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Gottesdienst am 11. Sonntag nach Trinitatius, 19. 08. 2012,
im Dom zu Ratzeburg
– Galater 2, 16.18-21 –
Liebe Gemeinde!
„In Christus Jesus gilt weder
Beschneidung noch Unbeschnittensein etwas, sondern der Glaube, der
durch die Liebe tätig ist.“ Dieser Satz – er steht im 5. Kapitel des
Briefes, den Paulus an die Galater geschrieben hat – formuliert in
vollkommener Klarheit, worum es im ganzen Brief geht. Und
Klarheit, Deutlichkeit, ist das große Thema
des Briefes.
Es geht – natürlich – nicht um die aktuelle Frage, ob die
Beschneidung jüdischer Jungen in ihren ersten Lebenstagen ein
Eingriff in ihre körperliche Unversehrtheit ist oder ein religiöses
Zeichen, das sich rein medizinischer Beurteilung entzieht. Nein, es
geht um die Bedeutung jener Ordnungen, für die die Beschneidung ein
Symbol ist. Paulus sagt: Die Ordnungen sind ohne Bedeutung, wenn es
um die Beziehung zu Gott geht. Andere sagen: Wer mit Gott in
Beziehung sein will, kommt an ihnen nicht vorbei. Wer sich auf
Paulus beruft, könnte mit Hiob sagen: Nackt bin ich von meiner
Mutter Leibe gekommen („nackt und unbeschnitten“ könnte er
hinzufügen), nackt werde ich wieder dahinfahren. Daran
also liegt nichts, ob meinem Leib etwas hinzugefügt oder weggenommen
wird; es liegt aber alles daran, was ich zwischen Geburt und Tod tue
– und lasse. Ich vermute, dass Paulus diesen beiden Sätzen lebhaft
zustimmen würde.
I.
Aber nun er selbst, Paulus. Mit fünf Versen, sieben prägnanten
Sätzen aus dem Brief, den er, der Apostel, der Abgesandte, wie er
sich selbst nannte, an die in Galatien geschrieben hat. Ich lese aus
dem 2. Kapitel des Briefes (in der Übersetzung der neuen Zürcher
Bibel):
Weil wir wissen, dass ein Mensch nicht dadurch gerecht wird,
dass er tut, was im Gesetz geschrieben steht, sondern durch den
Glauben an Jesus Christus, sind auch wir zum Glauben an Christus
Jesus gekommen, damit wir aus dem Glauben an Christus gerecht würden
und nicht dadurch, dass wir tun, was im Gesetz geschrieben steht;
denn durch das Tun dessen, was im Gesetz geschrieben steht, wird
kein Mensch gerecht werden.
Schuldig mache ich mich dann, wenn ich wieder aufrichte, was ich
abgerissen habe. Denn dadurch, dass ich den Weg des Gesetzes zu Ende
gegangen bin, bin ich für das Gesetz tot. So kann ich fortan für
Gott leben. Ich bin mitgekreuzigt mit Christus: Nicht mehr ich lebe,
sondern Christus lebt in mir; sofern ich jetzt noch im Fleisch lebe,
lebe ich im Glauben an den Sohn Gottes, der mich geliebt und sich
für mich hingegeben hat. Ich will die Gnade Gottes nicht ausser
Kraft setzen. Denn wenn die Gerechtigkeit durch das Gesetz kommt,
dann ist Christus umsonst gestorben.
Einfach ist es nicht, was Paulus hier ausführt. Ich versuche
zunächst, in freier Übertragung das Wesentliche dieser Sätze
nachzuvollziehen. Ich, sagt Paulus, ich habe verstanden, dass
niemand den Forderungen Gottes Genüge leisten kann. „Gerecht“ macht
uns nichts von allem, was wir tun können, und wäre es noch so viel.
