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Die Anfänge des
kirchlichen Lebens in Ratzeburg und im Lande Lauenburg gehen in die Mitte des
11.Jahrhunderts zurück. Sie sind eng verknüpft mit dem Namen Adalberts von Bremen, der
als nächster Berater des jungen deutschen Königs Heinrich IV. und als Erzbischof des Erzbistums Hamburg-Bremen zu den bedeutendsten Fürsten seiner Zeit gehörte. Mit der
ihm eigenen Tatkraft griff Adalbert die alte Missionsaufgabe der Hamburger Kirche wieder
auf. Er schickte seine Sendboten nicht nur in die Länder des Nordens bis nach Island und
Finnland, sondern auch in das Gebiet östlich der alten sächsischen Stammesgrenze, in das
heutige Ostholstein, Lauenburg und das westliche Mecklenburg, jene Gegend also, die seit
Tagen Kaiser Ottos des Großen als Grenzmark unter der Oberhoheit der sächsischen
Herzöge aus dem Geschlecht der Billunger stand. Zwar hatte bereits Otto I. versucht, in
diesem Gebiet der christlichen Lehre den Weg zu öffnen, indem er um das Jahr 948 in
Oldenburg in Holstein ein Missionsbistum errichtete; aber in den ständigen Kämpfen
im deutsch-slawischen Grenzraum des ausgehenden 10. und frühen 11. Jahrhundert war dieses Bistum wieder zugrunde gegangen. Adalberts Beginnen schien unter einem günstigeren Stern zu stehen. Der Slawenfürst Gottschalk, der das weite Gebiet zwischen Trave und Peene beherrschte, bekannte sich seit seiner Jugend zum christlichen Glauben und förderte das Werk des Erzbischofs auf jede Weise. So konnten etwa seit dem Jahre 1050 in Oldenburg, Lübeck, Ratzeburg und an anderen Orten Kirchen und Klöster errichtet werden. In Ratzeburg, dem Mittelpunkt des Gaues der Polaben, nahmen diese Mönche unter Ansverus ihren Sitz am westlichen Ufer des Sees auf dem Georgsberg gegenüber der slawischen Burg. Adalbert erkannte auch, daß für die kirchliche Verwaltung des großen Missionsgebietes ein Bistum allein nicht ausreichte. So beschränkte er das erneuerte Bistum Oldenburg auf das Land Wagrien und beschloß, für Polabien in Ratzeburg und für das Gebiet der Obotriten in Mecklenburg neue Bistümer zu errichten. Der genaue Zeitpunkt dieser Bistumsgründungen steht nicht fest. Eine Urkunde König Heinrichs IV. aus dem Jahre 1062, durch die dem Sachsenherzog Ordulf die Burg Ratzeburg geschenkt werden sollte, läßt erkennen, daß hier ein Bistum noch nicht bestand, aber bereits geplant war. Ein Grieche namens Aristo, der aus Jerusalem an den Hof des Erzbischofs gekommen war, wurde von Adalbert zum Bischof geweiht. Es ist aber fraglich, ob er überhaupt noch dazu gekommen ist, in seinem Ratzeburger Sprengel nennenswerte Wirksamkeit zu entfalten. Denn wenige Jahre später brach Adalberts Werk zusammen. Als im Jahre 1066 seine deutschen Gegner am Königshof gestürzt wurden, erhob sich im Slawenland eine heidnische Reaktion. Gottschalk selbst wurde erschlagen, seine Witwe und ihr Sohn mußten das Land fluchtartig verlassen. Überall wurden die Kirchen und Klöster zerstört. Über das Schicksal des Bischofs von Aristo hören wir nichts. Ansverus und seine Brüder wurden von den Slawen gesteinigt. Bischof Evermod ließ 100 Jahre später ihre Gebeine unter dem Altar des Ratzeburger Domes beisetzen. Noch heute erinnert das Ansveruskreuz bei Einhaus an diesen Märtyrer des christlichen Glaubens. Seine Lebensgeschichte und sein Martyrium sind auf einer Bildtafel (1681) in der nordöstlichen Apsis des Ratzeburger Domes dargestellt. Die Arbeit der Kirche war für lange Zeit vernichtet. Wohl konnte Gottschalks Sohn Heinrich am Ende des Jahrhunderts wieder zurückkehren und die Herrschaft seines Geschlechtes von Alt-Lübeck erneut begründen. Doch blieb die Kirche von Alt-Lübeck für lange Zeit das einzige christliche Gotteshaus im Slawenland. Erst als im zweiten Viertel des 12.Jahrhunderts der Zug der deutschen