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Gottesdienst am 8. Januar 2012
(begangen als Epiphanias) im Dom zu Ratzeburg
– Jesaja 60, 1-6 –
Liebe Gemeinde!
In einer dunklen Epoche der
Geschichte Israels sagt eine Stimme: „Mache dich auf, werde licht;
denn dein Licht kommt.“ Du, das ist nicht ein
einzelner Mensch, es ist die Bevölkerung der Stadt Jerusalem. Warum
ist es dunkel? Das Schlimmste, so könnte man meinen, haben die
Menschen in der Stadt hinter sich: das babylonische Exil. Nach
Jahrzehnten haben sie endlich zurückkehren dürfen von den
Wassern Babylons, wo zu leben man sie gezwungen hatte. Nun
sind sie wieder zu Hause. Aber das stimmt so nicht. Die meisten von
ihnen sind nicht in Jerusalem, sondern in Babylonien geboren. Sie
sind keine Rückkehrer, sie sind Einwanderer. Sie wissen nicht, wie
das Leben hier geht. Sie waren D.P., displaced persons,
in Babel, sie sind es auch in Jerusalem. Sie haben sich hierher
gewünscht und sind dennoch am falschen Ort. Zusammen mit denen, die
nie fort waren, haben sie sich daran gemacht, Zion, die von den
Feinden zerstörte Stadt, wieder aufzubauen. Sie sind ein gutes Stück
vorangekommen. Sie haben Wege ausgebessert, Brunnen wieder
aufgegraben, die Stadtmauer und den Tempel, das Heiligtum wieder
hergestellt. Aber das Leben in der Stadt und in dem sie umgebenden
Land gelingt nicht. Es strahlt nicht. Es ist dunkel über dem Berg
Zion, in der hochgebauten Stadt Jerusalem. – Da
spricht diese Stimme:
Mache dich auf, werde licht; denn dein Licht kommt, und die
Herrlichkeit des Herrn geht auf über dir! Denn siehe, Finsternis
bedeckt das Erdreich und Dunkel die Völker; aber über dir geht auf
der Herr, und seine Herrlichkeit erscheint über dir. Und die Heiden
werden zu deinem Lichte ziehen und die Könige zum Glanz, der über
dir aufgeht. Hebe deine Augen auf und sieh umher: Diese alle sind
versammelt und kommen zu dir. Deine Söhne werden von ferne kommen
und deine Töchter auf dem Arme hergetragen werden. Dann wirst du
deine Lust sehen und vor Freude strahlen, und dein Herz wird erbeben
und weit werden, wenn sich die Schätze der Völker am Meer zu dir
kehren und der Reichtum der Völker zu dir kommt. Denn die Menge der
Kamele wird dich bedecken, die jungen Kamele aus Midian und Efa. Sie
werden aus Saba alle kommen, Gold und Weihrauch bringen und des
Herrn Lob verkündigen.
Der da spricht, sieht etwas, was nicht vor Augen ist. Vor Augen ist
Dunkelheit, er aber sieht Licht. Es ist eine überwältigende
Epiphanie des Lichtes in einer verfinsterten Umgebung. Das Herz ist
ihm so voll davon, dass ihm der Mund übergeht. Gott, der Heilige
Israels, hat ihn angerührt, er weiß wohl nicht, wie ihm geschieht,
aber er spricht aus, wovon ihm das Herz voll ist: Gott selbst
spricht aus ihm. Und auf einmal kehrt sich alles um. Nicht über der
Stadt Jerusalem und dem kleinen Land Juda liegt Dunkel, sondern über
den anderen Völkern. „Denn siehe, Finsternis bedeckt das Erdreich
und Dunkel die Völker; aber über dir geht auf der Herr, und seine
Herrlichkeit erscheint über dir.“ Der Berg Zion wird zum
anziehenden, zum attraktiven Ziel für die, die von Dunkel bedeckt
waren: „Und die Heiden werden zu deinem Lichte ziehen und die Könige
zum Glanz, der über dir aufgeht.“ Von denen, die dem Volk Gottes
fremd waren, heißt es nun: Sie sind deine Söhne und deine Töchter.
Und sie alle werden herbeiströmen. Sie werden Zion reich machen,
weil sie ihre Schätze mitbringen. Auf einmal sind wir im sagenhaften
Orient, Kamele lagern sich auf den Erhebungen der Stadt,
Midian, Efa und Saba, alle hoch
gerühmten Gegenden und Orte sind vertreten, Gold und Weihrauch gibt
es in Fülle, aber das Wunderbarste ist: Die aus der Ferne kommen,
werden des Herrn Lob verkündigen. Wer hätte das gedacht? Niemand.