Ich habe aber auch verstanden, dass es einen anderen Weg gibt, Gott
recht zu sein. Dieser Weg führt nicht über das Tun, sondern über das
Glauben. Glaubst du an Christus, so hast du alles, was du brauchst,
um Gott recht – und ihm nahe zu sein. – Wenn du aber doch wieder auf
das setzest, was du tun kannst, verdirbst du alles. Du setzt die
Gnade Gottes außer Kraft, wenn du ihr mit Taten zu Hilfe kommen
willst. Tu meinetwegen, was im Gesetz geschrieben steht; aber glaub
nicht, dass das von irgendeiner Bedeutung für dein Verhältnis zu
Gott wäre. Das Leben in dir ist nicht dein eigenes, es ist
Christus in dir.
II.
Was Paulus meint, wird deutlicher, wenn es im Zusammenhang einer
Auseinandersetzung mit seinen Gegnern gehört wird. Der Galaterbrief
ist keine ruhige Erörterung, er ist eine wütende, mit Leidenschaft
geführte Kontroverse. Es ging, soweit sich das erkennen lässt, um
einen Streit zwischen Paulus und Petrus. Beide waren geborene – und
beschnittene – Juden. Paulus hatte verstanden, was er dann eben so
ausdrückte: „Ein Mensch wird nicht dadurch gerecht, dass er tut, was
im Gesetz geschrieben steht, sondern durch den Glauben an Jesus
Christus.“ Genau dies hatte ihn dazu gebracht, aller Welt davon zu
erzählen, dass alle Menschen unmittelbar zu Gott sind. Er, ein
jüdischer Mann, riss rhetorisch die Mauern ein, die bestimmte
Gruppen voneinander trennten: Religionen, Völker, grundlegende
Merkmale. Er schrieb (ebenfalls im Galaterbrief): „Hier ist nicht
Jude noch Grieche, hier ist nicht Sklave noch Freier, hier ist nicht
Mann noch Frau; denn ihr seid alle eins in Christus Jesus.“ Die
Unterscheidungen bleiben wohl bestehen, aber sie bedeuten nichts
mehr für das Verhältnis zu Gott: in Christus Jesus sind sie alle
eins, gleich unmittelbar zu Gott.
Paulus schreibt dies, weil er begründen will, warum er sich anders
verhält als Petrus, der Jünger Jesu gewesen war und also einer von
denen, die Jesus noch gekannt hatten. Was unterscheidet Paulus und
Petrus? Strittig zwischen ihnen war die Frage, ob es erlaubt sei,
mit nichtjüdischen Menschen Tischgemeinschaft zu halten. Darf ein
jüdischer Mann mit heidnischen Männern und Frauen essen? Ja, sagt
Paulus; denn hier ist nicht Jude noch Grieche. Ja, hat ursprünglich
auch Petrus gesagt – und hat mit Heiden zur Tisch gesessen. Dann
aber sind welche gekommen, die Bedenken hatten: falsche Brüder
nennt Paulus sie mit einem bösen Wort. Die haben Petrus dazu
gebracht, sich aus der Mahlgemeinschaft zurückzuziehen. Aus Angst
vor den Juden, sagt Paulus. Warum willst du Heiden zwingen, jüdisch
zu leben? fragt er Petrus. Denn das ist der Hintergrund: Die
falschen Brüder meinen, die Heiden könnten erst dann dabei
sein, wenn sie sich dazu verpflichtet hätten, das jüdische Gesetz,
die Tora, zu halten. Das sichtbare Zeichen dafür aber ist – die
Beschneidung. An ihr, so hat der eingeschüchterte Petrus gemeint,
kommt niemand vorbei, der – als Mann – Gott nahe sein will. Für
alle, die das wollen, gilt, dass sie wie Juden leben, also sich an
die Tora halten müssen. (Paulus nennt das: tun, was im Gesetz
geschrieben steht.) Darüber hinaus können sie dann noch mehr tun:
nämlich glauben, dass Jesus Christus der Sohn Gottes und der Messias
ist. – Nein, sagt Paulus dagegen: Wer an Christus glaubt, hat alles.