Siedler nach dem Osten im Raum an der unteren Elbe überall einsetzte, trat auch für das Ratzeburger Land ein Wandel ein. Zwei Männer haben der endgültigen Christianisierung und Germanisierung des Landes den Weg bereitet: Heinrich der Löwe als Herzog von Sachsen und Graf Heinrich von Ratzeburg. Es war eine der ersten Regierungshandlungen des damals noch jungen Herzogs, daß er im Jahre 1143 eine eigene Grafschaft errichtete und sie an Heinrich von Badewide übertrug, der vorher zeitweilig die Grafschaft Holstein innegehabt und sich hier in den Kämpfen gegen die Slawen ausgezeichnet hatte. Wenn es in der Inschrift des Heinrichsteines in Ratzeburg heißt, Graf Heinrich habe zur Zeit König Konrads III. und Herzog Heinrichs von Sachsen das Christentum begründet, so ist damit die geschichtliche Leistung des ersten Ratzeburger Grafen treffend charakterisiert. Er erbaute seine Burg an jener Stelle, an der sich einstmals ein slawischer Burgwall erhoben hatte. Im Gefolge Heinrichs von Badewide kamen in steigendem Maße deutsche Ritter und Bauern ins Land, vor allem aus dem Gebiet südlich der Elbe. So konnten jetzt die ersten Kirchen errichtet werden. In Ratzeburg selbst wurde das verfallene Kloster auf dem Georgsberg wieder hergestellt. Ebenso lassen sich im südlichen Lauenburg die Spuren der deutschen Siedlungsarbeit in dieser Zeit deutlich erkennen. Damit war hier wie in den Gebieten weiter nördlich die Voraussetzung für die Neugründung der 1066 vernichteten Bistümer geschaffen. Was damals Adalbert von Bremen geplant hatte, wollte jetzt Erzbischof Hartwig von Bremen vollenden. So entschloß er sich im Jahre 1149, die drei alten Bistümer im Wendenland wieder ins Leben zu rufen und setzte zunächst für Oldenburg und Mecklenburg zwei Bischöfe ein. In Oldenburg wurde Vicelin Bischof, der in Wagrien seit mehr als zwei Jahrzehnten eine reiche Missionstätigkeit entfaltet hatte. Erzbischof Hartwig von Bremen war zu diesem Schritt zweifellos berechtigt; nur war sein Vorgehen, das ohne jede Fühlungnahme mit Herzog Heinrich erfolgte, eine diplomatische Unklugheit. Zwischen dem Erzbischof und dem Herzog war es schon früher zu Konflikten gekommen. Heinrich der Löwe war nicht gewillt, das selbständige Handeln des Erzbischofs zu dulden. Als Markgraf dieses Gebietes nahm er das Recht, hier Bischöfe einzusetzen, für sich in Anspruch. Dieser Streit um die Investitur der Bischöfe im nordelbingischen Raum lähmte auf Jahre die kirchliche Arbeit im Lande. Sie machte auch die Neugründung des Ratzeburger Bistums zunächst unmöglich. Erst Friedrich Barbarossa, der im Jahre 1152 den deutschen Königsthron bestieg, machte diesem unerquicklichen Streit ein Ende. Es entsprach dem guten Einvernehmen zwischen ihm und Herzog Heinrich in den ersten Jahren, daß er die Streitfrage zugunsten des Herzogs entschied. Auf einem großen Reichstag, den Friedrich im Jahre 1154 in Goslar abhielt, erteilte er Heinrich dem Löwen das Recht, in seiner Mark Bistümer und Kirchen zu errichten und die Bischöfe von Oldenburg, Mecklenburg und Ratzeburg in ihr Amt einzuweisen. Ein Faksimile dieser Urkunde ist in der Kunstkammer des Ratzeburger Domes ausgestellt. Das Recht der Bischofsinvestitur, das in dieser Zeit als ein königliches Vorrecht galt, wurde damit dem Herzog übertragen. Hier wie auch sonst waltete Heinrich der Löwe als Vertreter des Königtums im norddeutschen Raum. Gestützt auf dieses wichtige Privileg vollzog Herzog Heinrich noch im gleichen Jahr die Gründung des Bistums Ratzeburg. Der genaue Zeitpunkt ist uns nicht überliefert. Da aber der Herzog den König Anfang Oktober des Jahres von Augsburg aus auf seinem ersten Zug nach Italien begleitete, muß die Stiftung des Ratzeburger Bistums im Juli oder August 1154 erfolgt sein. Auch sonst sind uns die Vorgänge bei der Errichtung