Aber nun geschieht es. Die Stimme wird ganz eins mit Gott, dem
Heiligen Israels, wenn sie spricht: „In meinem Zorn habe
ich dich geschlagen, aber in meiner Gnade erbarme ich mich über
dich“ (60,10). Reichtum für die Ausgeplünderten, Ansehen für die
Gedemütigten, Heil für die Geschundenen. Wo Dunkel war, wird Licht
sein. So verheißt es Gott.
So aber ist es nie gekommen. Man könnte sich überschlagen vor
Begeisterung über die Bilder der lagernden Kamele, der von überall
herbeiströmenden Menschen und Völker, der Schätze der Völker am
Meer, über Gold und Weihrauch. Es ist nicht schwer nachzuempfinden,
was Zion angesagt wird: Dein Herz wird erbeben und weit werden.
Aber es ist nicht eingetroffen, was im letzten Teil des Propheten
Jesaja angekündigt ist.
Aber – noch einmal: aber – folgenlos geblieben ist diese Vision
nicht. Ich erzähle hier von einem, der auszog, um Jerusalem zu
erreichen und zum Berg Zion hinaufzusteigen. Ich erzähle von Black
Elk, einem Schamanen der Oglala-Sioux. Seine Geschichte ist so
besonders, dass man sie verrückt nennen könnte, dabei hat sie eine
nachvollziehbare Logik. Black Elk, dessen Name im Deutschen nicht
ganz zutreffend mit Schwarzer Hirsch übersetzt wird,
ist 1863 im Gebiet des heutigen US-Bundesstaates Wyoming geboren. Er
hat miterlebt, wie im Mittleren Westen der USA die Weißen den
Indianern das Land wegnahmen und ihre Art zu leben, die sie nicht
verstanden, zerstörten. Er selbst hatte schon als Kind Visionen
gehabt, die ihn beunruhigten und verstörten. Besser wurde es, als er
sich mit 18 Jahren entschloss, seine spirituelle Berufung öffentlich
bekannt zu machen. Von da an wurde er für die Oglala zu einem
anerkannten und gesuchten Heiler. Black Elk wollte herausfinden,
worin die augenscheinlich unüberwindbare Stärke der Weißen begründet
war. Im Frühjahr 1886 ließ er sich von William F. Cody, dem
Büffeljäger, genannt Buffalo Bill, als Mitglied einer
Wildwestshow anwerben. Die Idee der Show war, den Weißen in Amerika
und dann auch in Europa die Geschichte der Indianer und der Siedler
in den Great Plains als eine amerikanische Erzählung bekannt zu
machen. Anders also als so, wie der in Radebeul bei Dresden
schreibende Karl May sie darstellte, der ja selbst nie dort gewesen
war, wo sich seine Helden Winnetou und Old Shatterhand begegneten.
Und was war Black Elks Idee? Er hoffte, auf seinen Reisen mit der
Schauspielertruppe etwas über die Weißen zu erfahren. Was waren das
für Leute, und wie waren sie so geworden? Es genügte ihm bald nicht
mehr, ihnen als Zuschauern der Wildwestshow in Cottbus, Gera,
Zwickau, Weimar, Fulda, Mainz oder Koblenz zu begegnen. „Black Elk
wollte nach Jerusalem, als Pilger oder besser als Suchender.“ Der in
Berlin lebende Schriftsteller Wolfgang Büscher ist zu Fuß durch
Amerika gegangen und den Spuren des Medizinmanns der Oglala-Sioux
begegnet. Er schreibt:
„Es wühlte in ihm. Einer wie er konnte die weiße Übermacht und
Überlegenheit, das Ende der Zeit der Indianer, ihrer Ideen von
Leben, Welt und Gott, nicht einfach hinnehmen. Er wollte den
Untergang, den er nicht aufhalten konnte, wenigstens verstehen. Er
war Schamane, ein durch und durch geistlicher Mann, den Visionen
heimsuchten seit seinem neunten Lebensjahr. Nicht Gewehre und
Eisenbahnen schienen ihm kriegsentscheidend zu sein, der Geist war
es, die Medizin, die Große Vision der Weißen – ihr Messias. Und der
hatte in Jerusalem gelebt, da wollte er hin. Jerusalem war der
heiligste Ort der Weißen. Wo, wenn nicht dort, würde er, Black Elk,
die Chance haben zu begreifen, warum alles so gekommen war? – Er
hatte eine Frage: Was sehe ich, wenn ich die Quelle des Abendlands
sehe, seine Wiege, seine Krippe, seine Passion? Verstehe ich dann?