„Das ganze Gesetz ist in einem Wort erfüllt: »Liebe deinen Nächsten
wie dich selbst!«“ (Gal 5,14). Oder: „Die Liebe ist des Gesetzes
Erfüllung“ (Röm 13,10). Oder eben: „In Christus Jesus gilt weder
Beschneidung noch Unbeschnittensein etwas, sondern der Glaube, der
durch die Liebe tätig ist.“ Mehr braucht es nicht. Die Liebe ist das
Ganze, sie ist alles. Und darum kannst du essen und trinken, mit wem
du willst – wenn es in der Liebe geschieht, die euch mit Christus
verbindet. Wenn du, Petrus, aber Mauern wieder aufrichtest, die du
zuvor abgebrochen hattest – dann machst du dich schuldig.
III.
Was Paulus und Petrus unterscheidet, ist, dass der eine mehr Mut zur
Freiheit hat als der andere. Geborene Juden sind sie beide, und
beide wissen, was das Gesetz gebietet. Petrus versucht mit aller
Kraft, die Beziehung zu jüdischen Menschen und ihrer Lebensweise zu
halten – und nimmt es in Kauf, dass sein Bild der Freiheit
undeutlich wird. Paulus leidet entsetzlich darunter, dass die
meisten seiner Brüder (und Schwestern) aus dem Volk Gottes ihm in
seiner Entscheidung für Christus nicht folgen – aber er bleibt der
Freiheit treu, die er in Christus gewonnen hat. Petrus: der
Rücksichtsvolle, der Unentschiedene, der Zauderer, der in den Spagat
zwischen Liebe und Gesetz geht. Paulus: der Entschiedene, der
Souveräne, der Bestimmte, der sich auf die Seite der Liebe schlägt,
weil sie das ganze Gesetz in sich enthalte, ja: weil in ihr das
Gesetz erfüllt und vollendet ist. Beide scheinen mit ihrem eigenen
Weg nicht wirklich froh geworden zu sein. Der eine, Petrus, wird
zwischen sich ausschließenden Verbindlichkeiten aufgerieben und
zergeht bei dem Versuch, niemandem weh zu tun, sich von niemandem zu
trennen. Der andere, Paulus, findet zu einer Entschiedenheit, die
ihn zwingt, immer wieder in die Auseinandersetzung zu gehen, die ihn
einsam macht und vielleicht der Grund ist für eine Krankheit, die
ihn bis auf Blut peinigt. Ich wäre außerstande, den Typ Petrus
oder den Typ Paulus zur Nachahmung zu empfehlen.
IV.
Das Lied dieses Sonntags, dieser Woche – wir haben es in zwei
Abschnitten gesungen – heißt: Aus tiefer Not schrei ich zu dir.
Martin Luther, der das Lied gedichtet hat, meint nicht die Not, sich
zwischen den Positionen des Petrus und des Paulus entscheiden zu
müssen und es womöglich nicht zu können. Luther ist entschieden. Er
ist ganz auf der Seite des Paulus. Er weiß: Was Sünd und
Unrecht anrichten, können Menschen nicht gut machen.
Es ist doch unser Tun umsonst / auch in dem besten Leben.
Das ist die tiefe Not, die Luther kennt und meint. Er wirft sein
Herz über die Mauer und springt hinterher, wenn er schreibt:
Ob bei uns ist der Sünden viel, / bei Gott ist viel mehr Gnade; /
sein Hand zu helfen hat kein Ziel, / wie groß auch sei der Schade.
Will sagen: Gott scheitert nicht an dem, woran wir scheitern. – Aber
auch von Luther weiß man, dass er alles andere als ein
ausgeglichener Charakter war. Etwas wie seinen Seelenfrieden findet
man wohl auch dann nicht, wenn man denkend und glaubend ein Problem
„gelöst“ hat, das ohne Gott unlösbar wäre: dass es nie genug ist,
was wir tun, und auch die besten Absichten nicht das Gute
hervorbringen.
V.