des Bistums in den Quellen deutlich greifbar. Herzog Heinrich setzte Evermod, den Probst des Prämonstratenserstiftes St. Marien in Magdeburg, als Bischof ein und hat ihm zweifellos die Investitur erteilt. Graf Heinrich von Ratzeburg überließ die Insel neben der Burg als künftige Wohnstätte für Bischof und Kapitel und für die Errichtung eines Gotteshauses. Außerdem trat er dem Herzog dreihundert Hufen für die Ausstattung des neuen Bistums ab und schloß mit dem Bischof ein Abkommen über den Zehnten in seinem Sprengel. Das Zehntrecht als solches sollte dem Bischof zustehen, doch trat er die Hälfte der Zehnten dem Grafen als Lehen ab. Nur im Gebiet der dreihundert Hufen sollte der Bischof alle Einkünfte erhalten. Wenn sich Heinrich der Löwe entschloß, in Ratzeburg nicht einen Geistlichen aus der Umgebung, sondern den Magdeburger Probst einzusetzen, so war dabei zweifellos der Wunsch maßgebend, die Erfahrungen, die die Prämonstratenser im Gebiet der Mittelelbe während der Kolonisation gemacht hatten, auch für seinen Herrschaftsbereich nutzbar zu machen. Evermod war einer der ältesten und eifrigsten Jünger des Ordensgründers Norbert von Xanten und hatte sich durch seinen Dienst für die Ideale des Ordens einen besonderen Namen gemacht. Mit ihm kamen die ersten Domherren aus seinem Magdeburger Stift nach Ratzeburg. Das Domkapitel sollte aus einem Probst und zwölf Brüdern bestehen; doch ist diese Zahl wohl erst im Laufe der Jahre erreicht worden. Den Abschluß des ganzen Gründungsvorganges bildete die Bestätigung der neuen Stiftung durch den Papst. Hadrian IV. sprach sie im Jahre 1158 in einem feierlichen Privileg aus, das er Evermod und seinen Brüdern auf Bitten des Herzogs erteilte. Er nahm das Bistum in seinen Schutz und bestätigte dessen Rechte und Besitzungen. Von entscheidender Bedeutung für die weitere Entwicklung des kirchlichen Lebens war, daß der Herzog im Jahre 1160 bei einem kühnen Vorstoß ins Oboritenland dieses zum größten Teil in seine Hand bekommen konnte. Schwerin wurde erobert und Besitz des deutschen Grafen. Auch das Bistum Mecklenburg wurde jetzt hierher verlegt. Im gleichen Jahre wurde auch die Stadt Lübeck anstelle des abgelegenen Oldenburg zum Bischofssitz für das Land Wagrien. Damit fand der kirchliche Aufbau der nordelbischen Lande seinen organisatorischen Abschluß. Der klugen Diplomatie Friedrich Barbarossas war es inzwischen gelungen, einen Ausgleich zwischen dem Herzog und dem Bremer Erzbischof herbeizuführen. Hartwig von Bremen stimmte den Maßnahmen Heinrichs des Löwen jetzt zu. Gemeinsam haben beide Fürsten den Umfang des Ratzeburger Sprengels bestimmt. Zunächst wurden die Bille und die Elbe als Grenze im Südwesten festgelegt. Später wurden auch die Grenzen gegenüber den Nachbarbistümern Schwerin im Osten, Havelberg und Verden im Süden und Lübeck im Nordwesten genau umschrieben. So umfaßte jetzt Ratzeburg einen guten Teil des westlichen Mecklenburg und erstreckte sich im Nordosten bis in das Gebiet von Wismar. Vor allem aber war der Herzog bestrebt, die Rechtsstellung des Bischofs festzulegen. In diesem Punkte unterschieden sich die drei von ihm gegründeten Bistümer wesentlich von allen anderen deutschen Bistümern. Während diese nur direkt dem deutschen König unterstanden und ihre Bischöfe damals fast schon die Stellung eines Landesherrn innehatten, waren die drei nordelbischen Bistümer dem Herzog untergeordnet. Die Ernennung der Bischöfe stand ganz in seinem Ermessen. Die Gerichtshoheit des Herzogs machte an den Grenzen des Bistums nicht Halt. Heinrich der Löwe nahm für sich auch das Recht in Anspruch, die bischöflichen Hintersassen vor sein Gericht zu ziehen. Die Stiftsvogtei, deren Inhaber anstelle des Bischofs die Rechtsordnung über Leben und Tod ausübten, lag in der Hand des Grafen. So war