Löst sich das Rätsel dort?“
Black Elk ist nie in Jerusalem angekommen. Das Geld hat gerade bis
Neapel gereicht, zu dem Ort, wo „die Erde brannte“; er hat den Vesuv
gesehen. Auf den Berg Zion ist er nicht gestiegen. In Bethlehem war
er nicht und nicht auf Golgatha. Im Herbst 1889 ist er, beunruhigt
durch eine Vision, die ihm etwas sagte über die große Gefahr, in der
sich die Seinen zu Hause befanden, zu ihnen nach Amerika
zurückgekehrt. Ein Jahr später, im Herbst 1890, kam es zum Massaker
am Wounded Knee Creek, mit dem die Weißen den
Indianern das Genick brachen. Black Elk war dabei, konnte kaum etwas
ausrichten, obwohl er todesmutig ins feindliche Feuer ritt, und war
verzweifelt über das, was er sah. Aber das Licht aus Jerusalem hat
ihn, auf Umwegen, dennoch erreicht. Während seiner Jahre in Europa
hatte er Teile der Bibel kennen gelernt, am meisten beeindruckt
hatte ihn wohl das Hohelied der Liebe aus dem 1. Korintherbrief:
„Und wenn ich meine ganze Habe verschenkte und mein Leben dem Feuer
übergäbe, hätte aber die Liebe nicht, nützte es mir nichts.“ Im
Rückblick schrieb er: „So also wollte ich allezeit von den
Gebräuchen des weißen Mannes nur seinen Glauben verstehen, des
weißen Mannes Überzeugungen von Gottes Willen, und wie sie ihm
folgend handeln.“ Vierzehn Jahre nach Wounded Knee hat er sich
taufen lassen und dabei – am 6. Dezember 1904, dem Nikolaustag – den
Namen Nicholas angenommen. Die meisten seiner
Stammesgenossen gehörten damals – wenigstens nominell – einer
christlichen Kirche an. Seine Frau Katie war ebenso getauft, wie es
dann die drei Kinder der beiden wurden. Nun – im Jahr nach Katies
Tod – folgte ihnen der Vater. Er wurde Christ.
Als Nicholas Black Elk blieb er ein treuer Katholik bis zu seinem
Tod am 19. August 1950. Warum wurde er katholisch, warum nicht
puritanisch-protestantisch? Weil die Sioux fanden, die Protestanten
seien mit der Staatskirche ihrer Eroberer allzu vorbehaltlos
verbündet. „Ihre Missionare und ihre Soldaten kämpften in den Augen
der Indianer denselben Kampf gegen sie. Die Katholiken hingegen
standen dem puritanischen Siedlerstaat distanzierter gegenüber. Ihre
Holy Rosary Mission hatte mitten im Kampfgebiet
gelegen während des Massakers [am Wounded Knee Creek], und ein
katholischer Priester war fast umgekommen bei dem Versuch, zwischen
den Fronten zu vermitteln“.
Es ist kurios: Nicholas Black Elk wurde Katechet, also Laienhelfer
der katholischen Missionare, und weil er sich dabei als überaus
engagiert und überzeugend erwies, wurde er zum bekanntesten
indianischen Missionar. Als alter Mann aber erzählte er sein Leben
einem weißen Mann. Der Schriftsteller aus Nebraska, Jonathan G.
Neihardt, stammte von eingewanderten Deutschen ab, von Siedlern und
Pionieren. Ihm vertraute Nicholas Black Elk seine Visionen an, die
er als Junge gehabt hatte. Und dass er ihnen nicht gerecht geworden
war. Die Große Vision, die ihn auszeichnete vor seinem Volk, ihm
aber auch Pflichten auferlegte – es zu führen, ihm beizustehen in
der Stunde höchster Gefahr –, seine Große Vision hatte er nicht
erfüllen können. Neihardt hörte zu, schrieb auf, was er hörte, fügte
Eigenes hinzu, und doch: Durch den weißen Dichter hindurch sprach
der indianische Schamane Black Elk, der Medizinmann mit dem
Rosenkranz. „Man konnte ihn nun hören, in Amerika, in
Europa, wenn man wollte, sogar bis Jerusalem. Er hatte die Lösung
des Problems gefunden, das ihn bedrückte: ein guter Katholik zu
sein, aber zugleich der letzte Sioux in voller Bedeutung.“ Er war
seine Geschichte und die seines Volkes losgeworden und seinen
Schmerz darüber, dass es ihm nicht möglich gewesen war, seinen
Auftrag zu erfüllen. „Er war sie losgeworden an die ganze Welt, und
Jonathan G. Neihardt war sein Bote“.
