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Gottesdienst am 4. Sonntag nach Trinitatis, 7.09.2014,
im Dom zu Ratzeburg
– 1. Korinther 3, 9-15 –
Liebe Gemeinde,
als David McAllister noch
Ministerpräsident des Landes Niedersachsen war, hat er seine
Landsleute so charakterisiert: „Die Niedersachsen sind vernünftige
und bodenständige Leute. Wir stehen mit beiden Beinen auf der Erde.
Aber wir haben auch den nötigen Weitblick und denken also über den
Tag hinaus.“ Um diesen Eindruck zu begründen, zitierte McAllister
einen plattdeutschen Wahlspruch. Den findet man an den Giebeln
mancher Fachwerkhäuser etwa im Alten Land, dem großen Obstbaumgebiet
an der Elbe: „Stoh fast, kiek wiet un rög di“. (Das heißt auf
Hochdeutsch ungefähr: Steh sicher, blick in die Weite und rühr dich,
beweg dich.) Ist der Satz nur das Markenzeichen einer Region?
Womöglich ist auch der Nachhall einer urchristlichen Gesinnung in
ihm zu spüren. Sie setzt sich zusammen aus drei Bestandteilen, die
scheinbar schwer zu vereinbaren sind: Festigkeit nach unten,
Offenheit nach oben, Beweglichkeit nach vorn. Die Festigkeit könnte
man mit einem biblischen Satz in Verbindung bringen, der auf den
Grundstein mancher Kirchen geschrieben ist: „Einen anderen Grund
kann niemand legen als den, der gelegt ist, welcher ist Jesus
Christus.“ Eine so feste Verankerung schließt Offenheit und
Beweglichkeit – kiek wiet, schau ins Weite; rög di, rühr dich
– nicht aus. Im Bild gesprochen: Auf ein und dasselbe Fundament
lassen sich sehr verschiedene Häuser bauen, die man im Laufe der
Zeit verändern, erweitern, erneuern, vielleicht aufstocken kann.
Natürlich meinen die Niedersachsen mit dem Rög di auch, dass man
sich in Bewegung setzen muss, um etwas zu erreichen; Wohlstand kommt
nicht zu den Untätigen. Davon hat Paulus in seinem Brief an die von
ihm selbst gegründete christliche Gemeinde in Korinth nichts gesagt.
Aber es gibt doch Beziehungen zwischen dem plattdeutschen Spruch und
dem Briefausschnitt, um den es heute in der Predigt gehen soll. Der
Apostel schreibt:
Wir sind Gottes Mitarbeiter; Gottes Ackerfeld und Gottes Bau seid
ihr. Gemäß der Gnade Gottes, die mir gegeben wurde, habe ich als
kundiger Baumeister das Fundament gelegt, andere bauen darauf
weiter. Jeder aber sehe zu, wie er darauf weiterbaut! Denn ein
anderes Fundament kann niemand legen als das, welches gelegt ist:
Jesus Christus. Ob nun einer mit Gold, Silber, Edelsteinen, Holz,
Schilfrohr oder Stroh auf dem Fundament weiterbaut – eines jeden
Werk wird offenbar werden, denn der Tag des Gerichts wird es ans
Licht bringen, weil er sich im Feuer offenbart: Wie eines jeden Werk
beschaffen ist, das Feuer wird es prüfen. Hat das Werk, das einer
aufgebaut hat, Bestand, so wird er Lohn empfangen. Verbrennt sein
Werk, so wird er Schaden erleiden – er selbst aber wird gerettet
werden, freilich wie durch Feuer hindurch (nach der Übersetzung der
neuen Zürcher Bibel, 2007).