eine enge Verbundenheit zwischen weltlicher und kirchlicher Verwaltung gesichert. Der Gegensatz zwischen kirchlicher und geistlicher Macht, der sich im Westen damals so verhängnisvoll auszuwirken begann, war auf dem Boden der ostdeutschen Kolonisation im Bereich des Herzogs vermieden. Der innere Ausbau des Ratzeburger Bistums ist dementsprechend auch das gemeinsame Werk von Bischof und Graf gewesen. Deutsche Siedlung und Kirchgründung gingen hier im deutschen Osten Hand in Hand. In lapidaren Worten sagte der zeitgenössische Chronist Helmold von Bosau am Plöner See über dieses Werk: "Graf Heinrich brachte eine Menge Leute aus Westfalen herbei, damit sie das Land der Polaben bewohnen sollten, und ließ ihnen das Land zum Erbe austeilen. Und sie bauten Kirchen und lieferten die Zehnten von ihren Früchten zum Dienst am Hause des Herrn." Als Graf Heinrich etwa im Jahre 1164 starb, folgte sein Bruder Bernhard I. Er hat das Werk seines Vaters mit der gleichen Tatkraft fortgesetzt. Leider sind uns die Namen der damals gegründeten Kirchen nicht ausdrücklich überliefert. Wir werden aber mit der Annahme nicht fehl gehen, daß bis zum Ende der 70er Jahre etwa 25 Kirchen im Bistum Ratzeburg entstanden sind. Von Rückschlägen, wie sie das Nachbarbistum Schwerin erleben mußte, blieb Ratzeburg weitgehend verschont. Ein ganz besonderes Anliegen des ersten Bischofs mußte es natürlich sein, seinem Bistum einen würdigen Dom zu schaffen. Wann dieser Bau auf der Nordspitze der Insel begonnen hat, können wir nicht sagen. Die Quellen lassen uns darüber ganz im Stich. Der Chronist Arnold von Lübeck berichtet, daß im Jahre 1173 vom Herzog der Grundstock zum Lübecker Dom gelegt sei, und daß Heinrich jedes Jahr hundert Mark zum Fortgang des Baues gestiftet habe. Die gleiche Summe habe er auch für Ratzeburg jedes Jahr gegeben. Aus dieser Bemerkung hat man mit Recht geschlossen, daß der Bau des Ratzeburger Domes schon vorher begonnen war. Wir nehmen an, daß dies etwa im Jahr 1165 geschah. Hier wie in Lübeck war die Anlage eines so großen Gotteshauses überhaupt erst mit der Unterstützung des Herzogs möglich. Die Bistümer wären aus eigener Kraft damals noch nicht in der Lage gewesen, ein so großartiges Werk zu errichten. Nach einer Amtszeit von mehr als zwanzig Jahren ist Bischof Evermod im Februar 1178 gestorben. Heinrich der Löwe hatte durch die Übersteigerung seiner Herrschaftsansprüche überall im Lande eine immer stärkere Opposition hervorgerufen. Zwischen Friedrich dem I. und ihm war es ebenfalls zu einem Bruch gekommen, da er seinem kaiserlichen Vetter auf seinem letzten Italienfeldzug die erbetene Hilfe verweigert hatte. Auch im Ratzeburger Domkapitel regte sich jetzt gegen den Herzog eine Opposition. Der Domprobst Otto strebte selbst nach der Bischofswürde. Demgegenüber konnte der Herzog seinen Willen durchsetzen. Im folgenden Jahr hat er Isfried, den bisherigen Probst des Prämonstratenserstiftes Jerichow, zum Bischof von Ratzeburg erhoben und ihm die Investitur für sein Bistum erteilt. Es war die letzte Maßnahme, die der Herzog für das Bistum traf. Schon damals stand er mitten in Kämpfen mit dem Kaiser und den übrigen sächsischen Fürsten, die im Jahre 1180 zum Sturz des Herzogs und zu seiner zeitweiligen Verbannung aus Deutschland führten. Der Tod Evermods und der Sturz Heinrichs des Löwen bilden den Abschluß der ersten Phase in der Geschichte des Ratzeburger Bistums. Am Ende seines Lebens konnte Evermod auf ein gesegnetes Werk zurückblicken. Wohl war der Dom, in dem er beigesetzt wurde, noch nicht vollendet. Auch die Gründung von christlichen Gemeinden und Kirchen war in seinem Sprengel noch nicht zum Abschluß gekommen. Aber er hatte in unermüdlichem Ringen eine Arbeit begonnen, die reiche Früchte tragen sollte. Karl Jordan, gekürzte Version |