Was bleibt, ist der Ruf der Freiheit. Das Leben in Freiheit ist
schwierig und anstrengend, und es ist sehr wohl möglich, dass es
nicht glücklich macht. Für sich hat es, dass es wenigstens in
Augenblicken, die dann zu den besten werden können, zu einer
wunderbaren Klarheit führt. Ihr Kennzeichen sind Sätze wie: Glaubst
du, so hast du; glaubst du nicht, so hast du nicht. Martin Luther in
seiner Schrift Von der Freiheit eines Christenmenschen,
1520 (Zum neunten). Oder dieser: Liebe – und tu, was du willst.
Aurelius Augustinus, um 400. Oder: Sarah Kirsch, Anziehung.
Nebel zieht auf
das Wetter schlägt um
der Mond versammelt Wolken im Kreis
das Eis auf dem See hat Risse
und reibt sich.
Komm über den See!
Schlechte Bedingungen, um über das Eis zu gehen. Nebel,
umschlagendes Wetter, das Eis hat Risse, es knirscht. Aber dieser
Ruf: Komm über den See!
Der Streit zwischen Paulus und Petrus geht weiter bis auf diesen
Tag. Wo er ausgetragen wird, ist er ein untrüglicher Hinweis darauf,
dass es um Wesentliches geht, um das pochende Herz in der Mitte des
Lebens vor Gott.
Amen
Tagesgebet:
Wie ein offenes Buch liegen wir vor dir, Gott:
du siehst, dass wir uns zu hoch oder zu gering einschätzen,
du weißt, dass wir das Wollen und das Vollbringen nicht
zusammenbekommen.
Zeig uns, wer wir in deinen Augen sind,
lass uns das Bild sehen, das du von uns hast.
Wir bitten dich um deine befreiende Gegenwart,
wenn wir jetzt hier vor dir sind, in deinem Angesicht.
Wir bitten dich durch Jesus Christus, unsern Bruder und Herrn.
Amen
Fürbitten:
Gott, der du leere Räume füllst mit deiner Gegenwart,
der du dich hinwendest zu allen und abwendest von keinem,
der du die Toten lebendig machst und den Lebenden Gegenwart
schenkst:
wir danken dir für das kostbare Leben, das du uns gegeben hast.
Dass wir lieben und arbeiten, allein und gesellig sein,
entwerfen und ausführen, lachen und weinen können.
Wir danken dir für Glück und Schmerz, die Geschwister sind,
für das Verlangen nach Nähe und die Lust an der Auseinandersetzung,
für den Mut, die Hoffnung, die Beharrlichkeit, das Wunder.
Wir lernen und verstehen, dass nichts für immer ist, nur deine
Gegenwart.
Du, Gott, bist ewig, unsere Zeit aber vergeht, und unser ist der
Augenblick.
Wir bitten dich, dass uns gelinge, was du uns zumutest und zutraust:
dass wir das Leben stärken gegen die Macht des Todes,
dass wir Recht üben und Freundlichkeit lieben und aufmerksam
mitgehen mit dir.
Fülle uns, forme uns, brauche uns.
Gott, deine Möglichkeiten sind nicht begrenzt wie die unseren. Du
beschenkst Menschen unerschöpflich mit neuen Perspektiven,
mit frischer Zuversicht und der Fähigkeit, etwas zu beginnen, neue
Anfänge zu machen.
Wir bitten dich für alle, die daran nicht glauben können,
die sich nichts zutrauen und versinken in ihrem Unglück.
Rechne ihnen nicht ihren Kleinmut zu,
sondern inspiriere sie mit dem Zutrauen, das andere haben.
Die Verkrümmten mögen sich aufrichten,
die zerschlagenen Gebeine lass fröhlich werden,
und die mit Tränen säen, mögen ernten mit Freuden.
Tu Großes, Gott, an denen, die gefangen sind in Kummer, Schmerz und
Trauer.
Uns allen gib einen langen Atem durch deinen Geist.
Dir sei Lob und Ehre in Ewigkeit.
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