Mit den Bildern ist es so wie manchmal, wenn Paulus etwas deutlich
machen will: Sie sprudeln aus ihm heraus, und nicht alles passt
zusammen. Wer würde schon Gold, Silber oder Edelsteine verbauen? Mit
Holz, Schilfrohr oder Stroh ist es wieder anders. In jenen
Fachwerkhäusern, von denen schon die Rede war, sind sie als
Baumaterial unentbehrlich. Auf ein Fundament aus großen Feldsteinen
wird ein Skelettbau aus Holz gesetzt. Wie es mit dem Bauen dann
weitergeht, das schließt gradlinig an uralte Techniken an, wie ein
Lexikon sie beschreibt: „Mauern wurden im Wesentlichen aus
luftgetrockneten Ziegeln gebaut, die aus mit Stroh vermengtem Lehm
bestanden … Der Lehm wurde mit Wasser und Stroh vermischt und
geknetet, dann in Formen gepresst und anschließend in der Sonne
getrocknet. Diese Ziegel waren so widerstandsfähig, dass man mit
ihnen sogar Festungen baute“. Mit Stroh vermische Lehmwände kann man
bis heute im Inneren älterer Fachwerkhäuser finden. Auf eine über
den Köpfen fixierte Strohmatte hat man noch vor hundert Jahren eine
dünne Schicht Mörtel aufgetragen, die die Zimmerdecke bildete. Und
Schilfrohr, das Reet, wird bis heute beim Dachdecken verwendet. –
Nur sind gerade alle diese Materialien eben nicht feuerfest. Sie
sind unentbehrlich und erstaunlich beständig, aber im Feuer vergehen
sie. Die Bilder, die Paulus gebraucht, „stimmen“ in den Details
nicht. Und doch meinen wir zu verstehen, was er sagen will: Nicht
auf das Material kommt es am Ende an, sondern darauf, dass es
tauglich ist für den jeweiligen Bau. Ob es das ist, wird sich in
einer Art Feuerprobe erweisen, meint er. Dabei muss es nicht
buchstäblich brennen. Es wird sich zeigen, ob ein Haus klug gebaut
ist, ob es Bestand hat, ob man darin wohnen, leben und arbeiten
kann. Wer es gut gemacht – also etwa die natürlichen Stoffe am
rechten Ort verbaut – hat, kann selbst Stroh in Gold
verwandeln. Wer aber schlecht, also mit untauglichen Materialien,
gebaut hat, wird um den Lohn der Arbeit gebracht werden: Das Gebäude
ist undicht, nicht wetterfest, es hält dem Wechsel von Frost und
Hitze nicht stand, in den Mauern bilden sich Schimmel oder Schwamm –
wohl das, was in der Hebräischen Bibel als Aussatz am Haus
bezeichnet wird. Das Haus taugt nichts, im schlimmsten Fall muss es
verlassen, aufgegeben und abgerissen werden.
Jenseits der Bilder oder mit ihnen spricht Paulus von einer sehr
vielfältigen religiösen Orientierung der Leute in Korinth. Ich deute
das hier nur an. Einige folgen dem Apollos, andere dem Kephas,
wieder andere ihm, Paulus. Eine vierte Gruppe beruft sich auf
Christus. (Als stünde Jesus Christus für eine von mehreren Parteien
oder Fraktionen der Gemeinde in Korinth.) Für Paulus ist diese
Unterscheidung ganz unerträglich. Aber er versucht sich in
Gelassenheit. Er sagt: Christus ist der Grund, das Fundament des
Hauses. Alle anderen, wie immer sie heißen mögen, bauen auf ihm auf.
Und am Ende wird sich dann zeigen, wer klug und solide gebaut – und
wer nur ein „aussätziges“ Haus zustande gebracht hat.
Es ist sehr überraschend, dass Paulus die unklugen Bauherrn nicht
mit den Häusern gleichsetzt, die sie hervorgebracht haben. Auch wenn
ihre Bauten nichts taugen, sagt er, werden sie selbst nicht
verworfen. Der Schluss des Briefabschnitts bringt eine wahrhaft
„erlösende“ Perspektive ins Spiel. Paulus meint: Die zweifelhaften
„Aufbauten“ beschädigen das Fundament nicht. Das eine sind die
Konstruktionen, die sichtbar in die Höhe wachsen; nicht alles, was
da entsteht, hat Bestand. Vieles verwirft sich – aus einer späteren
Perspektive betrachtet – von selbst, bringt als Reet oder Stroh
nicht mehr als ein Strohfeuer hervor und gleicht nicht dem
Gold (oder Silber), das im Feuer geläutert ist.
Das andere ist das unsichtbare Fundament, von dem Paulus sagt, es
sei gelegt, und niemand könne es durch ein anderes ersetzen. Paulus
unterscheidet – so meine ich – konsequent zwischen dem Tun und den
Tätern: Die mögliche Verwerflichkeit der einzelnen Taten bedeutet
nicht, dass diejenigen verworfen werden, die sie hervorgebracht
haben. Das ist, wie mir scheint, eine sehr souveräne Bilanz.
