, Wahrhaftigkeit, Respekt vor der Ehre und vor dem Eigentum anderer, Achtung ehelicher Treue, Achtung der Eltern. Jesus zieht das in keiner Weise in Zweifel, im Gegenteil, er freut sich daran. Wir könnten fragen: was will man mehr? Das ist doch eine vorbildliche Existenz. In der aktuellen Wertediskussion der Gegenwart – alle Welt fordert Werte – könnte er einen eindrucksvollen persönlichen Beitrag liefern: Bindung an Gott, Vertrauen und Gehorsam gegenüber seinem Wort, gerade im Alltag, also Glaube, Liebe, Hoffnung als Realität. Wir wünschen uns mehr von seiner Art, vielleicht auch mehr von ihm in unserem eigenen Leben.

Und noch eins: er ist nicht der Reiche Kornbauer, der uns vor kurzem im Evangelium des Erntedankfestes begegnete: „Liebe Seele, du hast einen großen Vorrat für viele Jahre, habe nun Ruhe, iss, trink, und habe guten Mut“. Für ihn ist alles in Ordnung, alles ist nach allen Seiten abgesichert, nur nach einer Seite nicht: „Du Narr, diese Nacht wird man deine Seele von dir fordern“.

Dieser Narr, der sich so in Sicherheit wiegt, ist unser Reicher nicht. Er ist eingestellt auf die Endlichkeit menschlichen Lebens, er ist nicht nur auf das Diesseits fixiert, deswegen fragt er in frappierender Offenheit: Was kommt danach? Was wird, wenn ich davon muss und alles zurücklasse? Was muss ich tun, dass die Gemeinschaft mit Gott an der Todesgrenze nicht abbricht?

Das ist ein Respekt verdienendes Lebenskonzept, Gott, die für das menschliche Zusammenleben wichtigsten Werte und auch die Grenze des Lebens sind eingeschlossen. Davon kann man sich wahrlich eine Scheibe abschneiden. Da ist nichts von dem ärmlichen Motto: lasset uns essen und trinken, denn morgen sind wir tot – hier so angenehm wie möglich die Tage verbringen und sich um nichts anderes scheren.

Aber trotzdem scheitert dieser Lebensentwurf, er scheitert am Anspruch, an der Zumutung, an der Provokation Jesu: „Eins fehlt dir, geh hin, verkaufe alles, was du hast, gib’s den Armen und folge mir nach“. Durch dieses Nadelöhr kommt er nicht. Ein Leben mit diesem Verzicht, in dieser Blöße, ohne Geltung des Besitzes, ist für ihn keine mögliche Existenzform.

Jesus hat, was hier geschieht, nicht zur Norm gemacht, er hat nicht das Ideal der Armut aufgerichtet, er zielt nicht auf eine Gesellschaft, in der es kein Privateigentum mehr gibt, aber er spricht einen Einzelnen so an. Der kann ihm nicht folgen.

Aber es gehört auch zur Geschichte unseres Textes, dass er immer wieder Einzelne gefunden hat, die die Aufforderung Jesu in der gleichen Schärfe gehört haben wie der Reiche und von ihr gefolgt sind: Franz von Assisi zum Beispiel, oder Frere Roger, der Gründer von Taizé, und seine Brüder, die Besitzlosigkeit zu ihrem Lebensstil gemacht haben. Oder Dietrich Bonhoeffer, der geahnt haben mag, als er 1939 kurz vor Kriegsbeginn aus den USA nach Deutschland zurückkehrte, dass er weit mehr als sein Eigentum, dass er sein Leben riskierte als Gegner des Nazi-Regimes. 1945 wird er gehängt, ganz kurz vor Kriegsende. Er hat alles gegeben und unendlich viel gewonnen, auch für uns. „Von guten Mächten wunderbar geborgen erwarten wir getrost, was kommen mag. Gott ist mit uns am Abend und am Morgen und ganz gewiss an jedem neuen Tag“ war sein Reichtum, unbezahlbar und real – und für nicht wenige heute Mitte des Glaubens.

Auch die Lübecker Märtyrer, von denen im Juni drei selig gesprochen worden sind, haben im Widerstand gegen Rechtlosigkeit, Gewalt und Unmenschlichkeit diesen Ruf gehört und alles dafür hingegeben: „Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen“. Sie haben die Entscheidung getroffen, die zu den schwersten zählt: sie haben aus dem „man“ ein „ich“ gemacht: “ich muss Gott mehr gehorchen als den Menschen“ und den Preis des Lebens dafür gezahlt. So sind sie etwas geworden, was für unser Leben unerläßlich ist: sie sind Zeugen geworden, Zeugen einer besseren Welt in einer Welt des Unheils. Zeugen der Wahrheit gegen die Lüge, Zeugen der Menschenwürde gegen die Menschenverachtung, Zeugen des Glaubens in einer Welt, in der Menschen selbstherrlich den Thron Gottes beanspruchen.

Wo bleiben wir in dieser Geschichte? Wir gehören wahrscheinlich alle nicht zu den Außergewöhnlichen, die einen solchen Ruf zur Nachfolge vernommen haben oder ihn uns wünschen. Wir stehen, was unsere Lebensausstattung angeht, dem Reichen nahe. Wir sollten uns ernsthaft mit seinen Lebensfragen befassen: Wie soll ich leben? Wie kann ich sterben? Was habe ich zu hoffen? Welche Reichtümer gibt es, die nicht mit Geld zu kaufen sind?

Und dann auch: wie und was kann ich loslassen? Was brauche ich wirklich? Es gibt Lebenssituationen, in denen man sich umstellen und allerhand loslassen muss. Es mögen Bagatellen sein, aber es gibt Übungsfelder. Und hören wir, dass Geld ein Hauptbewährungsfeld des Glaubens sein kann.

Und nehmen wir dies als einen Anstoß aus dieser Geschichte mit: Was kann ich an Sinnvollem und Hilfreichem tun mit dem, was ich habe? Wenn ich dankbar feststellen kann, dass ich Großzügigkeit in meinem Leben erfahren habe, wo kann ich mit Großzügigkeit antworten? Wo kann ich helfen, stiften, spenden? Wo kann ich Freiheit einüben?

Es mag richtig sein: wir scheitern am Nadelöhr. Aber ein kluger Ausleger hat gesagt: „Wo ein Mensch so wenig durchkommt wie ein Kamel durch ein Nadelöhr, da kommt Gott herein, wenn er will“. Ich glaube, er ist schon da, in dieser Geschichte, als Ruf, Freiheit zu versuchen, ohne Angst und voller Vertrauen, dass bei ihm keiner zu kurz kommt.

Amen
 

 




Bischof em. Karl-Ludwig Kohlwage

Predigt am 23. Oktober 2011 im Dom zu Ratzeburg