„Mache dich auf, werde licht; denn dein Licht kommt, und die
Herrlichkeit des Herrn geht auf über dir.“ Es ist ein gebrochenes
Licht, das der Medizinmann mit dem Rosenkranz auf die Zeit seines
eigenen Lebens – und bis in unsere Zeit fallen lässt. Nicholas Black
Elk ist nur bis Neapel, nicht bis nach Jerusalem gekommen. Aber in
dem Raum, der sich zwischen dem erlebten Wounded Knee und dem
ersehnten Jerusalem auftut, einem Raum voller Träume und voller
Gewalt, voller Schmerzen und voller uneingelöster Hoffnungen,
scheint ein Licht auf, das Menschen verschiedener Herkunft und
verschiedenen Glaubens leuchtet. Das Licht ist nur ein schwacher
Abglanz von jener Herrlichkeit des Herrn, die Jesaja aufgehen sah
über geschundene und desillusionierte Menschen in einer Vision, die
ihn fortriss. Aber es ist auch eine Erinnerung daran, dass uns ein
Licht versprochen ist, das nicht aus uns selbst kommt und das die
seltsamsten, am wenigsten erwarteten Wirkungen hervorbringt. Es gibt
zu erkennen, dass die Welt nicht nur ein Ort des Schreckens und der
Zerstörung ist, sondern auch der Raum, in dem sich Sympathie und
Solidarität, heilsame Erinnerung und der Wille zum Guten entwickeln
können. „Mache dich auf, werde licht; denn dein Licht kommt, und die
Herrlichkeit des Herrn geht auf über dir.“
Amen
Tagesgebet:
Gott, im Licht deiner Herrlichkeit tritt auch das Dunkel hervor.
Hilf uns, die dunklen Seiten in unserem Leben und in der Welt
wahrzunehmen und in deinem Angesicht zu benennen,
damit sie sich wandeln können in deinem Licht.
Wir bitten dich:
Lass das Dunkle nicht überhand nehmen.
Befreie uns von der Last unserer Schuld,
dass wir nicht vergehen unter ihr.
Vergib uns um Jesu Christi willen.
Wir bitten dich im Namen dessen,
der mit dir und dem Heiligen Geist lebt und lebendig macht in
Ewigkeit. Amen
Fürbitten:
Gott, wir danken dir für das Kind, den Mann, den Bruder Jesus
Christus,
der Licht in eine dunkle Welt gebracht hat:
Licht, das ihr einen neuen Schein gibt bis auf diesen Tag.
Wir bitten dich für alle, denen das Licht des Lebens verdunkelt ist,
die ohne Hoffnung und ohne Perspektive sind:
Gib auch in ihre Herzen einen hellen Schein.
Wir bitten dich für alle Menschen,
deren Leben in Gefahr ist,
weil sie nicht geliebt werden, weil sie Gleichgültigkeit oder Gewalt
unterworfen sind.
Mögen sie dir begegnen in der Gestalt von anderen,
die zu ihnen stehen und ihnen helfen,
ihr Leben nach einem neuen Bild zu bauen.
Gott, wir denken an diesem Tag besonders an die Menschen,
die von Unglück betroffen sind.
Denen das Wasser bis zum Hals steht, die alles verloren haben.
Die verfolgt werden um ihrer Religion willen,
ohne dass sie in ihrer Individualität geachtet würden.
Die sich selbst aufgegeben haben.
Die sich fürchten vor jedem Morgen, der heraufzieht.
Lass dein Erscheinen in der Welt ihnen allen zum Hoffnungslicht
werden.
Herr, segne die Glaubenden, beschütze die Liebenden,
und bewahre in uns allen die Zuversicht,
dass du alle Dinge zum Guten wenden kannst.
Vater unser im Himmel …
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