An dieser Stelle komme ich kurz auf Dragomir zu sprechen. Dragomir
besucht die 7. Klasse einer Sonderschule, und er hat Erfahrung
damit, wie es ist, „Scheiß zu bauen“. Mit scheinbar leichter Hand
hat er einen Satz formuliert, der gut als Motto einer christlichen
Ethik durchgehen könnte: „Der Teufel kann Scheiß bauen, Gott kann
nur lieben, nur Menschen können alles: Scheiß und Liebe.“ Paulus
würde wohl hinzufügen: Wer Scheiß baut, wird sich
dafür verantworten müssen, aber er kommt dafür nicht ins ewige
Feuer.
Gestritten werden kann – und muss – um das, was Menschen
hervorbringen. Es ist nicht gleichgültig, ob wir – wie Dragomir sagt
– „Scheiß oder Liebe bauen“. Aber die Werke entscheiden nicht über
den Wert eines Menschen. Paulus besteht eigensinnig darauf, dass
jene, deren Taten keinen Bestand haben, zwar geschädigt (sogar
gestraft), aber nicht ein Opfer ihrer Taten werden sollen. Sie
werden, sagt er, „gerettet – freilich wie durch Feuer hindurch“. Er
variiert diese Überzeugung wenig später in demselben Brief an die
Gemeinde in Korinth, wenn er schreibt: „Der Herr (Christus) wird ans
Licht bringen, was im Finstern verborgen ist, und wird das Trachten
der Herzen offenbar machen“ – und danach, völlig überraschend,
fortfährt: „Dann wird einem jeden von Gott sein Lob zuteil werden“.
Für Lob kann man auch setzen: Wertschätzung,
Anerkennung. In der Aufgeregtheit der korinthischen
Kontroversen muss dieser unerwartete Satz wie eine ruhige und
beruhigende Erklärung gewirkt haben. Und so kann er auch in ganz
anderen Zeiten gehört werden, auch heute: Nicht alles, was du in
deinem Leben getan hast, hat Bestand. Du weißt es selber. Aber
du hast Bestand. „Ein jeder wird von Gott sein Lob
empfangen.“
Eine versteckte, kaum bekannte alttestamentliche Erzählung lese ich
als Vor-Schein auf diese erlösende Unterscheidung zwischen Tat und
Täter. Die Geschichte erzählt, wie eine „kluge Frau aus Tekoa“ vor
dem König David Fürsprache einlegt für den von ihm verstoßenen Sohn
Absalom. Der hat seinen Bruder Amnon heimtückisch getötet. In seinem
Schmerz um den ältesten Sohn und seinem Groll auf dessen Mörder hat
David Absalom wissen lassen, er möge ihm nie wieder unter die Augen
treten. Als Zeit vergangen ist, interveniert jene Frau aus Tekoa
beim König. Sie erzählt ihm eine erfundene Geschichte, in deren
Spiegel David sein Verhalten dem Erstgeborenen gegenüber erkennt,
und spricht den folgenden Satz: „Wir sterben des Todes und sind wie
Wasser, das auf die Erde gegossen wird und das man nicht wieder
sammeln kann; aber Gott will nicht das Leben wegnehmen, sondern er
ist darauf bedacht, dass das Verstoßene nicht auch von ihm verstoßen
werde.“ In ihrer Bildkräftigkeit ist die Bemerkung der „klugen Frau“
ein erschütternder Hinweis auf die Hinfälligkeit des Lebens, der
alle Menschen unterworfen sind. In ihrer starken Aussage über Gott,
der nicht das Leben wegnehmen will, ist sie reines
Evangelium. Und dem kann auch der König nicht widerstehen. Er lässt
Absalom wissen, er könne nach Jerusalem und also in die Nähe des
königlichen Vaters zurückkehren.
Nicht alles, was du in deinem Leben getan hast, hat Bestand. Du
weißt es selber. Aber du hast Bestand. Niemand kann sich das selbst
sagen. Aber es ist uns gesagt. Was nichtig war, verbrennt. Der Kern
– die Person – bleibt vor Gott bestehen. Und so unglaublich es ist:
Es darf geglaubt werden.
Amen
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